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Buchauszug: Der Mensch im Monster

30/08/2015 10:53 CEST | Aktualisiert 30/08/2016 11:12 CEST
Jaykayl via Getty Images

Buchauszug:

Hinweis

Studieren Sie diese Anmerkungen gründlich, bevor Sie die von Ihnen erworbene Literatur lesen. Bei einer kleinen Anzahl von Konsumenten könnten die Inhalte der Texte zu diversen Formen von Anfällen führen (Euphorische Exaltation, Explosivaffekte). Diese Anfälle können auch auftreten, wenn in Ihrer Krankheitsgeschichte bisher keine Anzeichen dafür vorhanden sind.

Sollten derartige Anzeichen in ähnlichen Situationen bereits aufgetreten sein, ist es wichtig, das Sie sich ärztlich untersuchen lassen, bevor Sie mit der Lektüre beginnen. Wenn bei Ihnen irgendwelche Sympthome auftreten, zum Beispiel Schwindel, Benommenheit, Veränderungen der Sehleistung, Zuckungen im Auge oder Gesicht, Orientierungsverlust oder unwillkürliche Bewegungen, sollten Sie sofort aufhören zu lesen und ärztlichen Rat einholen.

Beachten Sie stets folgende Vorkehrungen, wenn Sie lesen: Lesen Sie nicht, wenn Sie müde sind oder wenig geschlafen haben. Lesen Sie stets in einem gut beleuchteten Zimmer. Legen Sie pro Stunde eine fünfzehnminütige Lesepause ein. Setzen Sie das Buch nicht starken Hitzequellen oder extremer Feuchtigkeit aus. Dieses könnte zu Beschädigungen führen. Benutzen Sie zur Reinigung ein weiches Tuch.

Nach diesen bedeutsamen Anmerkungen, die für befremdliche Produkte mit sonderbaren Textformen und seinen verzerrenden und absonderlichen Inhalten rechtlich empfohlen und für das gesundheitliche Befinden des willigen Konsumenten ratsam, zuweilen gar unerlässlich sind, wird es nun ernst.

Hier beginnt jetzt gleich das von Ihnen erworbene, exzellente Buch, das mit wirren und bizarren Erzählungen in einen becircenden Bann ziehen und der geistigen Bereicherung dienen soll, ohne jedoch bleibende Schäden zu verursachen.

Fangen Sie deshalb ruhig und vorsichtig an, auch wenn Ihr Herz in lüsternem Verlangen nach einem wortgewandten Vergnügen pocht wie ein entzündeter Zahn und eine schweisstreibend heiße Woge der Ungeduld Sie in sehnsüchtiger Erwartung des prickelnden Leserausches durchläuft. Bleiben Sie zurückhaltend und überschätzen Sie nicht Ihre Belastbarkeit, damit exzessive Eindrücke und besitzergreifende absurde Vorstellungen nicht wie eine mächtige, schwappende Welle über Ihrem Haupt zusammenschlagen, um Sie im Sog eines aufgewühlten Gefühlsstrudels in unentrinnbare Tiefen eines verworrenen Empfindens zu zerren.

Lassen Sie sich von der enormen Anzahl wunderlicher Materialien mit brillanten und unkonventionellen Ausschmückungen nicht verstören oder innerlich aufreiben. Bewahren Sie Ruhe.

Behalten Sie einen klaren Kopf und überstürzen Sie nichts, so stürmisch das wilde Pulsieren in Ihren Adern auch sein mag, und es Ihnen unter den Fingern juckt, die nächste Seite aufzuschlagen, um in den unwiderstehlichen Zauber monströser, von der Norm abweichender Aufzeichnungen einzutauchen und von ihm mit unbarmherziger Kraft überwältigt zu werden.

Das Lesen von Büchern kann zu abnormen Veränderungen der Persönlichkeit führen, sein Sie sich über derartige Auswirkungen bewusst. Unklar oder falsch eingeordnete Daten können Verwirrungen des Verstandes und des moralischen Empfindens zur Folge haben. Verarbeiten Sie die angebotenen Informationen deshalb vollständig und reflektieren Sie in regelmäßigen Abständen Ihren Gemütszustand. Genießen Sie mit Bedacht.

*****

Meine Freundin hat es sich zur Herzensangelegenheit gemacht und jüngst mit unerbittlchem Eifer begonnen, sich Kenntnisse und Fähigkeiten auf einem Musikinstrument anzueignen. Wie sie so schlagartig darauf kam, ist mir rätselhaft und der Schleier über diesem verblüffenden Entschluss wird wohl zu Lebzeiten auch nicht mehr gelüftet werden. Möglicherweise begreift sie es als dringend notwendigen weiblichen und herzensweichen Gegenpart zu meinen niedermetzelnden Gitarrenklängen aus dem Reich der Verdammnis.

Und im Prinzip hätte ich gewiss auch gar nichts dagegen einzuwenden. Musizieren ist schließlich ein sehr lebendiges, reizvolles Hobby, in dem man seine Gefühle widerspiegeln und ungezügelt ausdrücken und ausleben kann. Und vor allem das Musizieren in der Gemeinschaft, wo man agiert und reagiert, zuhört und einfügt, wo aus vielen einzelnen Stimmen ein komplexes Ganzes entsteht, dessen zuweilen erstaunliche Wirkung oft gar nicht vorauszusehen ist, hat einen ganz eigenen, mitreißenden Reiz.

Doch hätte ich ein toniertes Instrument bevorzugt, also eine Gitarre, eine Flöte, ein Piano, alles wo man draufdrückt oder hineinpustet und es erschallt ein gestimmter Ton. Sie wohnt ja schließlich nicht am anderen Ende der Stadt, sondern in ziemlich unmittelbarer Nähe. Außerdem haben wir zwei fröhliche Kinder, deren tägliches Wohlergehen oberste Priorität hat und deren geistige und emotionelle Gesundheit man nicht einem unbedachten Martyrium aussetzen kann.

Aber es musste unbedingt ein bundloses Instrument sein, in diesem schwerwiegenden Fall eine Geige, zu der Frauen ja offenbar eine gewissenlose Neigung haben, im Gegensatz zu richtigen Kerlen, die eher einen Hang zu musikalischen Gerätschaften verspüren, mit denen man auch mal kräftig zuschlagen kann, wenn es denn sein muss. Einen Bass, eine Gitarre oder, welche Ironie, ein Schlagzeug.

Einmal in der Woche fährt sie zum freudig erwarteten Unterricht zu einer symphatischen, älteren Dame, wo sie ihrem Instrument mit verzückter Begeisterung schlichte Melodien entlockt, wenn die Heiligen hereinmarschieren oder so ein Gedöns, und mit Klavierbegleitung, im Bemühen um den richtigen Takt, eine angemessene Lautstärke und die passende Geschwindigkeit, zur erneuten Darbietung und persönlichen Vergnügung geduldig einübt und mit sanften, geschmeidigen Bewegungen vorträgt.

Ihre Lehrerin beharrt unbeirrbar darauf, das sie für eine blutige Anfängerin ein richtig gutes Händchen hätte und eine ihrer besten Schülerinnen wäre, ein Talent mit Naturbegabung, wie sie es bisher nur äußerst selten erlebt hätte. Ein Scheiß.

Was soll diese besenreitende Schrulle denn auch sagen? Versuch es lieber mit Kuchenbacken, da kannst du nicht so viel falsch machen? Für ein bundloses Instrument benötigt es nun mal ein hervorragendes, gut trainiertes Gehör, wenn sich nicht alles wie das zähe Aufeinanderreiben von zwei Metallteilen anhören soll und damit der klangliche Ausdruck der Fidelei nicht jeden renommierten Geigenbauer, nach einem bemühten Moment der geistigen Gegenwehr, in Ohnmacht fallen lässt.

Bei einem Instrument mit Bünden drückt man irgendwo zwischen zwei Stege, das sind Metallstäbchen, die in das Griffbrett eingelassen sind, auf den Hals des Instrumentes, die Saite legt auf dem vorderen Steg auf und es erschallt ein vorgegebener Ton mit der richtigen Frequenz, also der richtigen Schwingungszahl. Ohne diese Stege bestimmt der Aufsetzpunkt des Fingers die Länge der schwingenden Saite, was eben sehr viel Präzision und ein genaues hinhören erfordert, damit Tonhöhen aufeinander folgender Töne miteinander harmonieren.

Angenehmer Hörgenuss und quälendes Katzenjammern liegen dort sehr dicht beieinander. Erst recht, wenn man zu allem Übel und als praktisch Tauber sein Instrument auch noch selbst stimmt, also das Tomhöhenverhältnis der vier Saiten dem ungeübten Praktikanten überlässt.

Ganz so drastisch drücke ich das aber natürlich nicht aus, wenn sie nach der fachlichen Meinung eines alten Hasen an den Saiteninstrumenten zu ihren zermürbenden Fortschrittsbemühungen in den Abendstunden fragt. Ich bewahre innere Ruhe, ziehe zischend die Luft durch die Zähne ein, lege mein wohlwollendstes Lächeln auf das Gesicht und sage ihr dann unverblümt, ganz offen und schonungslos die Wahrheit: das sie für eine Anfängerin ein wirklich gutes Händchen hat, das sich ihre Fähigkeiten hervorragend entwickeln, ihre faszinierenden Darbietungen übersprudeln vor Charme, warm unter die Haut gehen und Zauber von herrlicher Lebendigkeit versprühen und das sie durchaus ein Talent mit Naturbegabung ist, aber es sei nun einmal noch keine begnadete Geigerin vom Himmel gefallen.

Und für den Fall meiner häuslichen Anwesenheit, wenn sie in nicht erlahmender und hartnäckiger Ausdauer mit ihrem Gekratze lauernde Dämonen in Angst und Schrecken versetzt und genussvoll verscheucht, benutze ich, um nicht in Tränen zu zerfließen, zur Ausblendung der höllischen Tyrannei, inzwischen recht effektive Ohrenstöpsel.

Norbert Söhl

Über Menschen und Monster

ISBN 978-3-7103-2072-9

206 Seiten

Buch.de/e-bay

norbert.norma@unitybox.de


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