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Ich therapiere Kinder, die nicht in die Schule gehen wollen - es werden mit jedem Jahr mehr

18/09/2017 18:20 CEST | Aktualisiert 19/09/2017 10:10 CEST
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Ich muss oft an Hannes* denken. Er kam zu uns zur Rehabilitation, als er dreizehn Jahre alt war und hatte große Probleme. Seit einem Jahr ging er nicht mehr in die Schule.

Hannes klagte immer wieder über unklare körperliche Schmerzen. Hatte stark zugenommen und sich mehr und mehr zurückgezogen. Der behandelnde Kinderarzt, die Eltern sowie die Lehrer hatten bereits vieles versucht, um Hannes zu unterstützen. Viele Untersuchungen waren erfolgt - aber eine Erklärung für die Beschwerden fand niemand.

Der Rektor hatte mit den Eltern einen Klassenwechsel beschlossen. Nach wenigen Tagen hatte Lukas aber auch hier wieder gefehlt. Und neben der Wiederholung der Klasse war auch ein Schulwechsel im Gespräch. Leider ist Hannes kein Einzelfall.

Wir therapieren jedes Jahr viele Hunderte Schulmeider. Das sind Kinder und Jugendliche, die über Wochen, Monate oder sogar Jahre in der Schule fehlen. Kinder, die teilweise 150 Fehltage pro Jahr haben.

Lehrer können die Alarmsignale häufig nicht erkennen

Ich rede nicht von den Kindern, die die Schule schwänzen, ohne dass ihre Eltern davon wissen. Diese Kinder fehlen entschuldigt. Und zwar, weil ihre Eltern ihnen Entschuldigungen schreiben und weil die Lehrer das Alarmsignal häufig daher auch nicht rechtzeitig erkennen können. Das ist eine Katastrophe.

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Denn Schulmeidung ist ein Symptom. Daran kann ich sehen, dass das Kind ein tiefergehendes Problem hat. Manche Kinder haben zum Beispiel eine Depression. Sie tragen eine große Traurigkeit in sich, haben keinen Antrieb. Der Schulbesuch ist für sie unmöglich.

Andere sind internetsüchtig. Sie zocken die ganze Nacht und kommen am nächsten Tag nicht aus dem Bett.

Wieder andere haben körperliche Erkrankungen und sind durch diese emotional belastet, leiden beispielsweise unter Neurodermitis oder Asthma. Der Neurodermitiker schämt sich, weil er offene Stellen im Gesicht und an den Händen hat. Vielleicht wird er sogar gemobbt und will dann nicht mehr in die Schule.

Ob Depression, Sucht, Asthma oder Neurodermitis: All das sind chronische Erkrankungen, die unterschiedliche Symptome hervorrufen und manchmal mit Einschränkungen der Teilhabe einhergehen. Schulmeidung ist ein mögliches Symptom.

Wenn Kinder zu uns kommen, haben sie einen langen Leidensweg hinter sich

Nach einem langen Leidensweg kommen die Eltern mit ihren Kindern dann zu uns in die Klinik - die Rehabilitationsklinik für Kinder und Jugendlich in Wangen. Ich arbeite hier als Chefärztin.

Was wir hier beobachten können: Psychosomatische und allergologische Krankheiten haben in den vergangenen Jahren zugenommen. Bestimmte Symptome zeigen sich bedeutend häufiger als andere. Die Schulmeidung ist ein richtiges Problem geworden.

Für Lehrer ist eine angemessene Reaktion auf Schulmeidung schwer, weil sie meistens schleichend einsetzt und die Lehrer den familiären Hintergrund schwer beurteilen können. Auch die Kinder- und Jugendärzte sind nicht die richtigen Ansprechpartner für diese Kinder und Jugendlichen.

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Aus diesen Gründen passiert oft zu lange nichts. Bis erkannt wird, dass es sich um einen psychosomatischen Notfall handelt, ist die Krankheit schon chronisch. Dann wird es schwierig.

Die Wartezeiten für eine Behandlung sind lang

Wenn für alle - Eltern, Lehrer, Kinderärzte - klar ist, dass das Kind oder der Jugendliche eine Behandlung braucht, sind die Wartezeiten lang. Gerade im Bereich der akuten Kinder- und Jugendpsychiatrie haben wir zu wenige Psychiater und Behandlungsplätze sind rar.

Auch bei Hannes haben viele versucht zu helfen, aber die Schulmeidung und den Grund hierfür erst sehr spät erkannt. Da war der Weg zurück in den normalen Alltag für den Jungen alleine nicht mehr zu schaffen.

Ich werde immer wieder gefragt, wie chronisch erkrankte Kinder ideal in ihrem Alltag unterstützt werden können, um sich den vielen Herausforderungen des Lebens, auch dem erfolgreichen Schulbesuch zu stellen.

Problematisch sind zwei Gruppen von Eltern: die bildungsfernen und die überfürsorglichen

Natürlich spielt das Elternhaus eine große Rolle. Ich möchte hier auf zwei Gruppen von Eltern besonders eingehen: die bildungsfernen und die überfürsorglichen Eltern.

Eltern mit einem geringen Bildungsniveau haben oft nicht die Möglichkeit zu verstehen, welche Einschränkung ihr Kind hat. Sie wissen nicht, wo sie sich Hilfe holen können.

Diesen Eltern fällt es häufig auch schwer, den Alltag mit den Kindern zu organisieren. Oder ihnen zu helfen, einen kindgerechten Rhythmus zu entwickeln. Diese Lebensumstände können dauerhaft krank machen oder den Umgang mit chronische Erkrankungen erschweren.

Die andere Gruppe sind die überfürsorglichen Eltern. Sie wollen ihre Kinder darin unterstützen, nach ihrem eigenen Rhythmus zu leben. Nach dem Motto: Wenn du vier Prüfungen hast und dir das zu viel ist, dann schiebst du eben zwei nach hinten.

Ich spreche hier von sogenannten Helikopter-Eltern. Sie nehmen ihre Kinder in Schutz, wollen nicht, dass sie scheitern. Sie stellen sich sogar gegen die Schulen und denken, dass sie ihren Kindern damit helfen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Sie schaden ihnen leider immer wieder enorm.

Hohe Abbrecherquote bei Ausbildungen

Hannes Eltern waren ihm gegenüber auch sehr zugewandt und haben sich große Sorgen um ihn gemacht. Sie wollten sicher gehen, dass es ihm gut geht. Hierbei haben Sie ihn erst einmal aus allen belastenden Situationen herausgenommen. Für Hannes war es hierdurch sehr schwer, sich schwierigen Situationen altersentsprechend selbst zu stellen.

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Wenn diese Kinder später eine Ausbildung beginnen, wo sie nicht mehr so in Watte gepackt werden, scheitern sie und brechen ab. Und das tun immer mehr.

Wir haben hier Betriebe in der Nähe, die uns sagen, dass sie mittlerweile nicht mehr die Jugendlichen alleine, sondern auch ihre Eltern zum Vorstellungsgespräch mit einladen. Denn sie machen zunehmend die Erfahrung, dass Eltern ihren Kindern die gleichen Zugeständnisse in der Ausbildung machen wie in der Schule. Die Betriebe verpflichten die Eltern, mit ihnen an einem Strang zu ziehen.

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Zudem fällt es den Jugendlichen oft schwer, die Ausbildung zu beenden. Denn dort erleben sie das erste Mal, dass nicht immer alles optimal für sie läuft. Und sie tun sich sehr schwer mit den Arbeitsbedingungen.

Helikopter-Eltern wollen alles richtig machen

Ich habe mir viele Gedanken darüber gemacht, warum Eltern ihre Kinder so behüten. Ich glaube, es liegt daran, dass viele der Eltern, die zu uns kommen, ihre Kinder lange herbeigesehnt haben. Für diese Eltern ist der Nachwuchs wie ein weiterer Karriereschritt, den sie ganz bewusst gewählt haben. Oder ein lange ersehntes Wunschkind, das ihnen doch noch geschenkt wurde.

Diese Eltern wollen alles richtig machen. Sie sind sehr bemüht und oft sehr kritisch, sich selbst und eben manchmal auch ihren Kindern gegenüber.

Wenn diese dann nicht die bekannten Entwicklungsschritte gehen, kann das zu einer großen Belastung für die Eltern werden. Sie stellen sich selbst in Frage. Ihre Kinder können sie nicht planen wie ihren Job. Da stecken natürlich auch viel mehr Gefühle mit drin.

Da Kinder sehr sensibel auf Stress und Anspannung ihrer Eltern reagieren, geraten diese unbewusst unter Druck. Die Kinder fühlen sich mitschuldig für die Anspannung ihrer Eltern.

Diese Eltern sehen ihr Kind als Projekt und lassen ihnen keine Spielraum, sich so zu entwickeln, wie es für sie richtig ist. Sie schwirren um sie herum, versuchen jeden Schritt zu beobachten und alles zu kontrollieren. Eine Möglichkeit auszubrechen ist für sie, nicht mehr in die Schule zu gehen.

Wir achten darauf, dass die Kinder körperlich fit werden

Irgendwann kommen sie dann zu uns. Wir versuchen, gemeinsam mit den Eltern einen Weg zu finden, diese Kinder zurück ins Leben zu begleiten. Die Grundidee der Reha ist, dass die Kinder danach wieder am Alltag teilhaben können - und sich den Herausforderungen des Lebens stellen.

Wir achten darauf, dass die Kinder körperlich fit werden - zum Beispiel mit Ergo- oder Sporttherapie. Wir erklären ihnen, welche Krankheit sie haben, wie vor allem sie damit umgehen können. Und wir versuchen, den Auslöser der Krankheit zu finden und daran zu arbeiten, die Lebensumstände des Kindes so zu optimieren, dass die chronische Erkrankung nicht weiter verstärkt wird.  

Wir haben die Möglichkeit, Kinder und Jugendliche dabei zu unterstützen, ihren Lebensweg zu gehen. Ihnen neue Wege zu zeigen. Zu sehen, wie sie sich aufmachen und wieder zu gesunden Menschen werden.  

Auch Hannes wurde wieder zu einem gesunden jungen Mann. Nach der Rehabilitation kam er nach einem weiteren Beschulungsversuch zuhause in unsere Langzeitgruppe. Hier konnte er dann die Schule für Kranke weiter besuchen. Und dann hat er uns alle überrascht. Nach drei Jahren bei uns machte er den Realschulabschluss. Und zwar mit der Note 1,3.

*Name von der Redaktion geändert

Das Gespräch wurde aufgezeichnet von Katharina Hoch.

Nora Volmer-Berthele ist Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Seit Juli 2017 leitet sie als Chefärztin die Rehabilitationsklinik für Kinder und Jugendliche in Wangen.

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