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Wir, die Unschuldigen (Teil 2)

04/07/2015 15:35 CEST | Aktualisiert 04/07/2016 11:12 CEST
marck from belgium via Getty Images

Eine kleine Geschichte der Verantwortungslosigkeit

Schuld kann man begleichen: So wie man Schulden begleichen kann, ist auch Schuld tilgbar. Im Gegensatz jedoch zu finanziellen Schulden, beinhaltet die Schuld eine ethisch-moralische Komponente und die Bereitschaft derjenigen Menschen, an denen man schuldig geworden ist, zu vergeben. Doch was passiert in und mit einer Gesellschaft, in welcher die individuelle Schuld immer mehr verschwindet, weil die Verantwortung anonymisiert, bürokratisiert, vergesellschaftet wird?

In drei Beiträgen, geht der Autor dieser Fragen nach, auch in dem er menschliches Handeln als das ansieht, worauf es basiert: auf individuelle Verantwortung. In diesem zweiten Beitrag wird die bürokratisierte Gesellschaft als Herrschaftsform der Un- Verantwortlichkeit betrachtet.

In unserer entzauberten modernen Welt ist alles geregelt, genormt. Von der Wiege bis zur Bahre erstickt das Leben in Formulare. Überall und für alles bestehen Gesetze, Paragraphen, Vorschriften Verordnungen. Tatsache ist, infolge dieser Kontroll- und Reglementierungswut kann niemand mehr auf die Straße gehen, ohne gegen irgendein Gesetz zu verstoßen oder eine Ordnungswidrigkeit zu begehen. Wir sind umzingelt von einer Bürokratie, welche unentwegt Anordnungen erläßt.

Man sieht es wie durch ein Brennglas, unter dem sich die Substanzen verdichten, schaut man ins Innere der Bürokratie, den Behörden. Behördengänge sind der Schleichweg zum Obrigkeitsstaat. Allerorten Antragssteller, Bewerber, neuerdings "Kunden" genannt, eine penetrante, ökonomisierte Instinktlosigkeit. Jedoch das Hauptwesensmerkmal neuzeitlich allumfassender Bürokratie ist die entmenschlichte Herrschaftsausübung des Niemand.

Niemand innerhalb dieses bürokratischen Geflechtes ist noch für etwas verantwortlich. Angefangen von den obersten Regierungsbehörden bis zum Menschen hinter dem Schalter: Jeder erfüllt nur seine Pflicht, gehorcht Gesetzen oder irgendwelchen wirtschaftlichen, politischen Notwendigkeiten für die er natürlich auch nicht verantwortlich ist. Die vermeintlichen Verursacher sind auch hier entpersonalisiert und heißen Markt, Umstände, Globalisierung, Alternativlosigkeit.

Das Verwalten und die Verordnungswut ist nicht nur eine Spezialität der vielfach angefeindeten EU- Behörden. Sie zieht sich durch alle Ebenen der Bürokratie, bis in die letzte Gemeinde.

Proportional umgekehrt dazu verhält es sich mit der Verantwortlichkeit. De jure existiert sie zwar, doch de facto ist sie aufgehoben. In dem Gewirr von Zuständigkeiten innerhalb der Bürokratie, irrt der Bürger wie in einem Labyrinth hin und her, um doch nur zu erfahren, niemand ist zuständig. Ein Zeichen der Perfektionierung dieses bürokratischen Systems ist das Spielchen vom Zu- und Wegschieben der Verantwortung, das den Bürger an der Nase herumführt und Ohmächtig werden lässt.

Auf dem letzten evangelischen Kirchentag verwies der Bundespräsident darauf, daß das Flüchten in Ohnmacht Zivilgesellschaft und Demokratie gefährdet und keine Lösung sei. Aber wie sollen die Menschen nicht in Ohnmacht versinken bei einer Bürokratie, die sich für alles zuständig erklärt, jedoch im Fall der Fälle für nichts mehr Verantwortung übernimmt?

Großprojekte, wie der Berliner Flughafen, bilden hierfür nur die Spitze des Eisberges. Schon der alltägliche Umgang mit Behörden hinterlässt beim Bürger, das wütende, ohnmächtige Gefühl, die Bürokratie ist eine Art Perpetuum mobile, geschaffen zu ihrer Selbstvergewisserung und Selbstbeschäftigung.

Ein Hoffen auf Selbstbeschränkung der Bürokratie ist vergeblich. Ihrem Wesen nach ist Bürokratie allumfassend. Sie trachtet nach Ausdehnung, auch in der Demokratie. In der totalitäre Ausformung ist Bürokratie völlig entmenschlicht und kann, wie uns die Geschichte lehrt, zum Vollstrecker ogansierten Massenmordes werden, ohne sich ihres verbrecherischen Handelns bewusst zu werden.

Die Frage der bürokratischen Verantwortungslosigkeit und wie man ihr begegnet ist zweifellos eines der zentralen Probleme moderner Massengesellschaften. Sie kann nicht innerhalb der Bürokratie, sondern muss außerhalb, im politischen Raum, beantwortet werden. Und zwar in dem Sinne, dass die Verantwortung, welche die Bürokratie zu übernehmen sich weigert, wieder in die Hände des Souveräns gegeben wird.

Heißt, wo es um die direkten Belange der Bürger geht, ihr Lebensumfeld, ihre Zukunft, gleichviel ob auf lokaler, nationaler oder europäischer Ebene, übernimmt die Zivilgesellschaft die Entscheidung und Verantwortung in Form von Volksentscheiden.

Man kann auch hiergegen einwenden, bei Volksentscheiden ist die Entscheidungsgewalt ebenso entpersonifiziert wie in der Bürokratie, und niemand übernimmt letztlich die Verantwortung. Zum Teil ist dieser Einwand richtig, aber nur die halbe Wahrheit. Die Bürokratie ist nicht gewählt und nur aufgrund einer gesellschaftlichen Vereinbarung legitimiert. In der Demokratie jedoch ist das Volk die oberste Legitimität und damit übernimmt es auch die Verantwortung. Dessen muß sich das Volk und die Befürworter von Volksentscheiden bewußt sein und man könnte sie wie folgt dazu ermutigen:

"Ihr beklagt, häufig nicht zu unrecht, die Verantwortungslosigkeit der Regierenden, der Bürokratie. und fordert für Euch die Entscheidungsfreiheit ein. Das ist Euer Recht. Aber mit der Entscheidung übernehmt ihr auch die Verantwortung. Diese ist dann allerdings nicht anonym und niemand kann sich hinter der Masse verstecken.

Jeder Einzelne von Euch trägt für seine Entscheidung auch Verantwortung. Wenn ihr dazu bereit seid und zu Eurer Verantwortung steht, ist die Forderung nach Volksentscheiden vernünftig. Anderenfalls, indem Ihr zwar die Entscheidung beansprucht, aber im nachhinein die Verantwortung verleugnet, ist sie leeres Gerede und keine Alternative."


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