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An alle, die ständig über uns Paketboten schimpfen: Das Problem seid ihr selbst

13/10/2017 12:50 CEST | Aktualisiert 14/10/2017 19:20 CEST

Wenn ich den Menschen erzähle, dass ich meinen Job liebe, sind sie meistens überrascht. Es ist harte Arbeit, noch dazu schlecht bezahlt.

Ich arbeite als Paketzusteller - und es ist mein Traumberuf. Aber ich habe Angst um meine Arbeit. Keine Angst, gekündigt zu werden, aber Angst, dass sich mein Beruf verändert. Denn immer weniger Menschen wollen diesen Job machen, obwohl er mit jedem Tag wichtiger wird.

Im Video oben: Eine Frau wartet auf ihre Matratze - und hinterlässt dem DHL-Boten eine unverschämte Nachricht

Mittlerweile kann einfach alles online bestellt werden: Kleidung, Technik, Möbel und sogar Lebensmittel. Mit einem Klick kommen die Menschen zum gewünschten Produkt. Kaum einer denkt darüber nach, dass ohne uns Paketzusteller das alles gar nicht möglich wäre.

Seit 17 Jahren stelle ich Pakete zu

In Deutschland arbeiten laut Focus rund 240.000 Menschen im Zustelldienst. Allein vergangenes Jahr lieferten sie drei Milliarden Pakete aus.

Ich stelle schon seit 17 Jahren für die DHL Pakete zu. Viele meiner Kollegen haben Migrationshintergrund. Sie fingen im Zustelldienst an, weil sie schnell und ohne lange Ausbildung Geld brauchten. Auch ich habe diesen Job aus einer Notsituation heraus ergriffen.

Ich musste meine Familie ernähren und hielt mich vorher mit anderen Tätigkeiten über Wasser. Irgendwann ging das dann nicht mehr und ich bewarb mich bei der DHL.

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Ich hätte anfangs nicht gedacht, dass ich darin meinen Traumberuf finden würde. Ich liebe es, Kontakt mit den Menschen in meinem Zustellbezirk zu haben. Über die Jahre hinweg haben sich dort Freundschaften entwickelt. Ich bekomme mit, wenn Kinder geboren werden und wie sie aufwachsen und werde manchmal sogar zu Familienfeiern eingeladen.

Meine Kunden haben Vertrauen zu mir. Sie wissen, dass ich mit ihren Sendungen verantwortungsvoll umgehe. Außerdem bin ich in meiner Arbeitseinteilung mein eigener Herr. Das alles macht für mich diesen Beruf sehr erfüllend.

Aber ich weiß, dass das eine Ausnahme ist.

Wie Hermes mit seinen Mitarbeitern umgeht, ist unmenschlich

Die ganze Branche besteht fast nur noch aus Subunternehmern - wie zum Beispiel der Paketdienst Hermes, der zum Otto-Konzern gehört. Wie dort mit den Mitarbeitern umgegangen wird, ist unmenschlich. Nach einen Monat Paketzustellung, erhalten sie gerade mal einen Lohn auf Mindestlohnbasis.

Die DHL bietet für Einsteiger wenigstens einen Stundenlohn von 12,22 Euro. Trotzdem: Für dieses Geld will niemand mehr arbeiten.

Vor allem nicht, wenn die Tätigkeit daraus besteht, Matratzen, Flachbildfernseher oder die IKEA-Bestellung mehrere Stockwerke hoch zu schleppen. Die Menschen, die zuhause auf dem Sofa auf ihre Bestellung warten, denken daran meistens überhaupt nicht.

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Obwohl ich meinen Job und meine Kunden mag, macht mich das manchmal wütend. Wir ackern hart und das für wenig Geld, damit sie ihr Haus nicht verlassen müssen. Und dann werden auch noch Lebensmittel im Internet bestellt, obwohl man an jeder Ecke einen Supermarkt finden kann.

Das werde ich nie richtig verstehen. Andererseits weiß ich: Das ist das unser Job und sichert unsere Arbeitsplätze

Nach dem ersten Arbeitstag überlegt sich wohl jeder Paketbote gut, ob er weitermacht. Es überrascht mich nicht, dass in den meisten Zustellbezirken mittlerweile eine hohe Fluktuation herrscht.

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Das ist jedoch nicht gut für die Kundenbindung, denn ein Vertrauensverhältnis zwischen Kunde und Zusteller entsteht da nicht. Noch schwerer wird es, wenn ein Paketbote nur gebrochen deutsch spricht - so wie viele meiner Kollegen in der Branche. Immer mehr Migranten machen diesen Job. Für viele Paketdienste sind sie einfach billige Arbeitskräfte.

Doch trotzdem herrscht Personalmangel. Ob es zum Weihnachtsgeschäft genug Zusteller geben wird, steht in den Sternen.

Paketunternehmen wollen den Menschen ersetzen

Deshalb testet die DHL momentan sogar Paketdrohnen, die die Ware zu ihrem Empfänger fliegen soll. Für mich ist das absoluter Wahnsinn - und ein weiteres Zeichen dafür, dass unser Beruf nicht mehr gewertschätzt wird.

Man sucht nach Möglichkeiten, den Menschen zu ersetzen. Aber für manche Berufe braucht man einfach Menschen, die sie ausführen. Das bedeutet für mich Stabilität in der Gesellschaft. Ein Paketzusteller darf nicht von einer Drohne oder einem Roboter ersetzt werden. Bei unserer Arbeit geht es schließlich um Vertrauen.

Die einzige nachhaltige Lösung ist, den Zustellern mehr Lohn zu zahlen. Wir sind schließlich Menschen. Wir sorgen dafür, dass sich kein Mensch mehr aus dem Haus bewegen muss, um einzukaufen. Wir erleichtern ihnen das Leben. Das sollte anständig bezahlt werden.

Das Gespräch wurde aufgezeichnet von Franziska Kiefl.

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(jz)

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