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Ehemaliger Häftling verrät, wie fanatische Gruppen in Gefängnissen Mitglieder rekrutieren

17/01/2017 10:59 CET | Aktualisiert 18/01/2018 11:12 CET
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Offenbar scheint es attraktiv zu sein, den Sprenggürtel anzulegen und beinahe wahllos am Zündhebel zu ziehen. Der "dschihadistische Salafismus" als Trendsetter des "internationalen Terrorismus".

Ob sich die paradiesischen Verheißungen erfüllen? Nicht mein Thema. Mein Thema sind Knast und Inhaftierte. Auch Inhaftierte mit einem islamischen Weltbild, vielleicht sogar mit einer orthodoxen, "islamistischen" Auslegung.

Radikale Islamisten in Haft

Militante Anhänger des politischen Islam landen vermehrt hinter Gittern. Und dort sitzen sie dann zwischen all den anderen "Deliktgruppen". Vom Kleindealer über den Scheckbetrüger bis zum Kapitalverbrecher. Folge: Die Kräfteverhältnisse in den Knästen beginnen sich ein Stückweit zu verschieben.

Eingeknastete radikale Islamisten laufen den Mitgliedern von Motorradclubs wie den "Hells Angels", den "Bandidos", aber auch neueren Formationen wie den "Mongols" oder der "Guerilla Nation" in den Gefängnissen den Rang ab.

Das hat mitunter etwas mit ihrer medialen Präsenz zu tun. Öffentliche Aufmerksamkeit befördert den Aufstieg in der Knasthierarchie.

Mehr zum Thema: Der Knast ist für manche Menschen das Todesurteil

Dennoch ist jeder Alarmismus verfrüht. Mindestens. Ich versuche, es sachlich und nüchtern darzustellen.

Erstens: Menschen, die dem Spektrum des "Islamismus" zugeordnet werden bilden gemessen an der Gesamtzahl der Inhaftierten in der Bundesrepublik noch eine absolute Minderheit.

Zweitens: Ich bezweifle die ideologische Festigkeit ebenso wie die Festigkeit der Gruppenstruktur dieses Milieus in den Haftanstalten.

Drittens: Das Angesagtsein von radikalen Islamisten im Knast könnte eine temporäre Erscheinung sein. Das hat auch etwas mit der erwähnten Dauerpräsenz in den Medien zu tun. Das macht "sexy".

Knast-Hilfe von deutschen Konvertiten

Trotzdem sollte man das Phänomen beobachten, denn die islamistischen Strukturen in den Gefängnissen wachsen derzeit. Wenig bekannt ist zum Beispiel die Existenz der "Islamischen Gefangenenhilfe".

Ein Betreuungsservice für Inhaftierte, die nach eigenem Verständnis und auch laut Anklagebehörde "Islamisten" sind, mitunter "salafistische Dschihadisten".

Vorkämpfer der Soliarbeit für angeklagte und verknackte "Islamisten": Bernhard Falk. Kein Unbekannter. Ein ehemaliger Genosse aus der revolutionären Linken, der zum Islam konvertierte. Verurteilt zu 13 Jahren Haft.

Mehr zum Thema: Fußfessel-Debatte: Wie mit der Terror-Hysterie unsere Grundrechte abgebaut werden

Hintergrund: Sprengstoffanschläge auf Wohnhäuser von Politikern aus der zweiten Reihe Mitte der 1990er Jahre. "Antiimperialistische Zelle" nannte sich die Gruppierung, die für diese Anschläge "mit potentiell tödlicher Wirkung" verantwortlich zeichnete.

Worum geht es dieser speziellen Gefangenenhilfe? Nach eigenem Bekunden um die Vermittlung von Rechtsanwälten, um Kontakt zu Familienangehörigen, um Öffentlichkeitsarbeit, um die Dokumentation eines Prozessverlaufs.

Alles in jeder Hinsicht legitim - und legal. Aktuell werden über die Knast-Hilfe von Falk knapp 100 Gefangene über das ganze Bundesgebiet verstreut betreut und versorgt.

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Die Gefahr darin sehen Fahndungs- und Ermittlungsbehörden vor allem in einer moralischen und ideologischen Stärkung der Einsitzenden aus dem Bereich des extremistischen Islamismus in diesem Land. Zumal Falk nur Angeklagte oder Inhaftierte unterstützt, die gegenüber den Behörden dicht halten.

Für "islamistische Gefährder" kann das ein Signal sein, dass sie im Falle einer Verhaftung, Anklage und Verurteilung auf die Unterstützung eines Netzwerkes bauen können. Deshalb gerät die "Islamische Gefangenenhilfe" bzw. deren Aktivitäten verstärkt ins Fadenkreuz von BKA und Verfassungsschutz.

Vom aktuellen Trendsetter zum Dauerbrenner hinter Gittern?

Haftanstalten sind ein Spiegelbild der Gesellschaft. Was in der Mikrowelt der Gefängnisse passiert hat gerade auch aufgrund der Aktivitäten einsitzender Anhänger des „dschihadistischen Salafismus" gesamtgesellschaftliche Auswirkungen.

Zum einen, weil inhaftierte Islamisten, die dem IS oder Al Kaida angehören (wollen), Solidarisierungseffekte auslösen können. In einem solchen Falle treten Nachahmer und Sympathisanten auf den Plan, die die entstandenen Lücken in den Reihen vor den Knasttoren auffüllen.

Zum anderen, weil Inhaftierte ihr Knast-Umfeld mit einer „geschickten Kaderpolitik" selbst beeinflussen und neue Unterstützer werben können. Knast als Rekrutierungsfeld.

Über eine derartige gegenseitige Verstärkung kann der radikale Islamismus mit seinem Dschihad-Auftrag vor und hinter den Gefängnistoren nicht nur Trendsetter bleiben, sondern zu einem Dauerbrenner werden.

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