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DNA-Profiling: Uns droht die Diskriminierung und Kriminalisierung ganzer Bevölkerungsgruppen

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DNA PROFILING
dpa
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Paradiesische Zustände für Ermittler: Der totale Zugriff auf das menschliche Erbgut ist möglich. Augen-, Haar- und Hautfarbe, Alter und Herkunft - alles kann in den kriminaltechnischen Instituten ermittelt werden.

Das DNA-Profiling geht weit über den genetischen Fingerabdruck und die Geschlechtsbestimmung hinaus. Die Gefahren von Diskriminierung und Kriminalisierung ganzer Bevölkerungsgruppen sind bekannt - und werden beiseite geschoben.

DNA-Profiling als Wahlkampfthema

Bislang lässt es die bundesdeutsche Strafprozessordnung lediglich zu, das Geschlecht über einen DNA-Abgleich festzustellen und zum Beispiel über einen Speicheltest Erbgut abzugleichen. Alles so genannte "nicht codierte Merkmale".

Nun werden über das DNA-Profiling auch codierter Besonderheiten, wie die Pigmentierung eines Menschen, für Ermittler analysiert. Die Einbeziehung von DNA-Daten zur Untersuchung einer vermeintlichen biogeografischen Herkunft bleibt ausgeklammert. Vorerst.

Die grün-schwarze Landesregierung von Baden-Württemberg preschte mit einer Initiative im Bundesrat vor, um die Verwertung von DNA-Material zu erweitern. Ein Durchmarsch gelang ihr mit dem hektisch zusammengeschusterten Gesetzeswerk indes nicht. Nun liegt die Vorlage der Gesetzesverschärfung im Innen- und Rechtsausschuss.

Mehr zum Thema: "Racial Profiling": Jurist erklärt, wann Kontrollen nach äußeren Merkmalen erlaubt sind - und wann nicht

Die Diskussion um das DNA-Profiling droht zum Wahlkampfthema zu werden, da Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) nachzieht. Er will noch Ende April einen eigenen Gesetzesentwurf zum DNA-Profiling in die parlamentarische Runde werfen.

Offenbar ist ein Wettrennen darum entbrannt, wer sich die gesetzliche Durchsetzung des DNA-Profilings ans Revers heften kann. Ein Schaukampf von Polit-Größen, der viel über berufsbedingte Profilneurosen aussagt.

Fehlerhafte Gen-Analysen und irreführende Wahrscheinlichkeitsrechnungen

Der immer gleich klingende Aufsagetext der Befürworter des DNA-Profilings besagt, dass die Fahnder die Erbgut-Analyse für die Ermittlung und Festnahme von Delinquenten brauchten.

Damit werden Ermittlungen zusehends auf die DNA-Forensik reduziert. Aber nicht nur das. Es fehlen wissenschaftliche Expertisen, die belastbares Datenmaterial vorlegen. Datenmaterial, über das Aussagen zum Zusammenhang einer Erweiterung der Möglichkeiten zur Untersuchung von DNA-fähigem Material und Fahndungserfolgen getroffen werden können. Keine Belegstellen, keine Beweisführung. Stattdessen Mutmaßungen und Stimmungsmache.

Über das DNA-Profiling ist zunächst keine Kausalität von Tatort, Tatumständen, DNA-Spuren und Spurenverursacher gegeben. Der Versuch, einen zielgenauen DNA-Steckbrief zu kreieren, scheitert an der Realität. Das menschliche Leben ist kein klinisches Labor.

Die soziale Realität ist um ein Vielfaches komplexer, als es sich die Fans des genetischen Ausforschens wünschen. Pechschwarzes Haar, stahlblaue Augen und "ethnische Reinheit" - eine Fiktion.

Selbst die bisherige DNA-Analyse ist zweifelhaft: die konstruierte Zweigeschlechtlichkeit ebenso wie die angebliche Präzision beim Speicheltest mit Wattestäbchen, die herstellungsbedingt verunreinigt sein können.

Das DNA-Profiling stellt den Datenschutz in Frage und ist diskriminierend

Die moderaten Kritiker des DNA-Profilings mahnen, dass nicht alles, was wissenschaftlich und technisch möglich ist, ausgeschöpft werden dürfe. Ethische Grenzen und datenschutzrechtliche Bedenken werden angeführt. Der "gläserne Bürger" als Anti-Utopie.

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Die fundamentalen Kritiker gehen weiter. Zu Recht. Sie verweisen darauf, dass über das DNA-Profiling nicht Einzelne in das Fadenkreuz geraten, sondern ganze soziale Gruppen.

Es steht zu befürchten, dass das DNA-Profiling mit einem Racial-Profiling zusammenfällt. Ein Fingerzeig ist, biogeografische Daten auf Sicht bei der Verfolgung von Menschen zu verwenden. Die innerstaatliche Feindbestimmung ist eh klar: der Fremde. Der Fremde als Straftäter. Biologistisch-rassistische Deutungsmuster liegen im Trend.

Was fehlt? Es fehlen die zivilgesellschaftlichen Kräfte, die ausrufen: "Meine DNA gehört mir!" Fahren die VerfechterInnen des Rest-Liberalismus eine weitere Niederlage ein?

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