BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Dr. iur. Oliver Harry Gerson Headshot

Überfremdungsangst und Selbsterkenntnis - ein natürliches Hin- und Her

Veröffentlicht: Aktualisiert:
TERRORANSCHLAG BERLIN
dpa
Drucken

In politisch zugespitzten Debatten ist häufig von "Überfremdung" und der angeblichen "Angst" bestimmter "Schichten" der Bevölkerung vor ebenjener die Rede.

Bewusst ungenau und schwammig werden weder die verwendeten Begrifflichkeiten definiert, noch die dahinterstehenden Mechanismen auseinandergehalten. Die "Wahrheit" über die "Überfremdungsangst" liegt - wie so oft - dazwischen.

Vorab: Wer die Existenz der Angst vor Überfremdung grundsätzlich leugnet, oder es gar für ein Phänomen der Ungebildeten oder Rückwärtsgerichteten hält, hat aus den Augen verloren, wie Menschen funktionieren.

Der Begriff "Überfremdungsangst" meint nicht die Angst vor Anschlägen

Richtig ist zum einen, dass tatsächlich erhöhte Gefährdungen, messbares Risiko und echte Bedrohungen durch "Fremde" berechtigte Sorgen auslösen. Richtig ist aber auch, dass Emotionen nicht rational steuerbar sind und daher ohne Anlass übersteuern können.

Vor allem Vorwürfe der "Irrationalität von Ängsten" sind folglich ebenso zweckfremd wie nutzlos. Zur Vermeidung begrifflicher Unklarheiten sollten Ängste vor Anschlägen, der Aushöhlung unserer Rechtsordnung oder dem sozialen Abstieg dennoch nicht unter dem Topos "Überfremdungsangst" diskutiert werden.

Mehr zum Thema: Muslimischer Gelehrter: So hängen Islam und Terrorismus zusammen

Über diese offenkundigen Sollbruchstellen unserer Gesellschaft sorgt man sich so oder so kraft Natur der Sache, denn ob ein Fremder oder ein Bekannter eine Autobombe zündet, ändert nichts an der sozialen Bewertung seiner Handlung. Überfremdungsangst mit faktischem Sicherheitsverlust gleichzusetzen ist daher eine populistische Nebelkerze.

Gemeint mit "Überfremdungsangst" ist ein anderes Phänomen: es geht indes um dieses "diffuse Unwohlsein", das viele Menschen angesichts der Erwartung verspüren, dass sich unsere Gesellschaft auf Dauer noch weitaus heterogener ausgestalten und darstellen wird.

Ein Erklärungsansatz für dieses Störgefühl gründet auf der grundsätzlich dialogisch aufgebauten Struktur unseres Wesens. Das menschliche Dasein ist fundamental von Prinzipien der Gegenseitigkeit geprägt.

Dieses "dies-für-das" und das "Hin- und Her" durchziehen unser Denken, Handeln und Fühlen. Das Bewusstsein darüber, ein Mensch zu sein (und nicht etwa ein bloß "gedeutetes Etwas" oder gar ein "Nichts") ist nicht abstrakt und losgelöst vorhanden.

2017-07-23-1500833626-3203653-DerHuffPostWhatsAppNewsletter6.png
Die wichtigsten News des Tages direkt aufs Handy - meldet euch hier an.

Wir müssen täglich tausende Außenwelteinflüsse verarbeiten

Es gründet auf der dauerhaften Spiegelung des Einzelnen in seiner Umwelt. Dies geschieht mithilfe von Filtern, die uns körperlich mitgegebenen sind und durch angelernte und aufgezwungene Routinen weiter geschliffen werden ("Filter 1. und 2. Ordnung").

Vereinfacht ausgedrückt: Unsere Sinnesorgane, d.h. unsere Augen, Ohren usw. und unser damit verbundenes Gehirn sind die "Filter 1. Ordnung". Sie regeln (für uns?), wie "die Welt da draußen" aussieht, wodurch von Beginn an deutlich wird, dass der Mensch seine Anschauung über "die Welt da draußen" ausschließlich aus seiner ihm zugeordneten schwachen und vergänglichen Körperlichkeit speist.

Ein "Mehr" an "Wahrnehmung" macht die Lage nicht leichter. So wie ein tauber Mensch keine andere Sprache "hören" kann, und somit nicht versteht, weshalb man sich im fremden Stimmengewirr verloren fühlt, so begreift der Blinde nicht, weshalb Hautfarben angeblich (!) Rückschlüsse auf Leistung, Würde und Wertigkeit anderer Individuen erlauben sollten.

Je mehr ich wahrnehme, umso mehr strömt an Informationen durch die Filter, das irgendwie verarbeitet und bewertet werden muss. Jedes Erkennen von Umwelt ist daher zugleich eine Überforderung, die Entscheidungen abverlangt, d.h. Wertungen darüber, ob das Gesehene, Gehörte, Gerochene und Gefühlte interessant oder unerheblich, harmlos oder gefährlich, bekannt oder fremd ist.

Da Außenwelteinflüsse, die entschieden werden müssen, täglich in hunderttausendfacher Überformung auf uns einprasseln, sind wir permanent zur Selektion von Wahrnehmung und zur Reduktion der Komplexität gezwungen.

Hier kommt erneut die Gegenseitigkeit ins Spiel: Entscheidende Hilfe bei dieser "Vereinfachung" von Lebenswelt leisten die erlernten und aufgezwungenen Filter, also die "Filter 2. Ordnung".

Wir schaffen uns eine Vorstellung davon, wie die Welt auszusehen hat

Das sind unter anderem die allgegenwärtigen "Gepflogenheiten", unsere Erziehung, die herrschende Sitte und der Kanon der Moralvorstellungen: der soziale Nahraum überformt "seinen" Menschen durch vorgestanzte Erwartungen, die sich vornehmlich als Substrat der gemittelten Komfortzone der Mitglieder dieses Nahraums (genauer: des dominierenden Kollektivs) ergeben.

Mehr zum Thema: Wieso ausgerechnet der Streit um die PKK Deutschland und die Türkei einander wieder näher bringen kann

Die soziale Schicht, in der sich der Einzelne bewegt und die durch ihr spezifisches Milieu auch seine Sprache und dadurch seine Lebenswelt mitbedingt, erschafft ritualisierte Denkmuster und "Scheren im Kopf". Durch dauerhaftes Navigieren durch diesen sich selbst (er-)füllenden Dschungel an Ge- und Verboten, schleifen sich im Einzelmenschen individuelle Vorstellungen darüber ein, wie "die Welt da draußen" auszusehen hat.

Der Mensch ist durch dieses Wechselspiel aus Selbst- und Fremdbestimmung vehementen Zerr- und Fliehkräften ausgesetzt, als Seelenwesen ein "ins Leben geworfenes" Geschöpf.

Wir schwimmen quasi in einem Becken, dessen Breite und Tiefe wir nicht kennen, während die uns bereits angeborene Schwimmtechnik mithilfe unserer Peergroups permanent ausgerichtet und korrigiert wird.

Unsere Umgebung gibt uns dadurch zu gewissem Prozentsatz auch vor, wie wir wahrnehmen sollen, und so nehmen wir verstärkt auch nur (noch) das wahr, was wir zuvor eingeübt haben, als Wahrnehmung zu erkennen.

Wer traut sich schon, in unbekanntem Gewässer auf eigene Faust in die andere Richtung zu schwimmen? An sich ein Teufelskreis, gleichzeitig überlebenswichtig.

Wir brauchen "das Fremde", um uns abzugrenzen

Das "Fremde" spielt darin eine gewichtige Rolle: Es zeigt "zu deutende Andersartigkeit" auf, die die beschriebenen Mechanismen in Gang setzt und zur Selektion, Reduktion und Bewertung motiviert. Menschen brauchen das Fremde, um sich selbst zu erkennen, sich "ihrer Gruppe" zuzuordnen und sich dadurch wiederum von "anderen Gruppen" abzugrenzen.

Ohne Andersartigkeit und Abgrenzung wäre alles nur ein großer Brei, ein ungefilterter Haufen von Umwelteinflüssen. Kernziele dieses Selektions- und Einordnungsprozesses sind Stabilisierungen von Erwartungen, die wiederum von Innen unser Bewusstsein stützen, um dadurch unsere Existenz erst fass- und ertragbar zu machen.

Je klarer "Innen" und "Außen", "Gut" und "Böse", "Freund" und "Feind" zu trennen sind, umso leichter fällt die "lebenswichtige" Entscheidung. Das vermittelt Halt und zudem das Gefühl, der Situation gewachsen und mächtig zu sein.

Da rund um die Uhr unzählige solcher Entscheidungen getroffen werden müssen, kommt gerade eine universal einsetzbare "Schablone" ungemein gelegen. Dinge als "fremd" zu erkennen, ist unter allen Schablonen das simpelste Keilstück.

2017-09-04-1504512891-8209760-CopyofHuffPost.png Young Urban Muslims - das Sprachrohr für alle jungen Muslime, die keine Lust haben, dass immer nur über sie geredet wird.

Ängste kommen auf, wenn wir uns ohnmächtig fühlen

Ab wann wird daraus Angst? Außenwelterfahrungen stimulieren unser Bewusstsein auf die soeben beschriebene Weise, können uns aber auch überfordern. Ängste kommen auf, wenn wir uns ohnmächtig fühlen. Entweder, weil wir nicht wissen, was auf uns zukommt, oder weil die Menge an neuen Eindrücken uns so viele Entscheidungen abverlangt, dass wir uns Sorgen um die Bewältigung dieses ungeheuren Selektionsprozesses machen.

Das ist oftmals auch der Grund, weshalb sich viele "Resignierte" und "Besorgte" ins "Gestern" flüchten. Mag es auch nicht alles besser gewesen sein, so ist es doch zumindest bekannt und bereits dutzende Male vorgedacht. Denn alles, was uns von Außen stört, nagt an unserer inneren Ruhe.

Der Philosoph Ludwig Wittgenstein formulierte es einst so: "Unser Leben ist wie ein Traum. In den besseren Stunden wachen wir soweit auf, daß wir erkennen, daß wir träumen. Meistens sind wir aber im Tiefschlaf."

Angst vor dem Fremden ist völlig normal

Viele Menschen sind sich dieser dauerhaften Trance nicht bewusst und nehmen das Hintergrundrauschen daher schon grundsätzlich als bedrohlich war. Dabei handelt es sich jedoch nur um "die Welt da draußen", die unentwegt darauf pocht, erkannt und eingeordnet zu werden.

"Angst" vor dem Fremden ist daher völlig normal, ist quasi das Klackern und Scheppern unserer inneren Filter und Schablonen, das uns als furchteinflößendes Getöse daherkommt.

Übersteigerte und dämonisierte Furcht vor dem Fremden, die in Vorstellungen absoluter Abschottung münden, zeugen hingegen von der Angst, sich im dialogischen Akt des Selbst- und Fremderkennes zu verlieren.

Ein weiterer Beitrag dieses Autors zu diesem Thema erschien im"Migazin".

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die HuffPost ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.