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Gewalt, Rassismus, Beleidigungen: So schlimm steht es um deutsche Grundschulen

19/04/2017 12:42 CEST | Aktualisiert 20/04/2017 10:30 CEST

Seit zwanzig Jahren unterrichte ich an einer Brennpunktschule in Berlin-Neukölln. Als sich vor kurzem eine junge Lehrerin im "Berliner Tagesspiegel" äußerte und das Grundproblem der Brennpunktschulen im Rassismus der Lehrer sah, fühlte ich mich herausgefordert, eine Gegenposition zu formulieren (eine Zusammenfassung des Textes seht ihr im Video oben).

Lehrer sind nicht bessere oder schlechtere Menschen als andere. Natürlich gibt es unter Lehrern, wie in jedem Beruf, Menschen, die ihren Job besser oder schlechter machen. Und natürlich gibt es auch Kolleginnen und Kollegen, die sich gelegentlich nicht adäquat gegenüber Schülern verhalten oder sich nicht politisch korrekt äußern.

Und natürlich gibt es in der Schule auch Rassismus, wie man ihn überall in der Gesellschaft findet. Björn Höcke von der AfD ist mit Sicherheit nicht der Einzige, der Ansichten vertritt, die eines Pädagogen nicht würdig sind.

Schüler beschweren sich über Syrer und Flüchtlinge

Die politische und weltanschauliche Vielfalt findet jedoch auch im Lehrerzimmer statt und hier wie überall ist es unzulässig, von einzelnen Äußerungen auf eine ganze Gruppe zu schließen.

Wenn ich jedoch den harten Schulalltag sehe, wundere ich mich eigentlich, wie wenig rassistisch meine Kolleginnen und Kollegen sich äußern.

Nicht wenige kommen aus dem ehemaligen Osten und berichten gelegentlich, dass es in Marzahn oder Hellersdorf nicht viel besser gewesen sei, auch wenn dort viele Schüler einen deutschen Pass haben.

Umgekehrt beobachte ich, wie rassistisch sich Schülerinnen und Schüler äußern, etwa wenn es um die Roma an unserer Schule geht.

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Erst neulich beschwerte sich ein Mädchen aus einer libanesischen Familie bei mir bitter über "die Syrer" und "die Flüchtlinge", die auf der Karl-Marx-Straße stünden und dort Mädchen anmachten und "die doch wieder abhauen sollten".

Ja, das gibt es, und ein Stück weit ist das auch Normalität. Wer zuletzt kommt, muss sich seinen Platz erkämpfen, und die, die schon ein bisschen länger hier sind, spielen den Türsteher und erklären denen, die zuletzt kommen, dass hier nicht mehr rein dürfen.

Dass war übrigens vor fast 50 Jahren schon so, als ich von einem Dorf in ein anderes zog und als "Fremder" mir meinen Platz im wahrsten Sinne des Wortes erkämpfen musste.

Erst als weitere "Zugereiste" an unsere Schule kamen, hatte ich plötzlich Ruhe. Natürlich gibt es in Nord-Neukölln ein hohes Gewaltpotenzial.

Wir können die Welt nicht im Klassenzimmer retten

Das fängt in den Familien an, wo Kinder häufig noch geschlagen werden, und setzt sich auf der Straße und dem Schulhof fort. Und dass, wie in dem Artikel berichtet wird, eine Kollegin die Nerven verloren hat und handgreiflich wurde, habe ich auch schon erlebt.

Das kommt schon gelegentlich vor, und dass es nicht häufiger vorkommt, ist für mich ein Wunder. Ich höre pro Woche zahlreiche Respektlosigkeiten und Beleidigungen.

Von "Bist du schwul?" bis "Lutsch meinen Schwanz!" ist da alles dabei. Und ich rede hier von einer Grundschule!

Wenn etwa eine Kollegin, als "blöde Hure" beschimpft wird und sich nicht mehr im Griff hat, und dem Jungen eine knallt, kann ich das verstehen, auch wenn ich es nicht gut oder akzeptabel finde.

Aus gutem Grund kennt unser Rechtssystem aber den Begriff der "Affekthandlung", die Strafmilderung oder sogar Schuldunfähigkeit zur Folge hat. Wir sind Menschen und nicht Jesus, und wir können nicht die Welt im Klassenzimmer retten!

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Wir haben einen Bildungsauftrag und müssen Kindern Lesen und Schreiben, die Regeln des Zusammenlebens oder Themen der Ethik etc. nahebringen. Wir arbeiten an den sogenannten Brennpunktschulen am unteren Ende der sozialen Skala, und wir haben Lehrpläne und Vergleichstests.

Unseren Schülern fehlen oft die elementarsten Fähigkeiten und Einstellungen. Denn materielle Armut geht oft auch mit kultureller Armut einher. In vielen Haushalten unserer Schüler steht nicht ein einziges Buch.

Viele Kinder bekommen zum ersten Mal in der Schule eine Geschichte vorgelesen. Wie sollen diese Kinder gelernt haben, ruhig zu sitzen, zuzuhören und einer Geschichte mit Spannung zu lauschen, wenn sie zwar sieben Geschwister aber dafür weder ein eigenes Zimmer und oft nicht mal ein eigenes Bett haben?

Die Hälfte unserer Arbeitszeit verbringen wir daher damit, die Kinder auf ihren Plätzen zu halten, Streit zu schlichten, Nasen zu putzen, Schuhe zu binden und ansonsten bürokratische Dinge zu erledigen. Wir sehen die Früchte unserer Arbeit nur selten.

Zum einen, weil es kaum Früchte gibt und die Wenigen, die es trotz all dieser Widerwärtigkeiten schaffen beispielsweise ein Abitur zu machen, sich oft nicht zurück melden. Denn wenn es gut läuft, liegt es bekanntlich an der guten Familie, den Genen oder am Opa. Läuft es aber schlecht in der Schule, so sind natürlich die Lehrer Schuld.

Dabei gehören Lehrer schon immer zu den verachteten Berufen. Wilhelm Buschs Lehrer Lempel mit seinem zerknitterten Burnout-Gesicht ist seit hundert Jahren die meist gedruckte Karikatur unseres Berufsstandes und selbst Bildungsbürger lesen seit Generationen Kindern die "lustige" Geschichte vor, in der der Lehrer am Ende in die Luft gesprengt wird.

Die Schulzeit ist für viele ein traumatisches Erlebnis

Das liegt auf der Hand, denn wie schon Heinrich Mann im "Untertan" formulierte, tritt in Form der Schule und des Lehrers zum ersten mal eine furchtbare, den Menschen auf einmal ganz verschlingende Gewalt an das Kind heran.

Schule ist für viele ein traumatisierender Ort gewesen und schlechte oder ungerechte Lehrer dürfte fast jeder Mensch erlebt haben.

Selten hingegen hört man, dass ein Lehrer gelobt wird, etwa deshalb, weil er einem Menschen neue Perspektiven erschlossen hat oder weil man dankbar ist für die Geduld und für die Ermutigung, die man durch einen Lehrer erfahren hat.

Lehrerbashing ist einfacher und gehört, genau wie der Rassismus zu den einfachen Reaktionen der Frustrations- und Aggressionsabfuhr. Brennpunktschulen zeigen dabei in ihrem Fokus die Krisen und Chancen der globalen Gesellschaft.

Hier spürt man internationale Krisen genau so, wie die sozialen Verwerfungen der eigenen Gesellschaft. Was es etwa für eine Kollegin bedeutet, die plötzlich zwei Flüchtlingskinder in der Klasse sitzen haben, die weder die Sprache, noch die Schrift kennen, die möglicherweise traumatisiert sind, vermag niemand zu verstehen, der diese Situation nicht erlebt hat.

Die Lehrer sind nicht das einzige Problem

Wenn angesichts solcher Umstände wieder jemand "die Lehrer" monokausal als Problemursache erkennt, so ärgere ich mich darüber ungemein. Und auch die Schüler und ihre Familien sind nicht das alleinige Problem.

Unsere Schülerinnen und Schüler haben ja auch ganz wunderbare Fähigkeiten. Sie sind meist mehrsprachig, wenn sie in der ersten Klasse sitzen.

Als leidenschaftlicher Musiker und Liebhaber orientalischer Musik schätze ich das musikalische Talent einiger Schüler und ihrer Eltern. Und es gibt ganz wunderbare Menschen, die ich an meiner "Brennpunktschule" kennenlernen durfte.

Etwa Bosnier, Serben und Albaner, die die Freundschaft ihrer Kinder untereinander unterstützt haben und ihnen nicht das Gift des Nationalismus eingeimpft haben. Und natürlich würdigt die deutsche Schule die Talente dieser Kinder selten.

Das deutsch-französische Gymnasium hat eben ein großes Ansehen, genau wie die Kinder, die Französisch, Spanisch oder einer andere "Kultursprache" als Muttersprache sprechen. Etwas Ähnliches für Araber gibt es aber nicht.

Das sind in der Tat Chancen, die vertan werden! In der Bildungspolitik diskutieren wir jedoch mehr über das Kopftuch von Lehrerinnen, als über die Frage, wie wir den "Migrantenanteil" unter den Lehrkräften erhöhen.

Wir fragen nicht, warum beispielsweise eine unsichtbare Apartheitsgrenze zwischen Kreuzberg und Friedrichshain durch die Spree läuft.

Warum etwa geht es Kindern im Wrangelkiez - so sie nicht in der teuren Dachetage leben - so viel schlechter, als den Kindern am Comeniusplatz, der Luftlinie zwei Kilometer entfernt liegt?

Und warum ignoriert die Erziehungswissenschaft so hartnäckig die plausible Erkenntnis der Elitenforschung, die besagt, dass der so genannte "Stallgeruch" für die Bildungschancen eines Kindes wichtiger ist, als seine tatsächliche Intelligenz?

Ja, an den Brennpunktschulen bräuchten wir Hilfe. Die kostet aber Geld. Wir bräuchten kleinere Klassen und mehr Unterstützung.

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Mehr als zehn Kinder dürften nicht in einer Klasse sein, es müsste Sozialpädagogen, Psychologen und Schulhelfer geben, die sofort bei Auffälligkeiten und Krisen intervenieren. Und vor allem müssten die "Problemfälle" nicht jahrelang nur von der Schule und dem Jugendamt verwaltet werden, sondern es müsste schnelle und drastische Maßnahmen geben.

Warum werden denn Kinder jahrelang in chaotischen Familien gehalten, wo eine Generation von "Troublemakern" nach der anderen heranwächst und wo nach kurzer Zeit klar ist, dass es den Kindern dort nicht gut geht und sie um ihre Entwicklung betrogen werden.

Irgendwann passiert dann nach der fünften Jugendstrafe etwas, was schon in der ersten oder zweiten Klasse hätte passieren müssen. Und nicht zuletzt brauchen wir natürlich Fachkräfte in interkultureller Pädagogik und Kulturdolmetscher.

Als Lehrer im Zeitalter von Inklusion sollen wir alles können, angefangen von sonderpädagogischen Kompetenzen bis hin zu psychologischen und sonstigen Kenntnissen.

Aber wir haben schlicht Grenzen und sind nicht für alles verantwortlich, was gesellschaftlich schief läuft.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der Huffington Post zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

Diskutiert mit und schickt uns eure Erlebnisse an Blog@huffingtonpost.de.

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