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Der Staat steuert Bauern und Verbraucher immer tiefer in die Milchkrise

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MILCH
dpa
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Die Milchkrise ist derzeit in aller Munde. Die Reaktionen reichen dabei von ziellosem Mitleid bis hin zu einem „Herzlichen Willkommen" im freien Spiel der globalen Agrarmärkte. Auf jeden Fall passt derzeit zu keinem Markt das nachfolgende Zitat von Friedrich Schiller besser als zum Milchmarkt:

"Wo rohe Kräfte sinnlos walten, da kann sich kein Gebild' gestalten!"

Ganz diesem Zitat entsprechend stehen wir derzeit vor den Trümmern einer Agrarideologie, die völlig unkritisch an die positiven Kräfte des zügellosen Agrarmarktes glauben wollte. Mit der aktuellen Krise drohen der endgültige Niedergang der bäuerlichen Landwirtschaft und die Dominanz agrarindustrieller Strukturen auch in der Milchviehhaltung. Die Milch wird zum schnödenWegwerfprodukt.

Noch immer zeichnen den Milchmarkt und die Milchbauern Besonderheiten aus, die das freie Spiel der Marktkräfte sinnlos erscheinen lassen. So ist die Milch weiterhin ein frisches Produkt, das eine schnelle Abnahme braucht. Ebenso plant der Landwirt seine Produktion mindestens ein, zwei Jahre im Voraus.

Denn weder die Zahl der Milchkühe, noch die Futtermenge kann der Bauer von heute auf morgen beeinflussen. Insgesamt gleicht der gesamte Produktionsprozess von seinen Steuerungsmöglichkeiten eher einem schwerfälligen, riesigen Öltanker auf dem Meer.

Auch fehlt den Milchviehhaltern im Gegensatz zur Schweinemast die Möglichkeit, ihr Produktionsrisiko auf andere zu verlagern. Deutschlands Schweinemäster haben über Jahrzehnte ihr Gewinnrisiko auf die vorgelagerten Ferkelerzeuger abgeschoben, deren Zahl sich aber vor dem Hintergrund dieser Praxis dramatisch reduzierte. Insofern ist die Geschichte des freien Spiels am Schweinemarkt auch eine Geschichte der Zerstörung der bäuerlichen Landwirtschaft. Niemand kann wollen, dass sich dies in der Milchviehhaltung jetzt wiederholt.

Insofern sind auch alle Forderungen richtig, Leitplanken in den Milchmarkt einzuziehen, um wieder zu mehr Marktstabilität zu kommen. Statt Alibihilfen nach dem Gießkannenprinzip zu verschütten, gilt es kurzfristig vor allem endlich die Milchmenge zu reduzieren. Bei den finanziellen Hilfen für Betriebe ist es unbedingt notwendig, dem Verursacherprinzip Geltung zu verschaffen.

Es ist inakzeptabel, wenn die Bundesregierung jetzt unterschiedslos finanzielle Anreize für alle Milchbauern schaffen würde, ihre Produktion zu drosseln. Denn es ist ein erheblicher Unterschied, ob ein Betrieb in den vergangenen drei, vier Jahren seine Milcherzeugung weitgehend konstant auf dem Niveau seiner bisherigen Milchquote fortgeführt hat, oder ob jemand auf ein massives Mengenwachstum spekuliert und seine Produktion vielleicht gar auf das Doppelte hochgetrieben hat.

Genau diese Wachstumsbetriebe - von denen es nicht wenige gibt - sind für die derzeitige Milchkrise hauptverantwortlich. Sie müssen deshalb verstärkt in die Pflicht genommen werden, ihre Mengen im Rahmen von Verhandlungen zwischen Molkereien und Erzeugern herunterzufahren.

Der Staat muss eingreifen

Im Mittelpunkt der staatlichen Hilfen müssen jene Betriebe stehen, die aufgrund dieser spekulativen Milchschwemme auch unter dem massiven Preisverfall leiden, obwohl sie nicht dazu beigetragen haben. So würde Gerechtigkeit im Sinne des Verursacherprinzips hergestellt und die bäuerlich strukturierte Milchviehhaltung unterstützt werden. Alleine sie ist in der Lage, zu produzieren, wie es unsere Gesellschaft erwartet.

Zuallererst heißt dies, dass Kühe auf Weiden grasen, um wichtige Nährstoffe für ihre Milch frisch aufzunehmen. Doch die Weidehaltung lässt sich in den immer größer werdenden Betrieben mit bis zu 1000 Milchkühen kaum noch umsetzen. Viele Kühe fressen nie in ihrem Leben einen frischen Grashalm.

Neben einer raschen direkten Hilfe brauchen wir mittelfristig deshalb auch gezielte strukturelle Unterstützung, die um Beispiel in höheren Prämien für wertvolles, artenreiches Grünland sowie einer erhöhten Weideprämie liegen könnten. Auch eine verstärkte Unterstützung von Molkereien, die einen eindeutigen regionalen und qualitativen Ansatz (beispielsweise mit Weidemilch und Heumilch) fahren, wäre hierunter zu fassen.

In der Milchkrise jetzt wieder nach dem „bewährten" Muster der Gießkannenförderung zu verfahren, wie es der Tutnichts-Minister Schmidt plant, wäre dagegen grundfalsch. Denn zum einen würde dies den Ursachen der Krise und der Eigenverantwortung der Milcherzeuger nicht gerecht werden. Und zum anderen würde dann die von der Gesellschaft deutlich abgelehnte Industrialisierung der Landwirtschaft nachträglich auch noch mit Steuergeldern unterstützen und forciert werden.

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