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Stillen ist Beziehung

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BREASTFEEDING PHONE
Matthias Ritzmann via Getty Images
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Sehen wir unsere Babys von Anfang an als kompetente Stillkinder an, ändert sich automatisch auch unser Blick aufs Stillen selbst. Denn wenn unsere Kinder das Stillen aktiv mitgestalten, heißt das auch, dass die Verantwortung für den Verlauf und die Dauer der Stillzeit nicht mehr bei der Mutter allein liegt. Nicht sie allein bestimmt, ob und wann und wie lange sie stillen will.

Stattdessen beantworten Mutter und Kind diese Fragen gemeinsam, indem sie im alltäglichen Miteinander aushandeln, wie das Stillen für beide Seiten funktionieren kann. Konkret bedeutet das: Mit einem kompetenten Baby wird das Stillen vom einseitig selbstlosen Geschenk einer Mutter an ihr Kind zu einer lebendigen Beziehung, in der beide Parteien geben und nehmen. Und genau wie in jeder anderen Beziehung auch klappt das am besten, wenn beide Partner gut aufeinander eingespielt sind und einen Weg finden, ihre jeweiligen Bedürfnisse gut miteinander in Balance zu bringen.

Eine schöne Stillbeziehung aufnehmen und gestalten

Um als Stilltandem einen möglichst guten Start zu erwischen, haben sich folgende Maßnahmen bewährt:

• Das Baby selbst die Brust ansaugen lassen. Kein Mensch kann ein Neugeborenes so perfekt an die Brust anlegen, wie das Baby sich selbst andockt - wenn man es denn lässt.

• Das Baby gibt den Rhythmus vor. Wie oft sie optimalerweise an der Brust trinken sollten, spüren gesunde, reif geborene Babys am allerbesten selbst. Faustregel: Acht Mal sollte ein voll gestilltes Baby in 24 Stunden mindestens Milch trinken, eine Obergrenze gibt es nicht.

• Über die Länge der Milchmahlzeit bestimmen beide. Was ihr Trinkverhalten angeht, sind Babys enorm verschieden: Manche saugen schnell und effizient, andere langsam und genussvoll - und beides ist gleichermaßen gesund und okay. So lange es der Mutter damit gutgeht, spricht deshalb nichts dagegen, das Baby so lange an der Brust nuckeln zu lassen, wie es mag.

Ist einer Mutter das lange Saugen jedoch unangenehm, kann sie ihr Baby jederzeit von der Brust »abdocken«, indem sie mit dem kleinen Finger das Saugvakuum zwischen den Lippen ihres Babys und ihrer Brustwarze löst. Anschließend kann sie ihm entweder die andere Brust anbieten oder, wenn das Kleine satt ist und nur noch nuckeln will, den kleinen Finger als Ersatz geben.

Nora Imlau spricht am Samstag, den 15.10. um 14 Uhr live auf unserem Eltern Facebook Kanal über das Thema Stillen. Hier könnt ihr euch das Event schon mal vormerken.

• Eine bequeme Stillposition für alle. Damit das Stillen nicht zur Last wird, ist es wichtig, dass die Mutter es währenddessen so gemütlich wie möglich hat. Alles, was dabei hilft, ist willkommen: Kissen, Decken, Zeitschriften und Pralinen auf dem Nachttisch.

Für eine stressfreie Stillbeziehung ist es außerdem hilfreich, wenn die Mutter möglichst frühzeitig lernt, sowohl im Sitzen als auch im Liegen zu stillen. Dann kann sie je nach Situation entscheiden, wie ihr das Stillen gerade am bequemsten ist. Dem Baby ist das normalerweise egal. Ihm ist nur wichtig, dass es Bauch an Bauch mit Mama liegt und sein Köpfchen nicht verdrehen muss, um an die Brustwarze zu kommen.

• Hilfsmittel nur sparsam verwenden. Stillkissen, Stillhütchen, Stillumhänge: Was als ultimative Entlastung für stillende Mütter angepriesen wird, steht einer entspannten Stillbeziehung zwischen Mutter und Kind oft eher im Weg. Denn Stillen ist - wie Küssen oder Sex - in erster Linie eine Körpererfahrung.

Zu viel Plastik oder Stoff zwischen zwei Menschen stört dabei nur. Der einfachste Weg zu einer entspannten Stillbeziehung ist deshalb oft, erst einmal auf sämtliche Stillhilfsmittel zu verzichten und sozusagen Freestyle-Stillen zu lernen: Baby an die Brust und los. Haut an Haut, Herz an Herz. Ohne Kissen, Decken, Ketten. So erleben Mütter nicht nur ihre Babys eher als die kompetenten Stillkinder, die sie sind.

Sie erleben sich auch selbst als kompetent, als in der Lage, ihr Kind zu ernähren, ohne dafür ein spezielles Kissen oder irgendein anderes Hilfsmittel zu brauchen. Hat sich die Stillbeziehung erst einmal eingespielt, können die Helfer bei Bedarf ja immer noch dazukommen.

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• Ablenkung ist total okay. Ein Baby voll zu stillen, kostet Zeit. Besonders Mütter kleiner Genusstrinker fühlen sich oft regelrecht ans Sofa oder ans Bett gefesselt, weil sie so viele Stunden dort stillend verbringen. Kommt dann noch der Anspruch dazu, sich beim Stillen nicht abzulenken, sondern als gute Mutter mit der ganzen Aufmerksamkeit beim Baby zu sein, artet das Stillen schnell in Stress aus.

Dabei ist es vollkommen normal und okay, dass es beim Stillen - wie in jeder anderen Beziehung auch - einerseits Momente größter Innigkeit und Verbundenheit gibt und andererseits Momente, in denen jeder mit sich selbst beschäftigt ist, ohne dass das an der Verbundenheit irgendetwas ändern würde.

Stillende Mütter dürfen also mit bestem Gewissen lesen, fernsehen, stricken, dösen oder am Handy herumdaddeln, während ihr Baby an der Brust trinkt. Denn sie können sich darauf verlassen: Ihr kompetentes Baby macht schon auf sich aufmerksam, wenn es gerade mehr braucht als Milch und Nähe.

Das aktuelle Buch der Autorin: Mein kompetentes Baby

Hier könnt ihr das Buch kaufen.

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