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Gescheiterte Flüchtlingsdebatte: Wenn aus Opfern, plötzlich Täter werden

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PEGIDA GERMANY
dpa
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Nach den jüngsten Terror-Anschlägen und Gewaltakten in Frankreich und Deutschland droht die Stimmung endgültig zu kippen. Das was seit Monaten von fremdenfeindlichen Kräften proklamiert wird, scheint einzutreffen: Flüchtlinge, die als vermeintliche Opfer von Krieg und Gewalt zu uns fliehen, entpuppen sich als Täter, die unser friedliches Zusammenleben zerstören wollen.

Doch vor diesem aktuellen Hintergrund ist es umso wichtiger, genauer hinzuschauen und die Dynamik zwischen Geflüchteten und Aufnahmegesellschaft eingehender und differenzierter zu betrachten. Dazu können theoretische Erklärungsansätze und empirische Forschungsbefunde herangezogen und verschiedene Perspektiven berücksichtigt werden.

Nachfolgend soll aus dem Blickwinkel der kritischen Migrationsforschung der Versuch unternommen werden, das Zusammenspiel zwischen Geflüchteten und Einheimischen unter Rückgriff auf eine Opfer-Täter-Retter-Triangulation oder ein Opfer-Täter-Retter-Dreieck zu beschreiben. Dadurch wird nachvollziehbar, wie eng und begrenzt sich der Blick auf Flüchtlinge, insbesondere junge und minderjährige Flüchtlinge, und ihre Behandlung in Deutschland oftmals gestaltet.

Migranten als Täter, Deutsche als Opfer?

Dieses Gedankenspiel einer Opfer-Täter-Retter-Triangulation lässt sich in Anlehnung an die Migrationsforscherin Heike Niedrig und den Migrationsforschender Henri Seukwa zugespitzt wie folgt darstellen und weiterführen: Jedem Geflüchteten wird aufgrund seiner Flucht vor Gewalt zunächst die Opferrolle zugeschrieben.

Diese Rollenzuschreibung führt zu der Entwicklung und Aufrechterhaltung verschiedener helfender und unterstützender Maßnahmen und Aktivitäten von Fachkräften und Ehrenamtlichen. Vielleicht ist es auch diese Rollenzuschreibung, die maßgeblich die enorme Hilfsbereitschaft der zahllosen Freiwilligen in den letzten Monaten ermöglicht hat.

Das Aufnahmeland Deutschland nimmt die Opfer dann als Retter und Helfer auf und kümmert sich um sie. Die Rolle des Opfers wird dabei mit passiv, hilflos, unterstützungsbedürftig und unterordnend assoziiert.

Sollten jedoch Flüchtlinge diesem Bild nicht entsprechen und stattdessen als tatkräftig, wissenshungrig, lernbegierig, kritisch nachfragend, politisch engagiert oder gar fordernd auffallen, schlägt die Gutmütigkeit der Retter und Helfer schnell in Misstrauen um und die Opfer laufen Gefahr, nicht mehr in das Opferbild der Aufnahmegesellschaft zu passen und deswegen unter Täterverdacht zu geraten.

Wenn Flüchtlinge sich beispielsweise selbst organisieren, einander unterstützen, sich empowern, ihre Ressourcen aktiv einbringen, für ihre Rechte eintreten und sich an Politik und Öffentlichkeit wenden, entsprechen sie nicht mehr der zugedachten passiven Opferrolle. Oder wenn Gewaltakte von Geflüchteten erfolgen, werden reflexartig kollektive Täterzuschreibungen herangezogen.

Der Übergang vom Opfer zum Täter erfolgt jenseits dieser Dynamik aber auch für alle jene, bei denen sich herausstellt, dass die Opfer keine Opfer sind, weil sie nicht in das erwünschte Flucht-Ursachen-Schema passen und ihrer Flucht damit die Legitimität abgesprochen wird.

Die Gefahr der "sicheren Herkunftsstaaten"

Wenn z.B. plötzlich Länder aus denen die Geflüchteten stammen, als sichere Herkunftsstaaten konstruiert werden, laufen auch alle Geflüchteten aus dieser Region Gefahr, pauschal von der Opfer- in die Täterrolle zu fallen. Sie werden dann als Täter (Asylmissbraucher, Wirtschaftsflüchtling, Scheinasylant) enttarnt und Deutschland mutiert vom Retter zum Opfer, dessen Gutwilligkeit, Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft missbraucht wurde.

Während also der Flüchtling entweder Opfer oder Täter, aber niemals Retter und Deutschland entweder Retter oder Opfer, aber niemals Täter ist, bleibt für beide Seiten jeweils eine wesentliche Rolle unbesetzt. Diese eingeschränkte Triangulation von Opfer-Täter-Retter wird durch die Dynamik des deutschen Flucht- und Migrationsregimes fortlaufend aufrechterhalten und etabliert dadurch ein repressives Abschiebesystem für die Täter und ein caritatives Hilfssystem für die Opfer.

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Doch letztlich arbeiten beide Systeme Hand in Hand vor allem, wenn das Hilfssystem in die Kontrolle und Überwachung von Flüchtlingen und in die Rückkehrberatung eingebunden ist. Dass der deutsche Staat selber durch seine Mitverantwortung an weltweiten Flüchtlingsströmen (Waffenexporte, Klimawandel, ungerechte Weltwirtschaftsbedingungen) und seine Repression gegenüber Geflüchteten (Einschränkung von Grundrechten, restriktive Asylpolitik) zum Täter wird, ist in dieser Logik nicht vorgesehen.

Und dass Flüchtlinge jenseits der diskriminierenden Stigmatisierungen als Opfer und Täter kaum im Hinblick auf ihre Ressourcen und Bereicherungspotentiale für unsere diverse Migrations-Gesellschaft wahrgenommen werden, bleibt unberücksichtigt.

Dabei fordern verschiedene Akteure seit Jahren die Opfer-Täter-Zuschreibung zu überwinden und Flüchtlinge verstärkt auch in der Rolle der Bereicherer, der Ressourcengeber, der Integrationsunterstützer, Kulturvermittler und damit letztlich auch als Helfer und Retter für eine deutsche Migrationsgesellschaft im globalen Kontext zu wahrzunehmen. Denn dass gerade junge Flüchtlinge vielfältige und umfangreiche Kompetenzen, Potentiale, Ressourcen, Bildungsambitionen vorweisen können, wird durch verschiedene Studien belegt.

Von daher ist es an der Zeit, sich von der einseitigen Opfer-Täter-Retter-Triangulation zu lösen und verstärkt die vielfältigen Potentiale von Geflüchteten aktiv im gesamtgesellschaftlichen Integrationsprozess einzubinden. Dann würden aus Opfern und Tätern Partnerinnen und Partner in einem gemeinsamen Entwicklungsprozess, Partnerinnen und Partner auf dem Weg zu einem humanen, inklusivem und zukunfstfähigem Deutschland in einer globalen Migrationsgesellschaft.

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