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Warum so viele Frauen devote Fantasien haben

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DEVOTE FRAU
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Im Mai war ich mit meinem Partner auf einer SM-Party. Ein traumhaft eingerichteter Keller, Kerzenlicht, wunderschöne Fessel-Möbel, gedämpfte Musik und mit etwa 25 Paaren genau richtig zum intimen Spiel. Während dem versunkenen Spiel fiel mir plötzlich etwas auf.

In die Stimme von Enya, die aus den Lautsprechern waberte, mischten sich die Schreie und das Stöhnen der anderen Gäste... der anderen weiblichen Gäste. Ich blickte auf und sah - ich war die einzige Frau, die nicht gefesselt war. Um mich herum waren 24 Frauen auf den Restriktionsvorrichtungen oder zu Füßen ihrer Begleiter verteilt. Die Männer trugen keineswegs Leder oder Latex, sondern waren alle mit edlen Smokings und Anzügen samt Krawatten angetan.

Es gibt in der SM-Szene sogenannte „O"-Partys, die das literarische Werk „Die Geschichte der „O"" zum Vorbild haben, auf die explizit devote Frauen mit dominanten Begleitern kommen. In letzter Zeit hat sich dieses altbekannte „O"-Motto umgewandelt in... wer hätte das gedacht - „Shades of Grey"-Partys.

Von diesen SoG-Events gibt es erstaunlich viele in Deutschland, und das war auch schon vor E.L James' Werk der Fall.

Ich habe also schon davor die Erfahrung gemacht, dass man als dominante Frau auf vielen Fetisch- und BDSM-Events irgendwie auf „verlorenem Posten" ist. Natürlich könnte ich auf reine FemDom-Partys gehen, aber die muss man tatsächlich suchen. Sie finden nämlich hauptsächlich in professionellen Domina-Studios statt, wo weniger private Paare verkehren, als vielmehr eben berufsmäßig veranlagte Herrinnen und ihre Kundschaft. FemDom-Mottos in der privaten SM-Szene? Ein seltenes Vergnügen, leider.

In den Facebook-Foren zum Thema BDSM und Fetisch finden sich erstaunlicherweise ebenfalls fast ausschließlich Bilder von aufgespreizten, ausgelieferten oder devot posierenden weiblichen Menschen. Auf der legendären Boundcon-Messe in München waren auf jeder der fünf Show-Bühnen Frauen die Träger für von Männerhand geknüpfte Seilkunstwerke.

Es sieht fast so aus, als wäre die private SM-Szene von devot-masochistischen Frauen durchsetzt, während sich die so veranlagten Herren der Schöpfung auf das Überangebot an Profi-Dominas konzentrieren müssen.

Das und die Tatsache, dass „Fifty Shades of Grey" ein derartiger Mega-Erfolg ist, brachte mich zu der Frage, warum das so ist. Gibt es möglicherweise einen tieferen, gesellschaftlich begründeten Zusammenhang, der das Phänomen erklärt?

Es drängt sich mir nämlich der Verdacht auf, dass devote, masochistische Männer im privaten Bereich viel schlechtere Chancen haben, den passenden dominanten Deckel zu finden, als Frauen mit solchen Neigungen.

Neigungen sind nicht diskutierbar, und ich als dominant Veranlagte will auf keinen Fall sagen, dass die aktive Seite mehr Spaß macht. Auch ich hatte eine Zeit in meinem Leben, in der ich mich sehr ausgiebig auf der submissiven Seite ausprobiert habe (was für jede Domina eine gute Schule sein kann). Demut und der Mut, sich auszuliefern, sind eine Stärke und es ist für viele befreiender und euphorisierender als normaler Sex. Aber ich frage mich, woher die Selbstverständlichkeit dieser Neigungs-Verteilung kommt.

Letztendlich stellt das sadomasochistische Ritual spielerisch etwas nach, was in früheren Zeiten (und auch heute noch in manchen Ländern) grausige Normalität war. Allerdings kamen Gefangenschaft, Unterdrückung, Ausbeutung oder Folter männlicher Opfer „nur" in speziellen Bereichen (Krieg, Inquisition, Sklaverei) zum Tragen, während sie für Frauen aller Schichten und zu allen Zeiten Normalität waren und sind.

Eine Frau musste nicht unbedingt in die Sklaverei verschleppt werden, um unfrei zu sein. Vor diesem Hintergrund erstaunen die vielen devot veranlagten Frauen in einer modernen Subkultur.

Devotes Frauenbild wird uns anerzogen

Kann man möglicherweise Rückschlüsse darauf ziehen, was Männer und Frauen prägt? Sind es geschlechtsspezifische Erziehungsansätze, ästhetischen Kategorien, gesellschaftlich geforderte Konformität im eigenen Geschlecht und alle damit einhergehenden harten Regeln?

Seien wir ehrlich. Es wird Mädchen immer noch beigebracht, dass Schönheit, sexuelle Attraktivität, Ehe und Familie verlässliche Werte sind, die aus ihnen vollwertige Frauen machen. Das sind Werte, die keinen allzu großen Horizont fordern, und auch wenn das Erreichen dieser Ideale viel Kraft kostet, so ist es doch keine individuelle Stärke, die hier erforderlich ist.

Wir sind noch immer das schwache Geschlecht, denn stark zu sein wird uns schon alleine dadurch verleidet, dass, so die britische Autorin Laurie Penny, Feministinnen in der öffentlichen Vorstellung so konsequent entsexualisiert werden.

Dienstbarkeit und Unterwürfigkeit sind bei Frauen geschlechtsimmanent. Wir wandern zwar nicht mehr ins Gefängnis, wenn wir uns für Frauenrechte stark machen, aber dafür droht eine vielleicht noch viel schlimmere Strafe.

Das schöne und schwache Geschlecht wird mit der Angst, eben dieses Geschlecht zu verlieren, wenn es gegen den patriarchalen Terror aufbegehrt, in Schach gehalten. Und was macht mehr Angst, als seine eigene Identität einzubüßen und sei es nur eine gesellschaftlich diktierte? Feminismus - sprich radikal reflektierende Frauen - wird noch immer als Bedrohung der Weiblichkeit angesehen.

Angst vor dominanten Frauen

Warum sonst werden Frauen, die aus ihren Geschlechtergrenzen ausbrechen, schief angesehen? Möglicherweise ist das instinktiv Beängstigende an dominanten Frauen, die ihre Sexualität offen ausleben, auch diesem Zusammenhang geschuldet.

Unterwürfigkeit, Gehorsam und Passivität sind eine weiblich anerzogene Essenz - nicht unbedingt durch Prügel und Strafe, aber durch Bilder, Ideen und soziale Regeln, die sogar kleine Mädchen beherrschen, wenn sie das Topmodel-Ausmal-Magazin unter dem Kopfkissen liegen haben - die uns prägt und natürlich auch sexuell aufgeladen wird.

Im SM-Bereich findet sie ihren auffälligsten Ausdruck darin, dass unheimlich viele Frauen den Fantasien einer „O" oder eben in neuester Zeit einer Anastasia Steele lustvoll folgen und sich in speziellen Zirkeln von einer Männergruppe im edlen, Smoking tragenden Rahmen benutzen lassen.

Ich will submissive Neigungen natürlich nicht klein reden, denn erstens ist bei vielen Frauen und Männern die passive Neigung ein wohltuendes Pendant zu beruflicher Stärke und Dominanz, und zweitens werden im Idealfall SM-Beziehungen mit tiefer Liebe und Hingabe an den/die Partner/in gelebt.

Es ist auch klar, dass Besuche auf SM-Partys keineswegs einen vollständigen Blick in die Szene erlauben, denn sie befindet sich hauptsächlich eben hinter verschlossenen Türen. Die Gäste auf BDSM-Events sind trotzdem ein repräsentativer Teil dieser Kultur.

Es scheint jedoch so, als wären vorgeschriebene Geschlechter-Regeln dafür verantwortlich, dass Männer, die den Wunsch der Unterwerfung haben, diesen auf kommerziellem Wege erfüllen müssen und Frauen in der Regel einen passenden Partner finden, weil diese Rollenverteilung viel eher toleriert und gelebt werden kann.

Sexismus in den sadomasochistischen Rollenbildern

Der Psychiater Richard von Krafft Ebing (1840-1902) zeigte in seinem Hauptwerk Psychopathia Sexualis, dass er sein- zeitgemäßes und damit unvollständiges- Verständnis für Masochismus bei Mann und Frau anhand der gesellschaftlichen Konventionen ableitete. Er erachtete männliche Unterwerfung unter eine Frau als Perversion, weil sie seiner sozialen Rolle des Siegers und Beschützers wiederspreche. Masochismus bei Frauen sah er hingegen nur als krankhafte Steigerung ihres ohnehin „natürlichen" Wesens der Unterordnung.

Demzufolge handeln seine Fallbeispiele auch nur von Männern, die den Weg der Fortpflanzungs-orientierten Sexualität zugunsten masochistischer Fantasien verlassen. Als ich seine Analyse zum ersten Mal gelesen habe, war ich fassungslos, weil sie aus dem Zentrum sexistischen Denkens stammt.

Sie impliziert, dass es so etwas wie gender-spezifische Gelüste überhaupt gibt. Dass Frauen aufgrund ihres Frauseins devot und masochistisch sein dürfen, Männer jedoch nicht. Es ist nicht das Geschlecht, das uns zu dem macht, was wir sind, sondern die gesellschaftliche Antwort auf Geschlechter, die daraus ein verbindliches Konzept macht.

Daher nimmt es vielleicht nicht wunder, dass Frauen, die gerne das Gleiche erleben wollen wie „O" oder Anastasia Steele, ein so vertrautes Bild sind, während unterwürfige Männer eher mit verruchten Lederbräuten in teuren SM-Studios assoziiert werden.

Letztendlich liegt im SM-Spiel jedoch die wahre Macht in den gefesselten Händen des devoten Parts und damit auch der eigentliche Reiz. Sofern es sich um einvernehmliches Spiel handelt, hat der/die Submissive immer die Macht, das Spiel zu beenden.

Und vielleicht liegt für Frauen gerade darin die tiefe Befreiung. Von einem dominanten Mann etwas zu fordern, was über Jahrtausende selbstverständlich war. Und die Macht zu besitzen, es in Lust umzuwandeln.

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