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Kein Olympia ohne Bürgerbeteiligung

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OLYMPIA
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Der internationale Sport steckt in einer Glaubwürdigkeitskrise. Ausrichterstaaten von großen Sportereignissen stehen gemeinsam mit den internationalen Sportverbänden immer öfters mit negativen Schlagzeilen im Fokus der Öffentlichkeit, wie derzeit Brasilien und Katar. Menschenrechtsverletzungen, Korruption, Intransparenz und Gigantomie sind die Stichwörter dieser Schlagzeilen. Diese Entwicklung lässt den Sport in den Hintergrund treten. Um den Sport wieder in den Vordergrund zu rücken, bedarf es eines Bündels verschiedener Maßnahmen, vor allem in den Weltsportverbänden.

Nach der krachenden Abstimmungsniederlage im November 2013 über die Bewerbung des Großraums München für die Winterspiele 2022 gab es lange Gesichter bei den Befürwortern vor Ort und den Verantwortlichen des DOSB. Die Ursache war schnell gefunden: Die Menschen hätten nicht verstanden, die Befürworter müssten mehr erklären und ein besseres Marketing betreiben. Die Schockstarre hielt aber nicht lange an.

Neben Hamburg wird auch in Berlin ganz konkret über Olympische Sommerspiele nachgedacht - in Berlin vor allem vorangetrieben vom Landessportbund Berlin mit Unterstützung des Senats und Teilen der Berliner Politik und Wirtschaft. Der DOSB unterstützt die Debatte auf die ihm eigene Art und setzt Politik, Sport, Befürworter sowie Gegner mit einem 13-teiligen Fragenkatalog, der bis Ende August diesen Jahres beantwortet sein muss, unter Druck.

Wowereit sieht sich bereit für Olympia - doch was sagen die Berliner?

Und wie immer fühlt sich die Berliner Politik bereit für ein neues Großprojekt. Diese Haltung verwundert ein wenig. Zweifelsohne sind die Berlinerinnen und Berliner für den Sport zu begeistern und sind tolle Gastgeber, wie sie bei der Fußballweltmeisterschaft 2006 gezeigt haben. Doch zeigt das Münchner Ergebnis zur möglichen Bewerbung für die Olympischen Winterspiele, dass die Bürgergesellschaft sich nicht mehr einfach blenden lässt. Denn die in der Münchner Abstimmung gezeigte Verweigerung war kein Zeichen von Mutlosigkeit oder eine Reaktion der „Wutbürger". Hier hat es sich Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), zu einfach gemacht, als er das Nein der Bürger zur Olympia-Bewerbung Münchens als Sieg der Mutlosen bezeichnete. Mich überrascht diese "Olympia, nein danke"-Stimmung nicht, die zuletzt in München aber auch in vielen anderen Ländern Europas zum Ausdruck kam. Offensichtlich beschäftigen die Menschen andere gesellschaftliche Probleme als die Frage nach Olympischen Spielen. Vor allem herrscht zu Recht ein großes Misstrauen gegenüber dem IOC. Das IOC ist neben der FIFA zu einem Sinnbild einer Organisation geworden, die mehr für Korruption, Selbstgefälligkeit, Intransparenz und Größenwahn steht als für einen fairen Sport. Und vom olympischen Gedanken mag man doch gar nicht mehr reden.

Im Gegenteil, die Meinung der Menschen ist niederschmetternd. So denken viele Menschen, dass es dem IOC und den dort in den Gremien sitzenden Funktionären vorrangig ums (eigene) Geld und nicht um den Sport geht. Anders lässt sich eine Vergabe der Winterspiele 2014 nach Sotschi nicht erklären. Und die Vergabe der Fußball-WM 2022 nach Katar durch die FIFA sowie die aktuellen Berichte über Korruption und Vorteilsnahme im Rahmen der Entscheidung haben viele in dieser Meinung noch bestärkt. Wie auf dieser Grundlage eine offene und positive Stimmung für Olympia oder auch andere Sportgroßveranstaltungen geschaffen werden soll, ist fraglich.

Der Sport ist in einer Glaubwürdigkeitskrise

Die häufig vor allem von Sportverbänden vorgetragene Auffassung eines politisch neutralen Sports ist ein zentraler Grund für die Glaubwürdigkeitskrise im Weltsport. Großveranstaltungen haben immer auch eine politische Dimension. Die Lage von Menschen- und Bürgerrechten, aber auch Fragen der Nachhaltigkeit und des Umweltschutzes wurden und werden bei der Vergabe von Veranstaltungen nur in Ansätzen diskutiert und spielen bei der Berücksichtigung keine Rolle. Dies muss sich ändern. Zwar soll der Sport keine parteiliche Position beziehen, er muss sich aber den gesellschaftlichen und ökonomischen Voraussetzungen sowie den Umweltbedingungen vor Ort stellen und darf dies nicht alleine auf die Ausrichterstaaten abwälzen.

Die Massenproteste in Brasilien sind erneut ein mahnendes Beispiel, das Augenmaß nicht zu verlieren. Olympia zu holen, koste es, was es wolle, passt einfach nicht mehr in unsere heutige Zeit. Diese Situation wird darüber hinaus noch weiter verschärft, weil sich die Weltsportverbände IOC und FIFA von gemeinnützigen Vereinen - mit Sitz in der Schweiz - zu weltweit operierenden Sportkonzernen mit Milliardenumsätzen fortentwickelt haben, ohne dass angemessene und in Unternehmen selbstverständliche Kontrollstrukturen entwickelt worden sind, von den Steuerbefreiungen gar nicht zu reden. Um den Sport wieder in den Vordergrund zu bringen, braucht es eine rückhaltlose Aufklärung der Korruption in den Sportorganisationen, nicht nur anlässlich von Sportgroßveranstaltungen.

Auch die Olympischen Spiele sind zum Symbol für gigantische Inszenierungen geworden. Die Kosten für Olympia 2012 in London sind von geplanten drei auf über 13 Milliarden Euro angewachsen. Putins Spiele in Sotschi haben vorsichtig geschätzt zwischen 35 und 40 Milliarden Euro gekostet. Auf Berlin käme ebenfalls leicht eine Investition in Milliardenhöhe zusammen aufgrund von Sanierungen und nötigen Neubauten.

Dieser Gigantismus steht im vollen Gegensatz zur Meinungsbildung der Menschen in der potentiellen Bewerberstadt Berlin aber auch anderen Städten. Er treibt die Preise in die Höhe und zwingt die Städte zu Flächenversiegelung oder Nachverdichtung. Eine Folge dieser Entwicklung erleben wir in Berlin hautnah: Immer mehr Bürger können sich das Leben in ihrer eigenen Stadt nicht mehr leisten, während sich gleichzeitig ohne ihr Zutun das Gesicht und der Charakter Berlins verändert. Diese Entwicklung führt zur Ablehnung neuer Großprojekte in breiten Teilen der Stadt, schließlich hat sich Berlin mit dem Bau des neuen Berliner Flughafens und der Sanierung der Staatsoper nicht gerade mit Ruhm bekleckert.

Die Pläne des Berliner Senats, den Berlinerinnen und Berlinern zukünftig wichtige Fragen zur Entscheidung vorzulegen, wäre ein Weg und ist eine kluge Lehre aus dem Debakel der Abstimmung über das Tempelhofer Feld. Nur leider kommt diese Besinnung zu spät für die Olympiabewerbung. Auch der DOSB scheint den richtigen Weg eingeschlagen zu haben und stellt in seinem Fragenkatalog die beiden entscheidenden Fragen: Warum will Ihre Stadt die Olympischen Spiele und Paralympischen Spiele ausrichten und wie sollen die Bürger/innen in Ihrer Stadt und ganz Deutschland davon profitieren? Allerdings hat der DOSB Berlin wie auch Hamburg nur drei Monate Zeit gegeben, eine Antwort zu geben. Damit ist der Vorstoß wohl doch nicht so ernst gemeint, wie es scheint.

Unter diesem Zeitdruck jedoch muss jede Bürgerbeteiligung zum Versuch verkommen, die Bürger von der Sinnhaftigkeit längst beschlossener und von ökonomischen Interessen diktierter Planungen zu überzeugen. Dies werden die Berliner nicht mehr mit sich machen lassen. Das deutliche Nein der Berliner beim Volksentscheid zur Bebauung des Tempelhofer Felds schafft eine selbstbewusste Gegenöffentlichkeit zur rot-schwarzen Mehrheit in Berlin. Und das ist auch gut so!

Beteiligung und Nachhaltigkeit statt Gigantismus und Intransparenz

Ich habe keinen Zweifel daran, dass die Berlinerinnen und Berliner ein tolles Sportpublikum wären, wenn wir bescheidene und nachhaltige Spiele erwarten dürften. Aber auch hier werden die Bürger Berlins eine Besinnung auf das richtige Maß fordern. Ein Werben für Olympia muss mindestens die folgenden Kriterien erfüllen: eine echte Bürgerbeteiligung, die Beachtung von Ökologie und Nachhaltigkeit, Bescheidenheit statt Gigantomie und ein Maximum an Transparenz auf allen Ebenen. Das Problem ist nur, dass das IOC noch viele Jahre benötigen wird, dies zu begreifen und den Sport wieder in den Mittelpunkt zu rücken.

Hierzu braucht es einen demokratischen Neuanfang in den Sportverbänden und demokratische Beteiligungsprozesse bei der Ausgestaltung der Sportgroßveranstaltungen vor Ort. Sportgroßveranstaltungen sollen demokratische Standards setzen. Ein Katalog von Kriterien und die Bekämpfung der Korruption wären erste Schritte, um die Vergabe von Sportgroßveranstaltungen zukünftig politisch zu legitimieren und gesellschaftliche Mehrheiten zu erreichen. Auch können diese Kriterien verbindliche Anreize schaffen, um autoritäre Regime über sportliche Großereignisse positiv zu beeinflussen.

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