BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Olaf Könemann Headshot

Lieber Herr Spahn, Ihre Aussagen zur Altersarmut sind eine Ohrfeige ins Gesicht von Millionen Deutschen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
JENS SPAHN
dpa
Drucken

Lieber Herr Spahn,

Wenn es nach Ihnen geht, dann hat "im Alter jeder, was er braucht". Denn in Deutschland gibt es die Grundsicherung, ein Instrument, dass es in vielen anderen Ländern überhaupt nicht gibt: Altersarmut? Existiert hier nicht.

Diese Aussage ist eine schallende Ohrfeige in das Gesicht der Millionen Deutschen, die verzweifelt und unsicher in ihre Zukunft blicken. Menschen, die spätestens im Jahr 2030 mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in Altersarmut und Bedürftigkeit landen werden. Menschen, wie ich.

Trotz eines langen Arbeitslebens, folgt eine Rente unter Grundsicherung

In den 90er Jahren kam ich aus der DDR nach Deutschland und schlug mich hier als Orthopädie-Mechaniker durch. Im Jahr 2000 fing ich bei der Deutschen Post an. Dort arbeite ich seitdem als Paketzusteller.

Monatlich verdiene ich 1600 Euro netto. Mein Brutto-Stundenlohn beträgt 15,50 Euro. Wenn ich 2033 in Rente gehe, habe ich 51 Jahre lang gearbeitet - und wenn sich an der jetzigen Gesetzgebung nichts ändert, dann bleiben mir 800 Euro monatlich, für alles.

Mehr zum Thema: Eine neue Studie zeigt, welches alarmierende Ausmaß die Altersarmut in 20 Jahren haben wird

Das ist etwas weniger als die aktuelle Grundsicherung in Hamburg beträgt. Trotz eines langen Lebens als Steuerzahler. Vielleicht fragen Sie Herr Spahn sich jetzt, wie kann das überhaupt sein? Ich helfe ihn eben auf die Sprünge.

Es ist Zeit für eine große Reform, nicht für weitere Kosmetikbehandlungen

Das Drei-Säulenmodell funktioniert nicht mehr und das aktuelle Rentensystem ist komplett gescheitert. Das gesetzliche Rentenniveau sinkt immer weiter ab. 2033 wird es wahrscheinlich bei 43 Prozent liegen. Die Sozialabgaben steigen hingegen weiter an.

Dank der wachsenden Zahl von prekären Arbeitsverhältnissen und Tariflosigkeit in Deutschland wird auch die betriebliche Altersvorsorge immer weniger relevant.

Und die private Vorsorge - nun ja, zu der aktuellen Zinspolitik und den Zukunftsaussichten für Kleinsparer muss ich ja nicht viel sagen.

Auch das Projekt Riesterrente war ein Schuss in den Ofen. Jeder fünfte Riester-Vertrag ruht, weil immer weniger einzahlen oder einzahlen können.

Mehr zum Thema: Beginnt endlich mit einer ehrlichen Debatte: 7 Forderungen für ein Update der Rente

Die Grundproblematik ist also klar. Dennoch: Anstelle eines Neustarts und einer großen Reform kündigen die großen Parteien nichts weiter als kleine Kosmetikbehandlungen an. Ein bisschen Grundsicherung wird das Ganze schon richten. Jeder hat im Alter das, was er braucht - mindestens.

Es ist ein unglaublicher Betrug

Erinnern Sie sich vielleicht, mit welchem Anspruch unsere Landesväter die Rente damals eingeführt haben? Die staatliche Rentenversicherung ist geschaffen worden, damit die Bürgerinnen und Bürger nach Jahren der Arbeit ihren Lebensstandard fortführen können.

Nicht um ein Leben in Armut mit 800 Euro monatlich zu führen. Das ist die Prämisse, die Ihre Rentenpolitik wieder verfolgen sollte, Herr Spahn.

Alles andere ist ein unglaublicher Betrug. Wir haben Millionen Euro eingezahlt und dann will man uns in die Grundsicherung stecken. Ich will selbstständig bleiben und nicht von den Almosen meines Nachbarn abhängig sein.

Und ja, Herr Spahn, ich verstehe, dass eine Renten-Revolution, wie wir sie dringend benötigen, nicht einfach vom Himmel fällt. Doch mit Sicherheit sind Sie sich auch bewusst, dass sie als Volksvertreter gewählt worden sind. Sie verwalten kein börsennotiertes Unternehmen.

Setzten Sie sich für eine Politik ein, die ein anständiges Leben gewährt

Ihre Aufgabe ist es, Schaden vom Volk abzuwenden und nicht, Schaden zuzulassen und zu fördern. Setzen Sie sich als Staatssekretär des Finanzministeriums für eine Politik ein, die den Menschen ein anständiges Leben gewährt.

Deutschland muss endlich wieder darüber nachdenken, wie wir miteinander umgehen. Denn momentan sitzen wir auf einem gesellschaftlichen Pulverfass - und es wird spätestens dann in die Luft gehen, wenn 2030 jeder zweite Arbeitnehmer darüber nachdenken muss, bald die Grundsicherung zu beantragen.

Der Beitrag wurde von Julius Zimmer aufgezeichnet.

____

Lesenswert:

2016-10-24-1477314417-8667323-image_1465815956.jpeg

Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der HuffPost zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

Diskutiert mit und schickt uns eure Erlebnisse an Blog@huffingtonpost.de.