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Der greise Knast - Senioren als Räuber, Dealer und Erpresser

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SENIOR GETS ARRESTED
SkywardKick via Getty Images
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Menschen im Rentenalter auf dem Raubzug, beim Großdeal oder Gelderpressen. Noch eine Seltenheit. Aber: Der demografische Faktor macht auch vor den Gefängnistoren nicht halt. Der Altersdurchschnitt bei Inhaftierten ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten kontinuierlich gestiegen.

Und: Haftanstalten sind auf die kippende Alterspyramide in der Regel nicht vorbereitet. Die Vergreisung hinter Gittern schreitet unaufhörlich voran. Übrigens nicht nur bei den Inhaftierten.

Kriminalität wird immer älter - und mit ihr die Gefangenen

Die Kurve von straffällig gewordenen Menschen im Rentenalter zeigt weiter steil nach oben. Seit 1980 ist der prozentuale Anteil der Alt-Häftlinge um mehrere 100 Prozent angewachsen. Von derweil etwa 62.000 Gefangenen in der Bundesrepublik sind knapp 2500 Senioren. Hierfür gibt es Gründe.

Erster Grund: Die gestiegene Lebenserwartung der bundesdeutschen Bevölkerung bringt es logisch mit sich, das Alte jenseits der 60 Jahre in die Verbrechensstatistik eingehen. Ein Ergebnis einer alternden Gesellschaft insgesamt.

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Zweiter Grund: Das karge Budget aus der Rentenkasse treibt Menschen im hohen Alter zur extralegalen Aufbesserung ihres Monatssalärs. Ein Ergebnis von Altersarmut.

Dritter Grund: Die zunehmende Auflösung der Familienbande verleitet einige Erlebnisfreudige aus der Rentnerschaft zum Gesetzesverstoß. Ein Ergebnis von Sinnsuche.

Noch ist sie eine sozial- und kriminalitätspolitische Ausnahmeerscheinung: Die rüstige und risikobereite Rentnerin, die mit gezücktem Waffenimitat einen Raub begeht, um ihren monatlichen Fehlbetrag auszugleichen. Eine kleine mediale Sensation.

Möglicherweise ändert sich das in den nächsten Jahren und delinquente Menschen im Rentenstand sind im täglichen Polizeireport nurmehr eine Randnotiz wert.

Ein solcher Prozess scheint indes vorgezeichnet. Spätestens dann, wenn das Rentenniveau weiter sinkt und immer höhere Lebenshaltungskosten Rente oder Pension regelrecht auffressen. Um diese klaffende Lücke zu schließen, überschreiten einige Menschen an ihrem Lebensabend bisweilen den vorgeschriebenen Rahmen der Legalität.

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Auch wenn sie zuvor niemals straffällig geworden sind. Die, die diesen Weg eingeschlagen haben, erwischt und verurteilt wurden, landen bei entsprechendem Delikt und Strafmaß hinter Schloss und Riegel. Alter schützt vor Knast nicht.

Die fortschreitende Vergreisung hinter Gittern - der Senioren-Knast mit Alt-Personal

Rechtsexpert*innen greifen die Idee eines Seniorenknasts analog zum Jugendknast bislang kaum auf. Die Überholtheit des Knasts spiegelt sich unter anderem in der Vergreisung wider.

In die Jahre gekommene Menschen haben andere Ansprüche, brauchen andere Angebote, erfordern andere Maßnahmen. Hinsichtlich der medizinischen Grundversorgung, hinsichtlich der Beschäftigungsmöglichkeiten, hinsichtlich der Kontaktpflege. Das ist vor und hinter den Gefängnismauern gleich. Wenn es eine Würde im Alter gibt, dann auch für alte Menschen hinter Gittern. Sie ist unantastbar oder sie ist nicht.

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Einige wenige Justizvollzugsanstalten haben reagiert und Vorzeigeobjekte projektiert. Extra für die Ü-65-Gruppe wurden in verschiedenen Gefängnissen so genannte „seniorengerechte" Stationen eingerichtet. In der JVA Detmolt (NRW) oder der Schwalmstadt (Hessen) etwa. Die Außenstelle der JVA Konstanz (BaWü) in Singen gilt als der erste bundesdeutsche Seniorenknast überhaupt.

Eine Vergreisung ist in den Haftanstalten ferner beim Personal festzustellen: Die Bediensteten der Vollzugsbehörden altern gleichfalls mit. Rasch. So rasch, dass die wenigen Nachwuchskandidaten die Abgänge kaum wettmachen können.

Davon abgesehen: Der Job als Schließer und Wärter, der Ausbildungsberuf des Justizvollzugsbeamten ist nicht sonderlich attraktiv. Menschen wegschließen und bewachen zu wollen ist kein Berufswunsch, der Konjunktur hätte. Irgendwie auch beruhigend.

Bei einigen Gefangenen, die in der Summe Jahrzehnte Haft hinter sich haben, findet eine totale Entfremdung statt. Sie sind zumeist ohne jeglichen sozialen Kontakt nach draußen, kennen das Tempo und die Komplexität des Alltagslebens vor den Knastmauern nicht.

Sie haben jedes Gefühl und Gespür hierfür verloren. Verlieren müssen. Sie sind hospitalisiert. Einige erhalten seitens der Anstaltsleitung ihr „Gnadenbrot" in der Haft. Sie „dürfen" bleiben. Sie werden sprichwörtlich mit dem Sarg herausgetragen. Makaber.

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