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Die Rückkehr der Tragödie

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„Es ziehen aber Konflikte herauf, die sich nicht mehr ökonomisch befrieden lassen." Diesen, im Februar 1993 lakonisch dahingeschriebenen Satz, ignorierten die Entrüsteten, als Botho Strauß' umstrittener Essay „Anschwellender Bocksgesang" in den Feuilletons der Nachwendezeit die Runde machte.

„Anschwellender Bocksgesang" - das meinte: die Tragödie kehrt zurück, laut, plötzlich und zerstörerisch. Sie wird sich nicht von volkswirtschaftlichen Wachstumspunkten klein halten lassen. Mit einem Schlag platzt sie wuchtig und unaufhaltsam in die ökonomisch domestizierten Gesellschaften des Westens - mit all ihrer unerträglichen Größe und Bestimmtheit.

Dieser Satz wurde in seiner prophetischen Kraft nicht ignoriert, weil seine Erfüllung als unwahrscheinlich galt. Im Gegenteil: Die nationalistischen und rassistischen Aufwallungen in Ost- und Mitteleuropa ließen bereits ahnen, dass sich in der weltgeschichtlichen Leere, die der Kalte Krieg hinterlassen hatte, auch wieder Ideologien, Identitäten, Religionen, Kulturkämpfe und mythisches Allerlei tummeln werden.

Gerade in seiner Wahrscheinlichkeit lag hingegen der Anlass ihn frei heraus zu ignorieren. So konnte man die Folgezeit des auslaufenden 20. Jahrhunderts noch zivilisiert genießen, ohne sich zu groß um das an die Tür klopfende, neue Jahrtausend zu sorgen.

Die sorgenlose Zeit ist allerdings nun vorüber. Mit aller Kraft kehren die alten Geister auf die Weltbühne zurück. Der Nationalismus feiert seinen neuen Auftritt und erhofft sich ein großes Finale - von Washington, über Paris, London, Berlin bis nach Warschau. Die Religion wird nicht - wie erwartet - zu einem persönlichen Konsumartikel frei wählender Individuen, sondern ist in der Einwanderungsdebatte erneut zum transzendentalen Streitpunkt ganzer Kollektive avanciert. Auch Kulturen und ihre Identitäten kehren begrifflich in die Diskursräume zurück, während Ökonomen daraus verschwinden.

Man kann über diese Tatsachen hinwegsehen und hoffen sie würden durch Ignoranz weniger wahr, bisher erfreute sich diese Strategie aber wenigen Erfolgen: Die Briten haben unter tosendem Lärm dafür gestimmt, die Europäische Union zu verlassen. In Cleveland wurde Donald Trump von den Republikanern zum Präsidentschaftskandidaten gekürt.

In Österreich zog um ein Haar ein Rechtspopulist in die Wiener Hofburg ein. Im Élysée-Palast könnte 2017 Marie Le Pen ihres Amtes als französische Präsidentin walten und in der eigentlich so populismusresistenten Bundesrepublik greift die AfD nach dem Amt der größten Oppositionspartei. Was ist los in den Staaten des Westens? Was verschiebt sich hier? Diese Frage wird in den Politik-Ressorts, Feuilletons, Parteizentralen und Fernsehsendern dieses Landes nur unzureichend gestellt und folglich noch unzureichender beantwortet.

Die Linke wagt trotz aller Nervosität eine letzte laute These und verkündet, soziale Ungleichheit, Sparmaßnahmen, Konkurrenzdruck und Arbeitslosigkeit seien die tieferen Triebfedern der heutigen zornpolitischen Aufwallungen. Die Liberalen und Konservativen stehen meist ganz rat- und erklärungslos daneben. Doch die Analyse geht nicht tief genug.

Wer meint, die neue soziale Unruhe, die sich hie und da in aufgebrachtem Protest transformiert, sei mit den alten Umverteilungs-Rezepten der zweiten, guten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu behandeln, der irrt gewaltig und kratzt allenfalls an der Oberfläche. Hier „ziehen Konflikte auf, die sich nicht mehr ökonomisch befrieden lassen."

Die Briten - als Exemplum -, ein Volk rational und pragmatisch denkender Menschen, haben alle Ökonomen ignoriert, alle volkswirtschaftlichen Schäden auf sich genommen, nur um nicht mehr Teil eines bindungslosen Staatenbundes zu sein. Jürgen Habermas, selbst noch etwas darüber verwundert, beschreibt in einem Zeit-Interview den neuen Zustand treffend: Hier haben sich „Identitätsfragen gegen Interessenlagen" durchgesetzt.

Die großen Streitpunkte der westlichen Welt drehen sich nicht mehr um volkswirtschaftliche Verteilungskämpfe oder gesellschaftliche Kosten-Nutzen-Rechnungen, hier geht es ums Eingemachte: Identitäten, Kulturen, Selbstvergewisserung. Die Brexit-Wähler votierten nicht für die, aus ihrer Sicht gewinnbringendere Entscheidung - auch wenn solche Argumente im Diskurs eine Rolle gespielt haben mögen-, sie entschieden sich für einen nationalen Selbstfindungstrip.

Wenn auch noch etwas unbestimmt, stimmten die Briten für glorreiche, viktorianische Zeiten, real Britishness und Träume von kultureller Homogenität und Hegemonie, statt für ökonomisch-soziale Zugangsvorteile zum Kontinent. Der Ausgang des Referendums war nicht irrational, er folgte nur einer anderen Logik.

Einer Logik, in der nationale Identität, kulturelle Kohärenz und kollektive Abschottung zu erhöhten Argumenten zählen, während wirtschaftliche Angenehmheiten nicht mehr zur Konfliktbefriedung taugen.

Der tiefere Grund hierfür findet sich in der Grundtendenz unserer Zeit. Moderne, Globalisierung, Mobilität und ihre nivellierenden Surrogate haben ein nihilistisches Klima geschaffen, indem sich die Frage nach der Selbstverortung des Menschen in Familie, Nation, Welt und Natur mehr denn je aufdrängt. Weil auch Herkunft und Religion nichts mehr zur Sache zu sagen haben, ist der moderne Bürger weitgehend identitätslos geworden.

Ihm fehlt nicht nur „metaphysisches Obdach" (Heidegger), auch andere sinnstiftende Mythen wie Nation, Stand und nun sogar Geschlecht sind aufklärerischen Diskreditierungsversuchen ausgesetzt. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts scheint es, als könnte nun auch die Möglichkeit des Konsums und Wohlstands diese Identitätsschwäche nicht mehr narkotisieren. „Angry white Man", diese im anglo-amerikanischen Raum verwendete Beleidigung für die Wähler und Anhänger populistischer Zornpolitiker, steht für eine größer werdende Gruppe Aufgebrachter, die in den Wirren unserer Zeit nach Halt und Eindeutigkeit streben.

Die neuen Konflikte sind deswegem tragischer Natur. Das heißt: Gekämpft wird um die psychopolitische Verfassung der Westbürger, die Schützengräben verlaufen quer durch das emotionale Gemüt der Wähler aller Schichten. „Wer sind wir? Wer wollen wir sein?" Wer auf diese Identitätsfragen glaubhafte Antworten bietet, erhält Sympathien. Auch deswegen ist es beinahe hilflos, wenn die etablierte Linke sowie die Liberalen und Konservativen darauf nur mit Steuergeschenken oder Umverteilungsdiskursen antworten können.

Diese Zeiten sind vorüber.

Je weiter sich Moderne und Globalisierung drehen, desto weniger lassen sich die westlichen Gesellschaften ökonomisch domestizieren. So titelt beispielsweise der Economist, die neue politische Konfliktlinie verlaufe zwischen „open" und „closed" - ökonomisch wie gesellschaftlich. Was es heißt „geschlossen" zu sein, verraten dem Wähler auf Identitätssuche Jahrhunderte von geschichtlicher Herkunft.

Was es existenziell bedeuten kann „offen" zu sein, bleibt ungeklärt. Um aber nicht von Populisten jeder Couleur in die Ecke getrieben und aus den Palästen verjagt zu werden, müssen die etablierten politischen Kräfte den Bürgern selbst vernünftige identitäre Konstrukte vorhalten. Das heißt: in der Leere des 21. Jahrhunderts Visionen, Zivilreligionen und „metaphsyisches Obdach" bieten.

Ansonsten verliert auf absehbare Zeit der rational-technokratische Diskurs gegen die populistischen Aufwallungen unserer Tage.

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