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Liebe Tochter, verlieb dich bitte erst in dich selbst

Veröffentlicht: Aktualisiert:
LITTLE GIRL MIRROR
abitofSAS photography www.abitofsas.com via Getty Images
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48,5 Kilogramm.

Ich habe hart für dieses Gewicht gearbeitet. Ich war leicht. Ich war zerbrechlich. Ich zählte die Maiskörner auf meinem Teller. Meine Haut war farblos, übersät mit verstopften Poren, meine Augen gelblich verfärbt. Meine äußeren Organe zerfielen förmlich, als ob sie verdeutlichen wollten, wie sehr mein Inneres zu kämpfen hatte.

Aber man konnte meine Schlüsselbeine sehen, und darauf kam es schließlich an.

Laut dem BMI-Rechner, der mich stets verfolgte, hatte ich es endlich in die Kategorie „Untergewicht" geschafft. Ich war gierig auf weniger (und weniger und weniger). Ich feierte meine Schwäche und interpretierte sie als Stärke. Unsicherheit kennzeichnete mein ganzes Wesen. Das Wort „hässlich" übte einen lähmenden Einfluss auf mich aus. Hätte mich jemand als „fett" bezeichnet, ich wäre völlig zusammengebrochen.

Denn genau darauf kam es an.

Ich hungerte - emotional, geistig ... zellulär.

Es dauerte Jahre, bis ich lernte, was ich jetzt weiß. Und erst seit ihrer Ankunft habe ich es wirklich kapiert.

Eine 3515 Gramm schwere Erlösung. Ein winzig kleines Mädchen, das mir eine riesengroße Dosis Einsicht verpasste. Mein Bauch musste sich erst wölben. Meine Knochen mussten erst das Gewicht eines anderen Menschen tragen. Das Anschwellen, das Schrumpfen, die Narben, die Streifen - all das war nötig, bevor ich meinen Körper in all seiner Pracht annehmen konnte.

Mein Körper, den ich zuvor so inständig gehasst hatte, schuf den Körper meiner Tochter.

Für mich ist das einfach nur ein Wunder.

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Seit wir uns das erste Mal begegnet sind, trage ich die Last der Verantwortung, dass ich ihr lehren muss, sich selbst zu lieben.

Ich bin mir immer noch nicht schlüssig, was genau ich tun werde, um dies zu erreichen. Schon im Alter von sieben Jahren bewunderte ich das Gesicht von Catherine Zeta-Jones auf dem Titel einer Zeitschrift. Ich weiß nicht, was da eigentlich genau passiert.

Ich weiß nicht, warum Frauen sich als Baby noch selbst Küsse im Spiegel zuwerfen und dann zu jungen Mädchen heranwachsen, die kritisch den Umfang ihres Bauchs überprüfen und das eigene Spiegelbild nach Möglichkeit vermeiden.

In meinem Leben haben sich viele kleine Dinge im Laufe der Zeit summiert. Kleine Dinge, die unbemerkt blieben, bis ich eines Tages im Badezimmer stand, mir den Finger in den Hals steckte und das Wasser laufen ließ, um mein Würgen zu übertönen.

Ich will meine Tochter beschützen

Ich weiß nicht, wie ich meine Tochter vor der Sexualisierung von Frauen, die tagtäglich überall auf unserer Welt stattfindet, beschützen kann.

Ich weiß es wirklich nicht.

Meine Tochter werde ich anflehen, sich zuerst in sich selbst zu verlieben - denn darauf kommt es an.

Und damit meine ich keine tolerante, an Bedingungen geknüpfte, lob-dich-wenn-du-gut-aussiehst Art von Liebe. Ich meine damit eine tiefverwurzelte, glühende, unwiderrufliche, lach-über-dich-selbst Art von Liebe.

An dem Tag, an dem meine Tochter zu mir aufblickt und mich in all ihrer Unschuld fragt, ob sie hübsch ist, möchte ich sie packen und schütteln und ihr ein lautes „JA" entgegenschleudern. In diesem entscheidenden Moment möchte ich nicht hervorheben, wie schön die Kombination aus ihrem Vater und mir ist, die sich auf ihrem Gesicht widerspiegelt.

Nein.

Stattdessen möchte ich ihr sagen, dass ihr Herz über eine solche Stärke verfügt, dass es wieder anfing zu schlagen, als es einmal damit aufgehört hatte. Ich möchte weder ihre beinahe perfekten Locken noch das tiefe Blau ihrer Augen hervorheben.

Nein.

Stattdessen wird sie erfahren, dass sie Knochen und Muskeln hat, die sie von Ort zu Ort tragen, ohne müde zu werden. Dass sie dank des Köpers, in dem sie lebt, sieht und hört und den Geschmack des Lebens in seiner Gänze kosten kann. Ich werde hervorheben, wie viel Wissen, Wahrheit und Kreativität sich in ihrem Kopf befindet.

Ich werde ihr sagen, was ihr Körper alles kann

Ich werde ihr sagen, dass sie zehn Finger hat, die sich Zeichensprache gemerkt haben, und dass sie einen Mund hat, mit dessen Worten sie all ihre Gefühle zum Ausdruck bringen kann. Ich werde ihr sagen, dass sie einen leistungsfähigen Körper hat, einen Körper, der stark ist. Einen Körper, der sie jeden Tag aufs Neue leben lässt, einen Körper, der heilt, wenn er einmal krank ist. Einen Körper, der immerzu nur gibt und nichts weiter dafür verlangt, als dass man ihn liebt.

Wenn meine Tochter zwölf Jahre alt ist und das erste Mal von Unsicherheit beschlichen ihr Aussehen analysiert, dann hoffe ich, dass sie nicht sieht, ob sich zwischen ihren Oberschenkeln eine Lücke befindet oder nicht.

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Ich hoffe, dass sie weder das Ebenmaß ihres Gesichts noch die Größe ihrer Poren misst. Stattdessen hoffe ich, dass sie im Spiegel die Hülle des Geistes sieht, der sich in ihrem Inneren befindet. Ich hoffe, dass sie weiß, dass die Zahl auf der Waage nur die numerische Beziehung zwischen ihrem Körper und der Schwerkraft ist.

Dass diese Zahl nicht wirklich wichtig ist.

Ich werde sicherstellen, dass sie als Frau, als Mensch, weiß, dass ihr Körper ihr allein gehört. Dass er niemals mir oder ihrem Vater oder irgendeiner anderen Person gehören wird. Sie wird wissen, dass sie nicht ihre Ecken und Kanten glätten muss, bloß weil sie ein XX-Chromosom trägt.

Sie wird wissen, dass sie weder zart noch anmutig sein muss, wenn sie das nicht möchte. Sie soll wissen, dass sie ihre Meinung nicht beschönigen muss, nur um andere nicht einzuschüchtern. Ich hoffe, dass sie dank ihres Selbstvertrauens nicht meint, sich rechtfertigen zu müssen. Ich hoffe, dass sie eine Urgewalt ist.

Ein Hurrikan.

Sie soll wissen, dass den eigenen Körper zu lieben bedeutet, sich sorgfältig, um ihn zu kümmern. Dies bedeutet, auf seinen Körper zu hören, ihn zu bewegen und ihm das zu geben, wonach er instinktiv verlangt. Und es ist mir völlig egal, ob man zu diesem Zweck Bio-Kohl entsaftet oder sich eine Portion Eis gönnt. Hauptsache, es geschieht mit Liebe.

Sie soll wissen, dass diese Form von Liebe von ihrem Körper erwidert wird. Das ist unheimlich wichtig. Darauf kommt es an.

Ich hoffe inständig, dass sie schon früh in ihrem Leben das versteht, wofür ich so lange gebraucht habe:

Du musst nicht schön sein!

Sie muss wissen, dass Schönheit, aus ästhetischer Sicht, und selbst Intelligenz, Talent oder Humor, keine Rolle spielen für ihren Selbstwert - oder den Selbstwert irgendeines anderen Menschen. All diese Dinge werden von der Tatsache in den Schatten gestellt, dass sie ein menschliches Wesen ist. Sie muss wissen, dass sie als menschliches Wesen niemals zu laut sprechen und niemals zu viel Platz einnehmen kann.

Und zu guter Letzt hoffe ich, dass von dieser durch ihren Körper strömenden Selbstliebe so viel vorhanden ist, dass sie damit auch das Leben der Menschen bereichern wird, die sie auf ihrem Lebensweg begleiten.

Indem ich es ihr vorlebe, werde ich ihr beibringen, dass sich selbst zu lieben der Anfang allen Erfolgs ist. Und darauf kommt es an.

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Video: Dieser Vater wollte ein normales Bild seiner toten Tochter - das Netz reagierte prompt

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