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Die Wirtschaft boomt, doch die Menschen rutschen in die Armut: Schuldnerberater erklärt, warum auch Mittel- und Oberschicht nicht sicher sind

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DEBT POOR
Sergio Perez / Reuters
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In Deutschland ist fast jeder zehnte Berufstätige armutsgefährdet. Und das, obwohl die Wirtschaft boomt und die Arbeitslosenzahl im Mai diesen Jahres so niedrig war, wie seit 26 Jahren nicht mehr.

Von 18 untersuchten europäischen Staaten ist die Gefahr, trotz geregelten Einkommens in Armut zu rutschen, in Deutschland am größten. Das geht aus einer Studie des des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hervor.

Jeder Mensch kann in Geldnot geraten

Ich bin Schuldnerberater in Hamburg, einer der reichsten Städte Deutschlands. Trotzdem kommen jeden Tag Menschen zu mir, die sich verschuldet haben.

Diese Menschen kommen nicht - wie man es vielleicht erwarten würde - nur aus den unteren Schichten. Zu meinen Klienten gehören auch Beamte, leitende Angestellte, Geschäftsführer, Freiberufler und Selbständige, die weit mehr als der Durchschnitt verdienen. Denn Armut ist in Deutschland in allen Schichten vertreten.

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Letzte Woche kam ein Beamter auf Lebenszeit zu mir, der zusammen mit seiner Frau und seinen zwei Kindern angefangen hat, ein Haus zu bauen. Das mag auf den ersten Blick verwundern, weil er bestimmt gut verdient - aber auch in der Mittelschicht kann die Verschuldung schnell gehen.

Jeder Mensch kann in Geldnot geraten. Dazu muss sich nur eine Sache im Leben ändern: ein Jobwechsel, ein Unfall oder eine Trennung.

Dem Beamten ist genau das passiert. Seine Frau hat ihn verlassen und plötzlich saß er allein auf den Schulden für das Haus und musste gleichzeitig noch Unterhalt für seine beiden Kinder zahlen.

Doch meistens sind es nicht Schicksalsschläge, die Menschen in die Verschuldung treiben. Den meisten geht es darum, Statussymbole zu besitzen. Das liegt nicht zuletzt an der Werbung, in der immer wieder suggeriert wird, es sei so einfach ein Auto zu leasen, oder ein Haus zu finanzieren.

Am häufigsten geht es dabei um Elektrogeräte: Kühlschränke, Waschmaschinen oder Fernseher. Aber auch Handyverträge treiben Menschen mittlerweile in den Bankrott.

Das Problem zieht sich durch alle Einkommensschichten. Egal, wie viel er verdient - am Ende ist jeder in seinem eigenen Hamsterrad gefangen. Je höher die Einnahmen, desto höher die Ausgaben.

Einmal hatte ich einen Fall, bei dem ein Klient zwei Autokredite gleichzeitig aufgenommen hat. Und das ohne Führerschein. Als ich ihn fragte, warum, sagte er nur: "Ja der Kredit war halt so günstig." Da denke ich mir manchmal wirklich: Was ist hier eigentlich los?

Dieses Beispiel ist kein Einzelfall.

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Die Banken handeln aus reiner Profitgier

Schuld daran sind auch die Banken. Eines der wenigen Möglichkeiten für Banken noch Geld zu verdienen, ist die Vergabe von Krediten. Es winken für den Vermittler hohe Provisionen. So wird in Kauf genommen, dass sich die Menschen über ihre Verhältnisse verschulden.

Sie geben aus reiner Profitgier, und ohne Rücksicht auf Verluste auch dann Kredite, wenn sie von vorneherein wissen, dass der Schuldner diese nie abbezahlen kann. Da muss man sich nicht wundern, wenn einem irgendwann alles um die Ohren fliegt.

Die Banken kalkulieren dies sogar ein. Denn nur ein Bruchteil der Betroffenen wendet sich an eine Schuldnerberatung um dann einen Schuldenschnitt herbeizuführen. Die meisten zahlen irgendwann Miniraten an die Bank oder an ein Inkassounternehmen.

Wenn überhaupt fällt es ihnen nach Jahren und Jahrzehnten auf, dass sie mit der Minirate gerade mal die Zinsen tilgen können - wenn überhaupt - und die Schulden nicht geringer werden. Den Banken beschert dies quasi ein ewiges Einkommen.

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In den letzten Jahren hat sich die Situation noch verschlimmert. Die Banken sind bei der Kreditvergabe im Konsumentenbereich immer aggressiver geworden. Und durch die hohe Wirtschaftsleistung werden auch immer mehr Kredite vergeben.

Oft trifft es auch selbstständige Einzelunternehmer. Häufig sind diese Leute gut, in dem was sie tun. Zum Beispiel Handwerker oder Bäcker. Die können super mit Holz umgehen oder Brötchen backen. Ihnen fehlt aber das Können und das Interesse, mit Papieren umzugehen.

Sie kennen den Unterschied zwischen Brutto und Netto nicht. Manche weigern sich auch vor einfachster Haushaltsführung. Da werden Briefe nicht geöffnet und Rechnungen nicht bezahlt, sondern einfach vor sich hergeschoben. So führt eins zum anderen.

Man muss sich klar machen, welche Dinge wirklich zählen im Leben

Die meisten Menschen kommen zu mir, wenn es eigentlich schon zu spät ist. Ihr Gehalt und die Konten sind dann schon gepfändet. Ihre Briefe öffnen sie nicht mehr, weil ihnen alles über den Kopf wächst.

Es ist für Außenstehende schwer vorstellbar, wie viele Menschen den Überblick über ihre Einnahmen und Ausgaben verloren haben. Dabei könnte es so einfach sein, wenn sie nur das Geld ausgeben würden, das sie auch tatsächlich haben.

Meine Arbeit zeigt mir jeden Tag: Jeder Mensch kann sich verschulden. Egal in welcher gesellschaftlichen Schicht er sich befindet. Es gibt eine riesige Industrie, die diese Situation ausnutzt und genau davon lebt.

Wenn man sich klar macht, welche Dinge im Leben wirklich zählen, dann muss man keinen Statussymbolen hinterher laufen und den Banken damit nicht mehr in die Hände spielen.

Das Gespräch wurde von Rebecca Nothvogel aufgezeichnet.

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