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Bandenkriege sind Alltag - ein ehemaliger Häftling verrät, warum Jugendliche sich Gangs anschließen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
GANGS GERMANY
Ina Fassbender / Reuters
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Der Gesetzesbruch ist so alt wie die Menschheit. Das ist bekannt. Bekannt ist gleichfalls, dass bestimmte Jugendliche an bestimmte Grenzen gehen, diese überschreiten und mitunter in Konflikt mit gesetzlichen Vorschriften geraten.

Die aus der Literatur abgeleitete Sturm- und Drang-Periode Jugendlicher und Heranwachsender zieht sich durch alle Generationen. Und Jugendgangs, kriminalistisch formuliert: Jugendgruppengewalt hat es immer gegeben. Aus meiner Sicht reicht das nicht, um Jugendliche verstärkt in den Fokus der Kriminalitätspolitik zu rücken. Außerdem bin ich gegen jeden Generalverdacht. Punkt.

Mein persönlicher Bezug zu Jugendgangs

Ich bin in der Westberliner Trabantenstadt Märkisches Viertel in Berlin-Reinickendorf aufgewachsen. Das MV, wie es abgekürzt heißt, ist spätestens seit dem HipHop-Hit "Mein Block" von Sido vielen Menschen als sozialer Brennpunkt und Ort vermehrter Jugendkriminalität ein Begriff. Triste, eng bebaute Wohnsilos prägen den Stadtteil.

Bei Sido war viel Marketing-gesteuertes Gangster-Image dabei. Dennoch: Auch zu meiner Zeit, ich bin 1972 geboren, waren "Revierkämpfe", Wohnblock gegen Wohnblock, Straßenzug gegen Straßenzug an der Tagesordnung. Es hatte etwas Spielerisches, auch wenn die eine oder andere Körperverletzung sprichwörtlich ersichtlich war.

Mehr zum Thema: Polizeigewerkschaft warnt vor Groß-Clans und Banden: "Schusswechsel am helllichten Tag in der Öffentlichkeit häufen sich"

Das kann für einige der Halbstarken ein Auftakt einer "kriminellen Karriere" gewesen sein. Gewiss. Aber in der Regel ist es ein "jugendtypisches" Cliquenverhalten mit Blessuren. Ein Cliquenverhalten, dass sich im Zuge des Älterwerdens oft sehr schnell abnutzt.

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Ende der 1980er Jahre kam der Trend von "Jugendgangs" in Berlin und anderen bundesdeutschen Großstädten auf. Transportiert über den Filmstreifen "Colors" von Dennis Hopper. Im MV waren es die "Figthers", im Wedding die "Panther", in Schöneberg die "Barbaren" und in Kreuzberg die "36er Boys". Alles chice Signets.

Ich hatte damals den Eindruck, Sequenzen aus dem "Colors"-Film werden von den einzelnen Jugendgangs regelrecht nachgespielt. Durchaus auch mit den blutigen Begleiterscheinungen wie Massenschlägereien und Messerstechereien.

Auf der Suche nach "Bruderschaft"

Jugendgangs sind ein Erlebnisraum, der selbst kreiert wird. Es ist eine Suche nach "Bruderschaft". Nach Schwur und Treue, nach Kumpanei und Gemeinschaft. Nach ein bisschen Geheimniskrämerei und rituellem Blimbim.

Vieles ist patriarchal aufgeladen, ist dümmlicher Männerkult Spät-Pubertierender. Sie können aber auch ein Schutzraum sein. Gegen häusliche Gewalt und rassistische Übergriffe zum Beispiel.

Meiner Erfahrung nach erfüllt sich für die Mehrzahl der Jugendlichen nicht das, was sie selbst in eine „Jugendgang" hineinsehnen. Eine solche Gruppe ist zumeist kurzlebig und brüchig. Das toughe Innenleben der Jugendgangs ist oft ein trügerisches Außenbild.

Straightness als gepflegtes Klischee. Einige Gazetten und TV-Formate greifen dieses Klischee gerne auf, für spektakuläre Schlagzeilen und brachiale Bilderstrecken.

Ich habe in meiner dreieinhalb jährigen Haftzeit verschiedene junge Menschen kennengelernt, die einen speziellen Lebensweg vorweisen können: kein Elternhaus, durchgehende Heimerfahrung, erste Jugendstrafen, Aufenthalte im Jugendknast, kurze Phasen von Freiheit, fortgesetzte Straffälligkeit, neue Gerichtsverfahren, angehäufte Bewährungsstrafen und Haftstrafen ohne Bewährung.

Ein biografischer Verlauf, der ein Kreislauf ist. Dieser "Drehtür-Effekt" scheint kaum zu durchbrechen. Patentrezepte? Nein, die gibt es nicht.

Der viel zitierte "jugendliche Intensivtäter" mit oder ohne Gang-Hintergrund ist eine Ausnahmeerscheinung. Die offizielle Statistik besagt, dass 3 bis 5% zu dieser Gruppe straffällig gewordener Jugendlicher zählen.

Ich meine: Kein Anlass für einen Aufreger. Diese Einzelfälle werden periodisch insbesondere im Boulevard von Tageszeitungen großgeschrieben, sind aber nicht repräsentativ.

Ausbildung hinter Gittern

Aber was ist zu machen, wenn "das Kind in den Brunnen gefallen ist", sprich, sich in einer Jugendstrafanstalt wiederfindet? Zunächst dreierlei. Erstens: Ausbildung hinter Gittern. Aber nicht zu Bedingungen des Sozial- und Lohndumpings.

Deshalb fordern wir von der Gefangenen-Gewerkschaft/Bundesweite Organisation (GG/BO) eine Angleichung der Ausbildungsvergütung innerhalb und außerhalb der Haftanstalten. Jede arbeitsrechtliche Diskriminierung ist zu beenden, gerade auch gegenüber Jugendlichen in einem Ausbildungsverhältnis.

Zweitens: Therapieangebote. Suchterkrankungen sind im Jugendknast weit verbreitet. Eine stärkere psycho-therapeutische Begleitung, ausreichende Therapieplätze und vor allem Fachpersonal sind gefragt. Das ist nicht originell, aber vor dem Hintergrund des Abbaus von Personal und Angeboten ein wichtiger Gegen-Schritt.

Mehr zum Thema: Deutschland: Land der Streetgangs?

Drittens: Entkriminalisierung bestimmter Delikte. Kleinere Eigentumsdelikte und der "Missbrauch" von Betäubungsmitteln sind aus der Sicht der GG/BO zu entkriminalisieren und vor allem Ersatzfreiheitsstrafen restlos abzuschaffen.

Warum? Erfahrungsgemäß "bessert" eine Haftstrafe nichts. Haftanstalten als "totale Institution" sind kein Ort der Re-Sozialisierung. Re-Sozialisierung und Knast gehen nicht zusammen, schließen sich de facto aus. Wir werden die Debatte um die Wirklichkeit des bundesdeutschen Strafvollzugs fortzusetzen haben...

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der Huffington Post zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

Diskutiert mit und schickt uns eure Erlebnisse an Blog@huffingtonpost.de.

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