BLOG

Warum der Brexit eine Gefahr für Europas junge Generation ist

29/07/2017 18:41 CEST | Aktualisiert 29/07/2017 18:41 CEST
POOL New / Reuters

Seit dem Brexit-Referendum am 23. Juni 2016 durfte jeder Wirtschaftsexperte einmal in seine Glaskugel blicken. Beinahe täglich berichteten die Medien abwechselnd von den Risiken und den Chancen, die sich aus dem Austritt Großbritanniens (GB) aus der Europäischen Union für beide Seiten ergeben könnten.

Da sprachen und schrieben dann größtenteils Männer in Anzügen über die möglichen Folgen für Frauen und Männer in Anzügen. Ein großer Teil der Bevölkerung, dem alle Beteiligten auch einmal angehört hatten, war dabei zunächst einmal außen vor: die Studenten.

Aber der Austritt der Briten bedeutet auch erhebliche Unklarheiten im Bereich des universitären Austausches. Einige zentrale Fragen der Brexit-Debatte berühren ihn: Die Einwanderung und damit einhergehend Fragen der Arbeitserlaubnis und des Rechtsstatus. Auch die Kaufkraft tausender Studenten, die sich aktuell für Auslandsaufenthalte oder ein Vollzeitstudium in Großbritannien aufhalten, sollte hier nicht unter den Tisch fallen. Es gibt sehr gute Gründe, europäischen und britischen Studenten einen Sonderstatus in den kommenden Verhandlungen einzuräumen.

Junge Generation für ein vereintes Europa

Da wäre zunächst der britische Wählerwille. Eine überwältigende Mehrheit der 18 bis 24-Jährigen hatte im Juni 2016 für den Verbleib in der EU gestimmt. Ein deutlichere Botschaft hätte Großbritanniens junge Generation ihren Repräsentanten für die Brexit-Verhandlung nicht senden können: Wir wollen ein offenes Europa.

Der paneuropäische Austausch sorgt nicht zuletzt auf den britischen Inseln für eine hohe Zahl an Kontinentaleruopäern, die Britishness kennen und schätzen lernten. Pub- und Club-Besuche, kulturelle Einrichtungen und Theater tragen genauso zur Wesensbildung bei wie die exzellente akademische Ausbildung, die einige der über die UK verstreuten Universitäten bieten.

Oft sind diese Auslandsaufenthalte Grundlage für lebenslange Freundschaften - und in manchen Fällen auch für Familienneugründungen.

Mehr als 1,5 Mrd. Pfund für die britische Wirtschaft

Neben ideellen Gründen ist es aber auch die Wirtschaftskraft europäischer Studenten, die eine Sonderbehandlung rechtfertigt. Studiengebühren, Miete sowie Angehörige und Freunde, die aus der EU zu Besuchen ins Land kommen, bringen der britischen Wirtschaft jährlich mehr als 1,5 Milliarden Pfund. Hinzu kommt, dass die Unternehmen in ganz Europa sich über einen Pool an qualifizierten, mehrsprachigen Talenten erfreuen können.

2017-07-23-1500833626-3203653-DerHuffPostWhatsAppNewsletter6.png

Die wichtigsten News des Tages direkt aufs Handy - meldet euch hier an.

Eine Diversität, die auch die britische Bevölkerung schätzt. Zumindest solange, wie sich die Gäste zu Studienzwecken im Land aufhalten. Viele der Brexit-Befürworter hatten die Kontrolle über die Einwanderungspolitik als ihr Wahlmotiv genannt. Ihre Skepsis galt aber vor allem etwa polnischen Arbeitern, die schon dogmenhaft in Großbritannien als Arbeitsplatzräuber verschrien sind. Und sie galt nicht zuletzt den Flüchtlingen aus Syrien, dem Irak und Nordafrika, die durch offene Grenzen leichter über den Ärmelkanal nach Großbritannien gelangen könnten und in den Augen vieler eine Terrorgefahr darstellen.

Doch im Gegensatz zu diesen Fremden nimmt die britische Bevölkerung ausländische Studenten nicht als störend oder als Einwanderer im klassischen Sinne wahr. Im Gegenteil. Umfragen belegen, dass eine Mehrheit junge Akademiker im Land befürwortet und sich zukünftig sogar mehr davon wünscht.

Damit europäische Studenten ebenfalls gewillt sind, sollten die EU und Großbritannien ihnen keine Steine in den Weg legen. Aufgrund geltenden europäischen Rechts genießen sie derzeit noch den gleichen Status wie ihre britischen Kommilitonen in Belangen wie Aufenthaltsgenehmigung, Arbeitserlaubnis oder Studiengebühren.

Doch sollten diese Privilegien aufgrund des von Theresa May angestrebten harten Brexit entfallen, drohen die Studiengebühren in die Höhe zu schießen. Ein Verlust aktuell geltender Arbeitsrechtsbestimmungen würden ebenfalls die Möglichkeiten für Studenten drastisch reduzieren, sich ihren Lebensunterhalt vor Ort zu finanzieren.

Es wäre nicht vermessen zu behaupten, dass dieses Szenario eine geringere Zahl an europäischen Bewerbern an britischen Universitäten zur Folge hätte. Tatsächlich ist schon jetzt die Anzahl der EU Studenten, die sich für das nächste Semester um ein Vollzeitstudium in Großbritannien bewerben, zum ersten Mal seit fast zehn Jahren deutlich zurückgegangen.

Wenn die Talente aus ganz Europa nicht mehr an britischen Universitäten studieren wollten, hätte das auch negative Auswirkungen auf den Wettbewerb zwischen den Studenten. Dies wiederum würde langfristig zu einem Qualitätsverlust an den Top Unis in der UK führen. Das kann nicht im Sinne Mays sein, die zu Beginn des Jahres noch den Erhalt Großbritanniens als akademische Hochburg zu eine der Prioritäten des post brexitären Vereinigten Königreichs machte.

Dieser Blog-Beitrag basiert auf dem Policy-Brief "No bargain with our future! Academia post Brexit". Er ist adressiert an Entscheidungsträger der EU und Großbritanniens und beinhaltet Handlungsempfehlungen für den akademischen Austausch nach dem Austritt Großbritanniens aus der EU.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Them

a?

Die HuffPost ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.

Sponsored by Trentino