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Warum Muslime nicht Staatsfeind Nr. 1 sind

27/01/2016 16:51 CET | Aktualisiert 27/01/2017 11:12 CET
dpa

Morgens halb zehn in Deutschland. Ich sitze mit meinem schwarzen Kaffee vor dem Fernseher.

Schnell nochmal schauen was es aktuelles auf der Welt zu melden gibt: Tagesschau. Eine Meldung über einen Terroranschlag. Mein erster Gedanke voller Panik: "Bitte, bitte lass ihn kein Moslem sein!"

Sekunden später wird darüber berichtet, dass der Täter dunkle Augen, dunkle Haare hatte und: "Allahu Akbar!" schrie bevor er sich selbst in die Luft jagte.

Mist.

Ich trauere um die Angehörigen, Freunde und Bekannten der Opfer und verspüre Wut, Angst und Trauer auf einmal. Wieder gehen so viele Bemühungen den Bach runter. So viel Aufklärungsarbeit. So viele Projekte, Seminare, Workshops. So viele Ideen. So viel Motivation. Alles wurde wieder einmal in die Luft gesprengt.

Seit 2001 (New York) ist der Islam beängstigend. Seit 2004, 2005 (Madrid, London) ist der Islam beängstigend und bedrohlich. Seit 2015 (Paris) ist der Islam beängstigend, bedrohlich und aggressiv. Seit Silvester 2016 (Köln) ist der Islam beängstigend, bedrohlich, aggressiv und sexistisch.

Islamfeindlichkeit ist mehr denn je im Trend.

Immer wieder ist es zu hören und zu lesen. Auf der einen Seite die Rechtsextremen, die diese Situation schamlos ausnutzen und noch mehr Hass predigen und auf der anderen Seite die Muslime, die versuchen jedes Mal zu erklären, dass die Anschläge von Fundamentalisten ausgeübt wurden, die den Glauben nicht repräsentieren. Rechtsextreme zielen auf die Angst, Muslime auf die Vernunft.

Bilder von einem Horrorfilm bleiben länger bestehen als Szenen aus Dokumentationen.

Angst in Bildern prägt sich viel tiefer in das Gedächtnis ein. Eine Explosion, Blut, Geschrei. Schreckliche Bilder, die wir nicht so leicht vergessen. Denn es ist schwer, Emotionen mit dem Verstand zu kontrollieren. Dies liegt daran, dass weitaus mehr Nervenverbindungen Informationen von den Emotionszentren zu den Verstandeszentren leiten als umgekehrt. Das Emotionshirn hat somit weitaus mehr Einflussmöglichkeiten als die Vernunft.

Genau das ist auch der Grund warum unser sonst so netter muslimischer Nachbar Ali plötzlich beängstigend, bedrohlich, aggressiv und sexistisch auf uns wirkt.

Diese Angst macht sie aber nicht zu einem Rechtsradikalen. Wir alle teilen diese Angst. Muslime genauso wie Nicht-Muslime. Die Barbaren, die schamlos morden, differenzieren nichts und niemanden.

Was ich in der Presse lese macht mir selber Angst vor dem Islam.

Die Schlagzeilen entfachen den Generalverdacht und teilen die Gesellschaft entzwei. Was IS und andere Terroristen wollen, ist für vier Millionen Muslime in Deutschland nicht der Islam.

Zu der Angst vor der IS gesellt sich aber auch die Angst vor den Islamfeinden.

Am 1. Juli 2009 ist die im dritten Monat schwangere Marwa Ali El-Sherbini, ägyptische Handballnationalspielerin, aus reinen islamfeindlichen Motiven durch den Täter mit 18 Messerstichen während einer Strafverhandlung im Landgericht Dresden ermordet worden.

Es gab innerhalb eines Jahres (2012-2013) 78 Anschläge auf Moscheen in Deutschland. Angst zwischen beiden Fronten. Durch das Erzeugen von Angst und Chaos, im Namen der Religion als Vorwand, möchten diese Gruppen ihre Macht- und Geldgier vertuschen.

Diese Barbaren müssen aufgehalten werden.

Wie sollte man vorgehen?

Distanzierungen von Muslimen gibt es schon seit Jahrzehnten. Sammeldistanzierungen könnten aus organisatorischen Gründen schwierig werden. Distanzierungen aufgrund der Religion, Nationalität, Hautfarbe, Haarfarbe oder des Musikgeschmacks etc., die Liste könnte bis zur Distanzierung als Mensch fortgesetzt werden.

Die einzigen die sich distanzieren müssen wären die IS Anhänger vom Islam.

Wir brauchen Aktionen. Wir brauchen die Gesellschaft, die bereit ist Brücken mit uns zu bauen. Egal wie sehr diese Brücken in die Luft gesprengt werden. Egal wie sehr gehasst wird. Egal wie sehr sich das immer wiederholt. Gemeinsam müssen wir dafür kämpfen.

Denn nicht die Moslems müssen beweisen, dass sie dazugehören, sondern dass wir alle zusammen als Bevölkerung von Deutschland, ganz egal welcher Religion wir angehören, gegen den Terrorismus sind. Die Last ist groß, aber wenn wir aufgeben, sind diese Barbaren ihren Zielen ein Stück näher gekommen und genau deshalb müssen wir alle jeden Tag dafür kämpfen, dass wir keine Mörder sind.

Es ist kein Kampf geführt gegen Fleisch und Blut, also nicht mit Kalaschnikows und Bomben, sondern mit Geduld, Toleranz und Zusammenhalt.

Diesen Krieg können wir nur alle zusammen gewinnen. Lasst die Saat des Hasses, die der IS mit den Anschlägen bringt, nicht noch mehr aufkeimen und uns alle ergreifen.

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