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Warum unsere Geburten so wichtig sind

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"Es ist nicht egal, wie wir geboren werden" - vor drei├čig Jahren war dieser Satz des franz├Âsischen Frauenarztes Michel Odent eine echte Provokation. Denn in der gesamten industrialisierten Welt hatte sich zu diesem Zeitpunkt eine Geburtshilfe durchgesetzt, die nur ein Ziel kannte: Hauptsache, Mutter und Kind ├╝berleben. Unter welchen Umst├Ąnden, schien nebens├Ąchlich. Eine Geburt sollte schlie├člich nicht sch├Ân sein, sondern vor allem sicher. Oder?

Eine Geburt ohne Gewalt

Seither hat sich viel getan: Die "Geburt ohne Gewalt", die der Gyn├Ąkologe Fr├ęd├ęrik Leboyer in den 1970er Jahren in einem viel gelesenen, emotionalen Pl├Ądoyer forderte, hielt in mehr und mehr Krei├čs├Ąle Einzug. Partner durften nun zur Geburt mitkommen. Schwangere Frauen bekamen zusehends individuelle Hebammenunterst├╝tzung statt Rasur, Einlauf, Lachgas und Dammschnitt. Neugeborene wurden unmittelbar nach der Geburt nicht mehr auf den Po geklapst, damit sie besser atmeten, sondern kamen stattdessen gleich zu Mama auf die Brust.

Doch eins hat sich nicht ver├Ąndert: Wie die Mutter die Geburt erlebt, ob sie sich dabei unterst├╝tzt oder alleingelassen, gest├Ąrkt oder geschw├Ącht f├╝hlt, wird heute noch oft als Nebensache betrachtet. "Hauptsache gesund", bekommen Frauen nach schwierigen Geburten zu h├Âren, als sei das das Einzige, was z├Ąhlt: Mutter und Kind gesund, alles gut. Dabei wissen wir heute: Die Geburten der eigenen Kinder geh├Âren zu den pr├Ągendsten Erfahrungen im Leben einer Frau.

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┬ęKerstin Pukall, in Imlau: Das Geburtsbuch, Beltz 2016

Der Schmerz und die Kraft, die Angst und die Zuversicht, die Unterst├╝tzung und die Einsamkeit, die wir in diesen Stunden und Minuten sp├╝ren, graben sich tief in unsere Seele ein. Nie sind wir verletzlicher als in diesem Moment, in dem wir die Kontrolle ├╝ber unseren K├Ârper zu verlieren scheinen. Nie sind wir offener als in einer Zeit, in der wir uns im wahrsten Wortsinn bis zu den Grenzen des Ertr├Ąglichen hin ├Âffnen m├╝ssen, um einem anderen Menschen das Leben zu schenken.

Und nie sind wir empf├Ąnglicher f├╝r Botschaften ├╝ber uns selbst als an der Schwelle des Mutterseins: So stark kann ich sein, so schwach darf ich sein - diese Selbsterkenntnisse aus der Zeit der Geburt bestimmen unsere allerersten Gef├╝hle als Mutter, als Frau, die ein Kind geboren hat.

Von Ina May Gaskin, der US-amerikanischen Pionierin einer frauenfreundlichen Geburtshilfe, ist der ber├╝hmte Satz ├╝berliefert, dass man Qualit├Ąt in der Geburtshilfe stets daran erkennen kann, ob sich die Geb├Ąrende wie eine G├Âttin f├╝hlt. Tut sie das nicht, wird sie nicht richtig behandelt. Es stellt sich also eine wichtige Frage.

Wie f├╝hlen sich Frauen bei der Geburt?

Hier eine kleine Auswahl an Antworten junger M├╝tter:

"Ich habe mich stark wie eine L├Âwin gef├╝hlt, als k├Ânnte ich alles schaffen!"

"Ich kam mir vor wie ein dummes Schulm├Ądchen, das ohne Hilfe der ├ärzte gar nichts gebacken kriegt."

"Ich habe mich wie eine Kriegerin gef├╝hlt: mutig und zu allem bereit!"

"Ich f├╝hlte mich total elend und alleingelassen, wie ein ausgesetztes Waisenkind."

"Nach meinem Kaiserschnitt f├╝hle ich mich wie eine Versagerin, die nicht einmal geschafft hat, ihr Kind aus eigener Kraft zur Welt zu bringen."

"Ich f├╝hlte mich wie ein Marathonl├Ąufer, der kurz vorm Ziel aufgeben will - und es dann mit letzter Kraft doch noch ├╝ber die Zielgerade schafft!"

Diese Aussagen zeigen: Frauen erleben ihre Geburten nicht nur extrem unterschiedlich - ihr Geburtserleben pr├Ągt auch ihr Selbstbild. Empfinden sie sich als Kriegerin, L├Âwin oder Marathonl├Ąuferin, schwingt in diesen Beschreibungen St├Ąrke und Ausdauer, Kraft und Selbstbewusst sein mit.

Erleben sich Frauen hingegen bereits an der Schwelle zum Muttersein als Versagerinnen, empfinden sie die Geburt ihres Kindes als einen Moment der Schw├Ąche und des Scheiterns, der Entt├Ąuschung und des Ausgeliefertseins, so wirken auch diese Erfahrungen in ihnen nach und machen es ihnen schwerer, ihre neue Rolle als Mutter mit einem positiven Selbstbild zu verkn├╝pfen.

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┬ęKerstin Pukall, in Imlau: Das Geburtsbuch, Beltz 2016

W├╝nschen wir uns starke, selbstbewusste M├╝tter, m├╝ssen wir also bereits an diesem fr├╝hen Punkt ansetzen und die Bedingungen f├╝r gute, st├Ąrkende Geburten schaffen, aus der Frauen k├Ârperlich und seelisch m├Âglichst unverletzt hervorgehen. Denn es ist nicht nur nicht egal, wie wir geboren werden. Es ist auch nicht egal, wie wir geb├Ąren. Jede Geburt bringt auch eine ver├Ąnderte Frau zur Welt.

Eine gute Geburt

Was f├╝r eine Geburt w├╝nschen sich Frauen? Verschiedene internationale Studien zeigen: Der Gro├čteil aller Schwangeren w├╝nscht sich eine normale, nat├╝rliche Geburt - auch wenn in der medialen Berichterstattung ├╝ber den Trend zum Wunschkaiserschnitt h├Ąufig ein anderes Bild gezeichnet wird. So gaben etwa 96,3 Prozent aller schwangeren Frauen in einer Untersuchung der Universit├Ąt Osnabr├╝ck an, auf eine nat├╝rliche Geburt zu hoffen, nur 3,3 Prozent w├╝nschten sich einen Kaiserschnitt.

Das hei├čt, heutige Schwangere sind sich keineswegs zu fein zum Pressen, wie ihnen immer wieder unterstellt wird, im Gegenteil: Der Wunsch nach einer nat├╝rlichen Geburt ist gro├č - und die Entt├Ąuschung, wenn die Geburt anders lief als erhofft, dementsprechend verbreitet.

Wie soll aber die nat├╝rliche Geburt ablaufen, damit sie als gute Geburt erlebt wird? Auch da haben Schwangere klare Vorstellungen: Sie w├╝nschen sich, dass die Geburt nicht allzu schmerzhaft ist und nicht allzu lange dauert. Au├čerdem wollen sie sich die gesamte Zeit ├╝ber sicher und gut begleitet f├╝hlen und sich keine Sorgen um ihre eigene Gesundheit oder die ihres Kindes machen m├╝ssen.

Fast alle Frauen w├╝nschen sich au├čerdem, unter der Geburt nicht nur von professionellen Geburtshelfern, sondern auch von mindestens einem vertrauten Menschen begleitet zu werden. Ganz oben auf der Wunschliste daf├╝r steht bei den meisten der eigene Partner, manche w├╝nschen sich aber auch ihre Mutter ihre Schwester, eine enge Freundin oder eine Doula als Geburtsbegleiterin.

Der Wunsch nach liebevoller Begleitung ist es auch, der beide eint, Frauen, die eine nat├╝rliche Geburt anstreben, und Frauen, die sich einen Kaiserschnitt w├╝nschen: Sie alle wollen im Moment des Mutterwerdens nicht alleine sein, sondern sich unterst├╝tzt und getragen f├╝hlen.

Konkret hei├čt das: Um eine Geburt als gute Geburt zu erleben, braucht eine werdende Mutter

  • ein Umfeld, das sie dabei unterst├╝tzt, ihr Baby so zur Welt zu bringen, wie sie es sich w├╝nscht
  • konkrete Hilfe im Umgang mit den Geburtsschmerzen
  • besondere Unterst├╝tzung, wenn die Geburt l├Ąnger dauert oder kr├Ąftezehrender ist als erwartet
  • liebevolle Begleitung durch vertraute Menschen
  • das gute Gef├╝hl, in sicheren H├Ąnden zu sein und professionell betreut zu werden

Der Beitrag ist ein Auszug aus Das Geburtsbuch von Nora Imlau.

Hier k├Ânnt ihr das Buch kaufen.

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