BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Özcan Mutlu Headshot

Anti-Doping-Gesetz: Der Versuch, einen Pudding an die Wand zu nageln

Veröffentlicht: Aktualisiert:
DOPING
Thinkstock
Drucken

Doping im Sport ist keine Randerscheinung, sondern eines der zentralen Probleme des organisierten Sports, aber auch in Teilen des Breitensports. Doping muss entschieden bekämpft werden.

Die Bundesregierung und der Justizmister Heiko Maas wollen nun mit ihrem Anti-Doping-Gesetz anscheinend ernst machen. Vor allem ein verschärftes Strafrecht soll Sportlerinnen und Sportler in Zukunft davor abschrecken, Dopingmittel oder -methoden anzuwenden. Die Diskussion um einen sauberen Sport ist seit Jahren überfällig, nur verfehlt die Bundesregierung mit ihrem Gesetzentwurf das Thema. Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht.

Der Gesetzentwurf fußt auf einer falschen Grundannahme - ein geradezu romantisiertes Ideal des Sports. Der sportliche Wettkampf wird in den Vordergrund gerückt und Athletinnen und Athleten sollen nationale Idole antiken Vorbilds sein. Dieses Bild ist jedoch weit entfernt von der Realität. Der Leistungssport, aber auch Teile des Breitensports, haben sich national wie international zu einer milliardenschweren Industrie entwickelt. Die Devise lautet: noch höher, noch schneller, noch weiter. Sportlerinnen und Sportler sind nicht Mittelpunkt, sondern nur noch ein Bestandteil eines Hochglanzproduktes.

Kann und sollte Fairness im Sport überhaupt ein Rechtsgut sein?
Das Anti-Doping-Gesetz der Bundesregierung will „die Fairness und Chancengleichheit bei Sportwettbewerben sichern und damit zur Erhaltung der Integrität des Sports beitragen." Das klingt zwar gut, doch wirft es auch eine juristische Frage auf: Kann und sollte Fairness im Sport überhaupt ein Rechtsgut sein? Die Frage ist leicht zu beantworten: Der Versuch der Bundesregierung, Fairness im Sport schützen zu wollen, ist wie der Versuch, einen Pudding an die Wand nageln zu wollen.

Denn das Strafrecht darf nur dort eingreifen, wo Rechtsgüter verletzt werden. Es schützt das Leben, die körperliche Unversehrtheit, die sexuelle Selbstbestimmung, aber auch die Ehre, den persönlichen Geheimbereich und vieles mehr. Bei allen Schwierigkeiten, den Begriff des Rechtsguts juristisch zu definieren, ist aber anhand dieser Beispiele klar, dass es sich um allgemeine und schutzbedürftige menschliche Interessen handeln muss, die durch das Strafrecht geschützt werden. Fairness im Sport ist eine Vorstellung des richtigen Miteinanders, das das Strafrecht weder schützen kann noch muss.

Darüber hinaus will die Bundesregierung die Gesundheit der Sportlerinnen und Sportler strafrechtlich vor sich selbst schützen. Das passt nicht zusammen, wenn es Aktiven im Sport verboten wird, bestimmte Substanzen zu sich zu nehmen, allen anderen Menschen jedoch nicht. Denn wer sich das Champions-League-Finale nur auf dem Sofa anschaut anstatt mitzuspielen, darf sich ganz selbstverständlich jedes Mittel der Dopingliste einwerfen, ohne vor dem Gesetz Sorgen haben zu müssen.

Es gibt andere Mittel, um Doping einzudämmen, um Unfairness und Chancenungleichheit im Sport zu bekämpfen. An erster Stelle läge dies an den Sportverbänden, die nach wie vor bei der Kontrolle und Ahndung von Dopingvergehen scheitern und die sich selbst und ihren SportlerInnen wie auch den VerbraucherInnen gegenüber ehrlich machen müssen. Hochleistungssport bedeutet permanente Konkurrenz und Leistungssteigerung. Damit ist Doping nicht mehr eine ethische Fragestellung im Sport, sondern es werden alle leistungssteigernden Methoden und Mittel so lange angewendet, bis sie verboten werden und manchmal auch darüber hinaus.

Sauberer Sport braucht Reformen
Für einen sauberen Sport braucht es viel grundlegenderer Reformen wie einer teilweisen Entkommerzialisierung des Leistungssports, der Einführung von nachhaltigen Fördersystemen und Ausbildungsangeboten für Sportlerinnen und Sportler, wie auch einer konsequenten Aufarbeitung der Geschichte des Dopings.

Dazu zählen auch klare internationale Regelungen, die die internationalen Sportverbände dazu zwingen, Korruption, Doping und Misswirtschaft aufzuklären und konsequent zu bekämpfen. Gefordert sind Sportverbände und das Umfeld der Sportlerinnen und Sportler, die direkt am Erfolg ihrer AthletInnen und an den Werbeeinnahmen und Übertragungsrechten partizipieren. Sie sind aufgefordert, mäßigend in die Leistungserwartung einzugreifen, um die Anreize für unerlaubte Dopingmittel und -methoden einzuschränken.

Und auch die Bundesregierung ist gefragt. Während sie auf der einen Seite dieses ungeeignete Gesetz zur Dopingbekämpfung vorlegt, befeuert sie auf der anderen Seite den Leistungsdruck auf die SportlerInnen, indem sie künftig den Fokus der Spitzensportförderung noch stärker auf die Medaillenausbeute bei den Olympischen Spielen ausrichten will. Das ist schizophrenes Regieren, wo die linke Hand sehenden Auges das Gegenteil von der rechten Hand tut.

Das Strafrecht muss immer das letzte und nicht das erste Mittel sein. Diskussionswürdig wäre allenfalls, den Schutz des wirtschaftlichen Wettbewerbs im Sport strafrechtlich zu normieren. Sich mit Hilfe von Dopingmitteln einen Vorteil zu verschaffen, um beispielsweise Gewinnprämien, Sportförderung oder Sponsoringeinnahmen zu erlangen, betrügt seine nicht gedopten Mitsportlerinnen und -sportler wie auch die Geldgeber.

Richtungsweisend wäre daher die Einführung eines umfassenden Tatbestands Sportbetrug, der neben Doping auch Spielmanipulationen und Korruption im Sport unter Strafe stellt.

Sie haben auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn Sie die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollen, schicken Sie Ihre Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Video: Athleten dopen für klinische Studie: Erschreckend: So einfach kann Doping sein

Hier geht es zurück zur Startseite