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Helft den Lehrern! Denn auf sie kommt es wirklich an

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LEHRER
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Die von der OECD vorgestellte Studie „Bildung auf einen Blick 2014" hat erneut gezeigt: Bildungsinvestitionen sind Zukunftsinvestitionen.

Wer heute in Bildung investiert, bestimmt maßgeblich über die Zukunft unserer Kinder und somit auch über die Zukunft unserer Gesellschaft. Mit der Bereitstellung oder Nicht-Bereitstellung von entsprechenden Rahmenbedingungen bringt Bildungspolitik nicht nur zum Ausdruck, was für einen Wert sie Kindern und Jugendlichen beimisst, sondern sie offenbart damit auch, wie es um ihre Einstellung hinsichtlich unserer aller Zukunft bestellt ist.

Bildungspolitik ist deshalb immer auch Zukunftspolitik - oder Zukunftsvergessenheitspolitik.

Zwar hat sich in unserem Land bildungspolitisch in den letzten Jahren einiges zum Positiven verändert, nichtsdestotrotz ist hinsichtlich der Weiterentwicklung unseres Bildungssystems - hin zu einem inklusiveren, gerechteren, gleichzeitig aber auch leistungsfähigeren Bildungssystem - noch ein weiter Weg zu gehen.

Dieser Weg muss von der Politik entworfen und gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern, den Lehrerinnen und Lehrern, aber auch den Eltern gegangen werden. Dabei sind es vor allem die Lehrerinnen und Lehrer, auf die es ankommt, sie sind die tragenden Säulen unseres Bildungssystems.

Als solche müssen sie über gute Arbeitsbedingungen verfügen, entsprechend entlohnt, aber auch mit den für den Schulalltag notwendigen Kompetenzen ausgestattet werden: Erst die Verknüpfung von Selbst-, Sozial-, Methoden-, und Fachkompetenz führen zu einer umfänglichen Handlungskompetenz.

Der Aus- und Weiterbildung von Lehrerinnen und Lehrern muss deshalb weitaus mehr Beachtung geschenkt werden, als dies bisher der Fall war. Wenn wir die Besten für den Lehrerberuf gewinnen wollen - wie es beispielsweise in Finnland oder Kanada der Fall ist - dann müssen diese auch in sehr guten Studiengängen unter besten Studienbedingungen lernen und das Lehren erproben können. Bildungsinvestitionen sind deshalb zwingend auch Investitionen in die Lehrerbildung.

Zufriedenheit der Lehrerinnen und Lehrer von größter Bedeutung

Dabei muss im Lehramtsstudium deutlich werden, dass es nur wenige Berufsgruppen gibt, die so wichtig und für unser demokratisches und zivilisiertes Zusammenleben von so großer Bedeutung sind, wie die Berufsgruppe der Lehrer.

Der Entwicklung eines professionellen Habitus muss deshalb schon im Lehramtsstudium eine viel größere Bedeutung beigemessen werden. Viele angehende Lehrerinnen und Lehrer sind schon während ihres Studiums unzufrieden. Sie haben das Gefühl, mehr schlecht als recht auf den Schulalltag vorbereitet zu werden. Die Unzufriedenheit verstärkt sich dann oft mit dem Eintritt ins Arbeitsleben.

Die Zufriedenheit der Lehrerinnen und Lehrer ist jedoch von großer Bedeutung. Sie entscheidet über ihre Motivation im Arbeitsalltag und steht deshalb mit der Qualität des Unterrichts und den Lernleistungen der Schülerinnen und Schüler in einem engen Zusammenhang.

Erst wenn das Lehrpersonal über das nötige Rüstzeug verfügt, die Schülerinnen und Schüler tatsächlich auch optimal zu fördern, kann die Unterrichtsqualität gesteigert und Bildungsungerechtigkeit abgebaut werden.

Gute Lernleistungen resultieren aus Lernfreude, Anstrengungsbereitschaft und Selbstwirksamkeit. Sie sind nicht nur wichtige Voraussetzungen für Lernerfolg, sondern sie sind zu Schlüsselfaktoren geworden in einer Zeit, in der wir von Lehrerinnen und Lehrern erwarten, dass sie ihren Schülern dabei helfen, sich in einer sich immer schneller verändernden Welt zurechtzufinden; sie auf ein Leben vorbereiten, das wir heute noch nicht kennen; ihnen helfen, Technologien zu nutzen, die erst morgen erfunden werden; und strategische Herausforderungen zu bewältigen, von denen wir heute noch nicht wissen, dass es sie gibt.

Je komplexer unsere Arbeitswelt wird und größer das kodifizierte Wissen ist, umso mehr gewinnen die Menschen an Bedeutung, die diese Komplexität nicht nur verstehen, sondern auch für Menschen mit anderen Blickrichtungen und aus anderen Fachrichtungen verständlich machen können.

Junge Menschen müssen sich in einer sich beständig verändernden Welt immer wieder neu positionieren, eigenständig und verantwortungsbewusst handeln, ihre eigenen Pläne und Projekte in größere Zusammenhänge stellen können, Rechte, Interessen, Grenzen erkennen und verantwortlich wahrnehmen.

Und nicht zuletzt müssen Menschen in der Lage sein, gute und tragfähige Beziehungen aufzubauen, mit Konflikten umzugehen und sie zu lösen, sich in multikulturellen/pluralistischen Gesellschaften konstruktiv einzubringen. Soziale Intelligenz, emotionale Sicherheit und Gründergeist sind hier entscheidende Dimensionen.

Qualität des Unterrichts entscheidend für den Erfolg der Schülerinnen und Schüler

Und wir wissen, dass Lernen ein individueller Prozess ist und wir diesbezüglich von Schulen erwarten müssen, dass sie Lernpfade individualisieren und Schülerinnen und Schüler dazu befähigen, gemeinsam und voneinander zu lernen.

Dabei haben wir es mit dem Dilemma zu tun, dass eine neue Lernkultur auf veraltete Formen der Leistungserfassung und Leistungsbewertung trifft. Moderne Schulsysteme betonen dagegen motivierende Leistungsrückmeldungen, die Vertrauen in Lernergebnisse schaffen und mit denen Lernpfade und Lernstrategien entwickelt und begleitet werden können.

Traditionell sind Lehrerinnen und Lehrer, beziehungsweise die Schulen die letzte ausführende Instanz eines komplexen Verwaltungsapparates. Moderne Schulsysteme hingegen müssen sich daran messen, was die Schule als selbstständige und pädagogisch verantwortliche Einheit leisten kann, die den individuellen Lernfortschritt in den Mittelpunkt stellt und Verantwortung für ihre Ergebnisse übernimmt, anstatt diese auf andere Schulformen oder weniger anspruchsvolle Bildungswege abzuwälzen.

Ihr Erfolg wird daran gemessen, inwieweit es ihren Lehrerinnen und Lehrern gelingt, das Potenzial aller Schülerinnen und Schüler zu mobilisieren, die Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler zu entdecken und zu fördern, und zwar durch Lehr- und Lernformen, die nicht defizitär angelegt, sondern wirklich auf den einzelnen Schüler zugeschnitten sind.

Auf derartig veränderte Anforderungen sind Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland mitunter nur unzureichend vorbereitet. Dabei ist es offenkundig: Auf den Lehrer kommt es an!

Nicht die Schulform oder die Klassengröße entscheidet über den Erfolg oder Nichterfolg von Schülerinnen und Schülern, sondern die Qualität des Unterrichts - und somit die Qualität der pädagogisch handelnden Personen. Die Qualifikation des Lehrers bzw. der Lehrerin ist deshalb die zentrale Größe im Bildungswesen. Deshalb sind die bereits genannten Aspekte wichtige Voraussetzungen, auf die eine Lehreraus- und Weiterbildung unbedingt vorbereiten muss.

Ebenso wichtig wie eine gute Aus- und Weiterbildung ist darüber hinaus aber auch ein Arbeitsumfeld, dessen Attraktivität nicht auf dem Beamtenstatus, sondern auf Kreativität, Innovation und Verantwortung beruht, und dass Differenzierung im Aufgabenbereich, Verantwortung für Lernergebnisse, und gute Unterstützungssysteme anbietet, so dass Lehrerinnen und Lehrer am Ende nicht als Einzelkämpfer im Klassenzimmer dastehen.

Bildungspolitik im 21. Jahrhundert muss sich bewusst machen: Der schulische Erfolg von Schülerinnen und Schülern hängt entscheidend von den Rahmenbedingungen ab, unter denen sie leben und lernen. Bildungspolitik im 21. Jahrhundert sollte sich deshalb auch darüber im Klaren sein: It's the teacher, stupid! - Nicht nur, aber vor allem.

Andreas Schleicher, OECD, Leiter der Abteilung für Indikatoren und Analysen im Direktorat für Bildung

Özcan Mutlu, MdB, Sprecher für Bildungspolitik der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen