BLOG

Das Schauspiel des Lebens.

19/06/2016 12:05 CEST | Aktualisiert 20/06/2017 11:12 CEST
GettyImages

Manchmal scheint das Leben ein einziger Maskenball zu sein: Man wünscht sich Echtheit, sehnt sich nach Authentizität - bekommt stattdessen aber vielerorts nur ein Schauspiel geboten, das wenig mit den Menschen hinter der Maske zu tun hat. Meinungen und Gefühle werden inszeniert, das Publikum wird instrumentalisiert. Hauptsache, die Show gelingt und am Ende der Vorstellung wartet der heiß ersehnte Applaus!

Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich nun um die Bühne des Lebens handelt, um die Selbstpräsentation auf Facebook und Co, oder das Gespräch mit Kollegen oder auch guten Freunden: Masken findet man überall. Wir alle tragen sie, schließlich können sie ab und an auch mal ganz nützlich sein. Jedoch macht die Dosis das Gift: Wenn wir unsere Masken zu oft tragen, verschmelzen wir irgendwann damit - und haben keine Chance mehr, unser wahres Gesicht zu zeigen.

Warum Schauspiel nicht unbedingt glücklich macht.

Einen wertvollen Impuls, meine eigenen Masken zu überdenken, habe ich letztes Jahr auf der Konferenz des Deutschen Verbands für Hypnose e.V. in München erhalten. Dort hielt der tschechische Rockstar Daniel Landa einen Vortrag zum Thema Mentaltraining in der Kunst, und erzählte bei der Gelegenheit gleich ein wenig aus seinem Leben.

Schon mit Anfang 20 war Daniel in Tschechien landesweit bekannter Schauspieler. Zufrieden war er jedoch nicht. Es fehlte ihm die Authentizität im Schauspiel. Gefühle, Szenen: Alles nur gespielt, nichts davon echt.

Trotz einer sicheren Karriere als Darsteller entschloss er sich, den Job an den Nagel zu hängen und wurde stattdessen Musiker. Eine mutige Entscheidung, die allerdings von Erfolg gekrönt war: Binnen kürzester Zeit avancierte er zum waschechten Rockstar, den heute - nach einer über zwei Jahrzehnten andauernden Karriere - in Tschechien jedes Kind kennt. Sein Ziel hatte er damit erreicht: Kein Schauspiel mehr bieten zu müssen, sondern echt sein zu dürfen. Kein Schauspieler mehr zu sein, sondern: Spieler!

Seit dem Vortrag habe ich das Thema immer wieder mal für mich reflektiert, schließlich hat Daniel Landa da ein paar starke Impulse geliefert. Und eine gute Unterteilung zwischen Schauspielern, Zuschauern und Spielern getroffen.

Schauspieler, Zuschauer - oder Spieler?

Die Schauspieler finden wir nicht nur auf der Bühne oder im Fernsehen, sondern sehr häufig im echten Leben. Sie spielen für Geld, für Ruhm oder dafür, eine Story zu liefern, die das Publikum begeistert. Ein Schauspieler kann sein wahres Selbst perfekt verstecken und zeigt eben die Rolle, die den Erwartungen des Publikums gerecht wird.

Bei ihnen ist alles ein wenig greller, lauter und expressiver. Es gilt, um Leben oder Tod gesehen zu werden - ganz gleich, ob es sich dabei um die Theaterbühne, das Privatleben, den Job, ein Seminar, ein Gespräch oder die Bühne des Lebens handelt. Große Geschichten wollen schließlich mit großem Pathos erzählt werden. Ein Schauspieler muss auffallen und gesehen werden. Ob die dabei erzählte Geschichte wahr und echt ist, oder ob sie auf reiner Vorstellungskraft beruht, spielt dabei keine Rolle.

Große Geschichten brauchen großen Pathos - ganz gleich, ob sie wahr sind oder nicht.

Wenn sie erstmal ihre Bühne betreten haben, erzählen sie dir große Geschichten von Liebe, von Hass - von Romanzen, Abenteuern und Kreuzzügen. Mal sind sie König, mal Prinzessin - ein andermal Bettler oder Opfer. Sie gehen voll und ganz in ihrer Rolle auf und auch die Zuschauer verlieren irgendwann den Sinn für die Realität. Erst, wenn der Vorhang fällt, wenn der wohlverdiente Applaus verstummt, fällt die Maske und der Schauspieler sieht sich wieder mit dem eigenen, echten Leben konfrontiert.

Die Zuschauer? Nun: Die genießen das Schauspiel, sorgen für den nötigen Applaus - und können dabei bequem in der Passivität bleiben. Sie müssen die Gefühle nicht selbst durchleben, sondern können sich (in der Sicherheit des abgedunkelten Zuschauerraums) an dem bedienen, was ihnen gezeigt wird.

Und die Spieler? Klar - die spielen! Fernab aller Bühnen und Zuschauer. Mit Spaß, mit Freude, ohne feste Absicht - und mit der herrlichen Freiheit, die sich erst dann einstellt, wenn es kein Drehbuch mehr gibt und das Ende nicht im Vorfeld schon festgelegt scheint.

Welche Rolle will ich selbst spielen?

Ich selbst habe immer mal wieder verschiedene Phasen im Leben durchlaufen. Mal war ich Schauspieler, und habe eben das gezeigt, was (meiner Meinung nach) das Publikum begeistern könnte. Mal war ich Zuschauer, und habe mich von Schauspielern und ihren Geschichten begeistern lassen.

Spieler war ich - bislang - leider zu selten. Gut, dass mich Daniel hier aufgeweckt hat. Was für eine schöne Einladung, wieder zurück zur eigenen Spiel- und Lebensfreude zu finden!

Am Ende des Tages muss man sich selbst entscheiden, welche Rolle man im Leben spielen möchte. Oder ob man überhaupt eine Rolle spielen will - und nicht stattdessen einfach mal mutig die Maske ablegt, den Theatersaal verlässt, rausgeht ins Leben, und einfach: Spielt! Mit all den Möglichkeiten, die einem das Leben so zu bieten hat. Ganz frei, ungezwungen, mit unglaublich viel Freude.

Denn: Wer sich nur im Schauspiel verliert, wird irgendwann darin ertrinken und die Bretter der Bühne mit dem Spielfeld des Lebens verwechseln. Und wer es sich immer nur auf dem Zuschauersessel bequem macht, wird auch irgendwann träge und bequem, und sich damit abfinden, von den Geschichten der Schauspieler berieselt zu werden. Gefühle werden dann nicht selbst erlebt, sondern fremdkonsumiert.

Wichtig ist wohl, selbst zu wissen, in welchem Bereich seines Lebens man mehr Zeit verbringen möchte. Und achtsam zu sein, dass man nicht in einer einzelnen Position (und damit in einer Rolle) steckenbleibt, oder gar in diese gedrängt wird. Schauspiel hat fast immer ein Skript, ein Drehbuch - sehr häufig, ohne dass es einem bewusst wäre. Damit auch einen bestimmten Ablauf und Ausgang, ohne Möglichkeit, in all die anderen Facetten des Lebens reinschnuppern zu dürfen. Man wird Sklave des eigenen Skripts, erliegt der Illusion des Schauspiels, und wird niemals richtig frei sein.

Die Sucht nach dem eigenen Lebensdrama.

Je mehr man dann in seiner Rolle versinkt, desto süchtiger wird man nach der eigenen Story - häufig gewürzt mit einer starken Prise Dramadreieck. Kurzerhand werden dann andere Mitspieler zu Tätern deklariert, um selbst als Retter brillieren zu können, oder um zumindest um als Opfer ein wenig Mitglied erhaschen zu können. Typisch Dramaking oder -queen, eben.

Das Resultat ist meist eine völlige Unfähigkeit, das eigene Drehbuch hinter sich zu lassen. Oftmals aus Angst, dass das Scheinwerferlicht plötzlich ausgeht, dass der Vorhang fällt - und dass das Publikum ohne die spannende Geschichte plötzlich kein wirkliches Interesse mehr an einem hat. Oder schlimmstenfalls gar die traurigen Augen und die Verzweiflung hinter der Maske erblickt?

Man schauspielert also fleißig weiter, Hauptsache, es gibt Applaus und man bekommt Interesse geschenkt - ohne jegliche Rücksicht darauf, wieviel Kraft es einen kostet. Ohne Rücksicht darauf, wie viel vom eigenen Selbst im Schauspiel doch eigentlich verloren geht.

Warum die Welt auch Schauspieler braucht.

Trotz alledem: Nichts gegen die Schauspieler - wir brauchen sie! Wie langweilig wäre das Leben ohne sie. Wie öde, wenn es gar kein Drama mehr gebe. Machmal tut ein wenig Schauspiel ganz gut, lenkt ab, entspannt und unterhält. Vermutlich kann und sollte man die einzelnen Positionen nicht werten - sehr wohl aber deren Gewichtung. Im öffentlichen Umfeld oder Job kann es manchmal hilfreich sein, eine Rolle zu spielen. Man muss nur tierisch darauf achten, sich nicht darin zu verlieren oder das eigene Selbst zu sehr zu verstecken.

Das Leben also als ständiger Wechsel zwischen den Positionen? Warum nicht: Auch das schönste Spiel verliert irgendwann seinen Reiz, und man macht es sich eine Zeitlang als Zuschauer im Theatersaal bequem.

Manchmal betritt man - Anfangs noch mit schlotternden Knien, später dann jedoch mit stolz geschwollener Brust - die Bühne und zeigt eben das, was das Publikum sehen will. Ganz ohne, dass man dabei wirklich was von sich selbst erzählen muss. Mal mit Rollen, die sich wie auf den Leib geschneidert anfühlen, oft jedoch so, dass das Schauspiel Lichtjahre entfernt von unserem eigenen Selbst liegt. Mit dem ersten Applaus vergisst man dann auch ganz schnell wieder die Diskrepanz im eigenen Fühlen und Handeln: Das perfekte Narkosemittel für die Seele.

Gelegentlich wird uns auch die Rolle des Regisseurs zuteil - wir haben die großartige Chance, für eine kurze Zeit lang den Ablauf zu bestimmen, das Drehbuch zu schreiben.

Und ab und an wird uns auch einfach nur mal die Rolle des Komparsen, des Nebendarstellers zugeteilt - nicht wirklich wichtig fürs Stück, beliebig austauschbar und ohne wirklichen Wert - aber dennoch Bestandteil der Aufführung und wichtiges Utensil der restlichen Schauspieler, um ihre eigene Story weitererzählen zu können.

Mehr Spielen, weniger Show!

Ich selbst habe mich von Daniel Landa und seiner Geschichte gerne inspirieren lassen, im echten Leben immer wieder zum Spiel zurückzufinden. Mich so zeigen zu dürfen, wie ich bin. So sein zu dürfen, wie ich bin. Wenn's dem Publikum nicht gefällt: Kein Problem, ich bin ja schließlich auch kein bezahlter Darsteller!

Genauso werde ich allerdings auch darauf achten, zwar das Schauspiel auf der Bühne zu genießen - im echten Leben aber achtsam zu sein, ob ich wirklich mit dem Menschen hinter der Maske in Kontakt bin, oder ob ich es nurmehr mit einem versierten Schauspieler zu tun habe und zum unfreiwilligen Komparsen eines fremden Drehbuchs gemacht werde. Dann kann aus einem opulenten Abenteuerfilm, einer Comedy oder auch einer Romanze nämlich ganz schnell ein Horrorfilm mit ziemlich schlechtem Ende werden.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Blond, Schwarz, Rot oder Braun: Das verrät die Haarfarbe über euren Charakter

Lesenswert: