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Vorbild für Integration

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DEUTSCHE MANNSCHAFT FUSSBALL
dpa
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Es ist unglaublich, dass wir heutzutage überhaupt Debatten wie diejenige der vergangenen Wochen, führen, wen sich der rassistische Parteivorstand einer rechten Partei als Nachbarn wünscht oder nicht oder wie sehr es anderen Rassisten gefällt, dass Kinderbilder Deutscher Fußball-Nationalspieler auf Schokoladenverpackungen abgedruckt werden.

Dabei belegt die heterogene Zusammensetzung unserer Fußballnationalmannschaft nur eines: Deutschland ist ein Einwanderungsland und Integration sowie Zusammenspiel ganz unterschiedlicher junger Menschen gelang im Fußball in den vergangenen Jahren besonders erfolgreich.

2014 hatten zwanzig Prozent der in Deutschland lebenden Menschen einen Migrationshintergrund. Während in den vergangenen beiden Jahren laut Statistischem Bundesamt 1,6 Millionen Menschen auswanderten, zogen oder flohen 3,3 Millionen Menschen in die Bundesrepublik, um sich hier ein neues Leben aufzubauen.

In die Debatte um Integration mischen sich nun selbst Menschen ein, die Jahre, jahrzehntelang nichts von Einwanderung und Integration hören wollten und haben auf einmal die vermeintlich richtigen Rezepte parat, wie gut integriert wird. Vieles wird dabei falsch verstanden, während an anderer Stelle ganz viel ohne große Diskussion richtig gemacht wird.

Menschen, die neu in eine Gesellschaft kommen, stehen vor einer großen Herausforderung. Sie müssen sich dort zurechtfinden, verstehen, wie diese neue Gesellschaft funktioniert, welche Ideen, Überzeugungen, Traditionen, Mechanismen und welche Geschichte sie prägen. Sie stehen vor der Aufgabe, ihren eigenen Platz zu finden und herauszufinden, wie sie sich in diese neue Gesellschaft einbringen, um ein Teil von ihr zu werden.

Am schnellsten und besten gelingt dies, wenn sie dabei nicht alleine gelassen werden, sondern wenn sie Unterstützung von Menschen bekommen, die bereits Teil dieser Gesellschaft sind und wenn sie sich dabei schlicht als Menschen akzeptiert fühlen. Wenn das gelingt, gelingt Integration.

Wie gute Integration ermöglicht wird, darüber wird derzeit ausgiebig gestritten

Ob dies überhaupt das Ziel ist, ist bei manchen Vorschlägen mehr als fraglich. Doch während die Große Koalition, allen voran die CSU, einen Integrationsverhinderungsvorschlag nach dem anderen auf den Tisch legt und teilweise gemeinsam mit den Regierungsparteien auch verabschiedet, packen bundesweit Menschen einfach an, ohne viel darüber zu sprechen.

Bürgerinnen und Bürger vor Ort, in Gemeinden und Kommunen, in Vereinen und ad-hoc Zusammenschlüssen leisten Großartiges, um unsere neuen Nachbarn willkommen zu heißen und ihnen die ersten Schritte in ihr neues Leben zu erleichtern.

Von großer Bedeutung ist hier der Sport. Er birgt ein unschätzbar starkes Potential für erfolgreiche Integration. Wer jemals Mitglied einer Trainingsgruppe oder einer Sportmannschaft war, kennt das: Im Vordergrund stehen das Team, das gemeinsame Spiel oder Sporttreiben, das Ziel der Gruppe, zu dem jedes Mitglied einen Beitrag leistet. Religion, Herkunft oder Hautfarbe sind dabei Nebensache.

Sprachbarrieren werden überwunden, denn die gemeinsame Sprache ist jene des Sports. Doch die Wirkung, die diese positive Erfahrung erzeugt, reicht weit über den Sport hinaus, auf die Persönlichkeit und auf das Selbstwertgefühl jedes Einzelnen aber auch auf das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft als Ganzes. Respekt steht im Mittelpunkt.

So ist es kein Wunder, dass auch wissenschaftliche Studien zeigen, dass sich Menschen, die in einem neuen Heimatland in Sportgruppen sind, sich in diesem Land insgesamt schneller und besser zurecht finden. Die Kultur des Sports und des unabhängigen, auf ehrenamtlicher Basis organisierten Vereinslebens geprägt ist, wird damit zu einem wertvollen Schatz.

Ein Drittel der Bevölkerung ist Mitglied in einem Sportverein

Und genau hier, in zahlreichen der über 90.000 Vereine sowie in ungezählten Zusammenschlüssen mit Menschen, die sich einfach auf einer Wiese zum Spielen treffen, geschehen derzeit tagtäglich kleine und große Wunder.

Sportlerinnen und Sportler, Trainerinnen und Trainer, Helferinnen und Helfer engagieren sich. Es gibt interkulturelle Sportteams, Willkommenssportfeste, Schnupperstunden und lockere Freizeitangebote für die neuen Kinder und Erwachsenen im Stadtteil. Neue Sportarten wie etwa Kricket erfahren einen Boom, neue Freundschaften werden geboren, Vereine freuen sich über Nachwuchs und junge Talente.

Eines dieser ungezählten wundervollen Projekte ist beispielsweise Champions ohne Grenzen, das über Sport weit hinausgeht: „Durch Sport-Trainings, Orientierungstouren in der Berliner und Brandenburger Kulturlandschaft, Beratung und Vernetzungsarbeit, können Geflüchtete aus aller Welt bei uns nachhaltig auf ihrer Reise in eine neue Heimat begleitet werden.", heißt es auf der Webseite des 2012 gegründeten Vereins.

Die Menschen im Land handeln also schon, während die Politik noch diskutiert.

Deshalb muss das Engagement der vielen Freiwilligen im Land nach Kräften unterstützt werden. Mit gutem Beispiel voran ging bereits die Verbandspolitik in Form der Landessportbünde, die schnell reagiert und Versicherungen abgeschlossen haben, die es Geflüchteten ermöglichen, am Vereinssport teilzunehmen, ohne Mitglied zu sein. Neue Aus- und Fortbildungsangebote für Übungsleiterinnen und Übungsleiter sind im vollen Gang.

Hier kann auch die Politik unterstützen: Vereine, Landessportbünde und Sportverbände benötigen ausreichende finanzielle und personelle Ressourcen zur weiteren Konzipierung und Umsetzung ihrer verschiedenen Projekte und Programme und Fortbildungsangebote.

Um die Förderung nachhaltig zu gestalten, sollten Projektmittel nicht nur kurz-, sondern auch mittel- und langfristig vergeben werden. Die Mittel aus dem bereits seit 1989 bestehenden vom Bund geförderten Programm „Integration durch Sport", sollten in diesem Zuge verstetigt werden. Die elf Millionen Euro für das Programm reichen bei weitem nicht aus.

Weiterhin müssen Mittel unkompliziert und mit möglichst geringem bürokratischem Aufwand beantragt werden können, denn auch diese Arbeit wird in vielen Fällen von Ehrenamtlichen geleistet. Der gesteigerten Nachfrage nach den Sportangeboten entsprechend, sollten auch die Stellen im Bundesfreiwilligendienst für Sportprojekte mit Geflüchteten ausgebaut werden.

Sport alleine wird nicht alle gesellschaftlichen Herausforderungen lösen, aber er kann gemeinsam mit weiteren wichtigen Faktoren wie guter Bildung, schneller, nachhaltiger und vor allem auch der Qualifikation der Menschen angemessener Integration in den Arbeitsmarkt einen großen Teil dazu beitragen, dass das Einwanderungsland Deutschland ein Erfolgsmodell wird.

Teamgeist und Fairplay sind dabei essentiell. Beides wird im Sport in seiner Grundidee gelebt und vorgelebt. Ein Blick auf unsere Nationalmannschaft zeigt, wie wichtig und erfolgreich der Sport für die Integration ist. Ob Boateng, Özil, Khedira, etc., sie alle stehen als Weltmeister für das neue vielfältige Deutschland. Die Politik kann davon auf jeden Fall noch viel lernen.

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