Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Oliver Rast Headshot

Im Tegeler Gefängnis schuften die lnhaftierten für einen Hungerlohn

Veröffentlicht: Aktualisiert:
JVA
Christian Charisius / Reuters
Drucken

In Deutschen Gefängnissen soll systematische Ausbeutung herrschen. Inhaftierte, die Produkte in den Knästen herstellen, erhalten nur 8 bis 15 Euro für ihre Arbeit - pro Tag. Jetzt regt sich Widerstand gegen diese Praxis. Hier berichtet der Sprecher der Gefangenen-Gewerkschaft, Oliver Rast, von der Ausbeutung hinter Gittern. Er saß selbst bis vor zwei Jahren im Gefängnis.

In der JVA Tegel arbeiten die Häftlinge in den Werkbetrieben für durchschnittlich 1,20 pro Stunde. In der Schlosserei stellen sie hochwertige Edelstahlprodukte her; in der Tischlerei Luxusschreibtische und Einbauküchen; in der Polsterei und Sattlerei stechen sich Gefangene die Hände blutig, während sie Couchgarnituren und Bootsmobiliar beziehen; im Bauhof schieben sie Schubkarre für Schubkarre und produzieren Waren, die auch in einem Baumarkt-Gartencenter angekommen werden könnten.

Zu den AbnehmerInnen dieser Waren gehören Berliner Ämter und Behörden - aber auch die Abgeordneten machen es sich in Sesseln bequem, die von Knackis bezogen wurden. Und Senator Heilmann hat seinen Amtsraum von der Gefängnis-Tischlerei aufmöbeln lassen.

Einen erheblichen Teil der Produkte aber lassen die Tegeler BeamtInnen für sich selbst herstellen: Alles, was sie gebrauchen können oder "draußen" gut verkaufen können, klauen sie; dabei bedienen sie sich ungeniert des anstaltseigenen Fahrdienstes, der völlig unkontrolliert die Waren den BeamtInnen frei Haus liefert.

Ich saß dreieinhalb Jahre in der JVA Tegel, weil ich Mitglied einer linken militanten kriminellen Vereinigung war. Unser Arbeitstag begann um 6:50 Uhr. Acht Stunden später läutete die Klingel und alle marschierten zurück in ihre Zellen. Ich arbeitete in der Buchbinderei. Wir stellten Büroequipment für Landesbehörden, aber auch private Auftraggeber her.

Haftanstalten sind zu Fabrikanstalten geworden

In der JVA gibt es 14 handwerksorientierte Betriebe. Unter anderem die größte Polsterei Deutschlands, die für das Parlament die komplette Bestuhlung herstellt. Arbeit ist hier keine Beschäftigungstherapie - wie viele denken. Haftanstalten sind vielmehr zu Fabrikanstalten geworden.

Für einen 8-Stunden-Arbeitstag erhielten wir zwischen acht und 15 Euro. Das sind im Durchschnitt 1,20 pro Stunde. An den inhaftierten Beschäftigten wird ein staatlich befördertes Sozial- und Lohndumping durchexerziert, was unter anderem bedeutet, dass arbeitende Gefangene keinen Anspruch auf den Mindestlohn haben, nicht in die Rentenkasse einzahlen und keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall kennen.

Haftanstalten sind vor diesem Hintergrund eine "Sonderwirtschaftszone", in der selbst Minimalstandards für zehntausende Gefangene außer Kraft gesetzt sind. Für mich war das völlig inakzeptabel. Deswegen gründete ich gemeinsam mit Mehmet Aykol die erste - mittlerweile bundesweite - Gefangenen-Gewerkschaft.

Wir hatten drei Forderungen

Erstens wollten wir, dass Häftlinge auch einen Mindestlohn bekommen, denn es kann nicht sein, dass eine soziale Gruppe davon ausgeschlossen wird. Zweitens forderten wir die Einbeziehung in die Sozialversicherung. Besonders Langzeithäftlinge rutschen ohne diese nach der Entlassung sofort in die Altersarmut. Aus liberaler Sicht ist das ein Skandal. Und zuletzt war uns noch die volle Gewerkschaftsfreiheit hinter Gittern wichtig.

Nach der Gründung der Gewerkschaft kam es sofort zu Razzien. Unsere Zellen wurden von vorne bis hinten durchsucht. Die Leitung der JVA sagte den anderen Häftlingen sogar, dass sie sich mit uns nicht einlassen sollten, sonst wäre das für ihren weiteren Vollzug nicht hilfreich. Doch das hielt uns nicht ab.

Mittlerweile gibt es 850 Mitglieder, die sich bundesweit auf 70-80 JVAs verteilen. Sogar in Österreich gibt es schon Initiativen. Und die Gewerkschaft hat für ihr Engagement sogar den Fritz-Bauer-Preis der Humanistischen Union erhalten.

Viele Menschen denken, dass Häftlinge politisch desinteressiert seien. Mit unserer Gefangenen-Gewerkschaft haben wir das Gegenteil gezeigt. Auch wir kämpfen für unsere Rechte. Die Initiative hat einen sozialpolitischen Nerv getroffen. Haftanstalten sind seitens der Häftlinge keine gewerkschaftsfreien Zonen mehr. Und das ist unser Verdienst.

http://ggbo.de/

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Auch auf HuffPost:

Häftling postet Hotelbewertung für seine Zelle im Internet - und sie fällt ziemlich gut aus

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.