BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Oliver Rast Headshot

Linksradikale gründen Guerillaverband im kurdischen Rojava in Syrien

Veröffentlicht: Aktualisiert:
LINKSRADIKAL SYRIEN
Getty
Drucken

Linksradikale aus mehreren europäischen Ländern rufen in den kurdischen Bergen Syriens eine Guerilla ins Leben. Eigenen Angaben zufolge wurden die "International Revolutionary People's Guerrilla Forces" (IRPGF), die "Internationalen Revolutionären Volksguerilla-Kräfte", aufgebaut. Sie organisieren den bewaffneten Kampf im Verbund mit anderen militärischen Kräften gegen den Terror des „Islamischen Staats" (IS) und die Einflussnahme der türkischen Armee.

Linkes Medium verbreitet die Meldung der Guerilla-Gründung

Auf der Internetplattform „linksunten indymedia" wurde jüngst ein Beitrag gepostet, der die Gründung eines Guerillaverbands von linksradikalen Aktivist*innen aus dem anarchistischen Spektrum in den kurdischen Siedlungsgebieten in Syrien verkündet. Diese Region ist unter dem malerischen Namen „Rojava" („Sonnenuntergang") bekannt.

Das Gründungskommuniqué der IRPGF kursiert seitdem in einschlägigen Online-Foren der Anarcho-Fraktion. Unter anderem heißt es in der Erklärung, die von vermummten bewaffneten Aktivist*innen in einem AgitProp-Streifen verlesen wird: „Die Internationalen Revolutionären Volksguerilla-Kräfte sind ein militantes, bewaffnetes, horizontales und selbstorganisiertes Kollektiv, das daran arbeitet, soziale Revolutionen in der ganzen Welt zu verteidigen, den Staat direkt zu konfrontieren und die Sache des Anarchismus voran zu bringen."

Nicht nur der Text der Videobotschaft fällt deutlich aus, sondern auch einzelne praktische Sequenzen: Angehörige der IRPGF demonstrieren ihr erlerntes Waffenhandwerk und hantieren mit Maschinengewehren, Panzerfäusten und Sprengsätzen.

Kein Spiel von mitteleuropäischen Wohlstandskindern; nein, tödlicher Ernst. Die Militanten propagieren den bewaffneten Einsatz für den Aufbau einer basisdemokratischen Gesellschaft in Rojava. „Rojava" sei das heutige „Stalingrad", so die Autor*innen. Die „Revolution" in den kurdisch-syrischen Bergketten müsse deshalb offensiv „verteidigt" werden.

„Rojava" als Symbol der weltweiten Linken

"Rojava" ist zu einem Kristallisationspunkt eines neuen Internationalismus der radikalen Linken geworden. Eines Internationalismus, der an frühere Versuche der Verteidigung von föderalistischen und sozialistischen Gesellschaftsformen anknüpft: an die Pariser Kommune (1871) oder das republikanische Spanien während des Bürgerkriegs gegen Francos Truppen (1936 - 1939). Und es ist ein Internationalismus der bewaffneten Tat.

Im März 2016 rief eine Versammlung von kurdischen, assyrischen, arabischen und turkmenischen Delegierten die autonome Föderation Nordsyrien - Rojava aus, die sich im unmittelbaren Grenzgebiet zur Türkei befindet. Dieser international nicht anerkannte Miniatur-Staat wird sowohl von salafistischen Gruppierungen als auch von der türkischen Armee immer wieder militärisch in Frage gestellt.

Inwieweit die IRPGF, die sich nach eigenem Bekunden in einer Allianz mit den kurdisch-syrischen Milizen der Volksverteidigungseinheiten YPG/YPJ befinden, zu einem militärischen Faktor in den Kriegshandlungen werden können, bleibt abzuwarten. Abzuwarten bleibt gleichfalls, ob die IRPGF eine „Sogwirkung" auf linksradikale Aktivist*innen aus europäischen Städten und Regionen haben wird. Auf Linksradikale, die sich bislang vorzugsweise in Straßenauseinandersetzungen mit der Polizei oder dem politischen Gegner ausprobierten.

Auch Linke aus Deutschland sind bereits in Rojava umgekommen

Für einige Linke aus Deutschland ist es ein One-Way-Ticket ins kurdische Syrien. Sie haben mit der politischen Lebenswirklichkeit in ihrem Herkunftsland gebrochen. Ein tiefer Bruch. Eine fundamentale Entscheidung jedes Einzelnen. Und für mehrere endete das „bewaffnete Abenteuer", wie einige Kommentator*innen zynisch bemerken, mit dem Tod.

Ivana Hoffmann, Kampfname „Avaşin Tekoşin Güneş", war eine von ihnen. Kevin Joachim, Kampfname „Dilsoz Bahar", war ein weiterer. Junge Menschen aus NRW und Baden-Württemberg, die sich den Milizen der YPG/YPJ angeschlossen hatten. Beide wurden im Verlauf des Jahres 2015 bei Gefechten mit bewaffneten IS-Kräften im syrisch-kurdischen Gebiet getötet.

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.