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Warum unsere Geburten so wichtig sind

07/06/2016 09:49 CEST | Aktualisiert 08/06/2017 11:12 CEST

"Es ist nicht egal, wie wir geboren werden" - vor dreißig Jahren war dieser Satz des französischen Frauenarztes Michel Odent eine echte Provokation. Denn in der gesamten industrialisierten Welt hatte sich zu diesem Zeitpunkt eine Geburtshilfe durchgesetzt, die nur ein Ziel kannte: Hauptsache, Mutter und Kind überleben. Unter welchen Umständen, schien nebensächlich. Eine Geburt sollte schließlich nicht schön sein, sondern vor allem sicher. Oder?

Eine Geburt ohne Gewalt

Seither hat sich viel getan: Die "Geburt ohne Gewalt", die der Gynäkologe Frédérik Leboyer in den 1970er Jahren in einem viel gelesenen, emotionalen Plädoyer forderte, hielt in mehr und mehr Kreißsäle Einzug. Partner durften nun zur Geburt mitkommen. Schwangere Frauen bekamen zusehends individuelle Hebammenunterstützung statt Rasur, Einlauf, Lachgas und Dammschnitt. Neugeborene wurden unmittelbar nach der Geburt nicht mehr auf den Po geklapst, damit sie besser atmeten, sondern kamen stattdessen gleich zu Mama auf die Brust.

Doch eins hat sich nicht verändert: Wie die Mutter die Geburt erlebt, ob sie sich dabei unterstützt oder alleingelassen, gestärkt oder geschwächt fühlt, wird heute noch oft als Nebensache betrachtet. "Hauptsache gesund", bekommen Frauen nach schwierigen Geburten zu hören, als sei das das Einzige, was zählt: Mutter und Kind gesund, alles gut. Dabei wissen wir heute: Die Geburten der eigenen Kinder gehören zu den prägendsten Erfahrungen im Leben einer Frau.

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©Kerstin Pukall, in Imlau: Das Geburtsbuch, Beltz 2016

Der Schmerz und die Kraft, die Angst und die Zuversicht, die Unterstützung und die Einsamkeit, die wir in diesen Stunden und Minuten spüren, graben sich tief in unsere Seele ein. Nie sind wir verletzlicher als in diesem Moment, in dem wir die Kontrolle über unseren Körper zu verlieren scheinen. Nie sind wir offener als in einer Zeit, in der wir uns im wahrsten Wortsinn bis zu den Grenzen des Erträglichen hin öffnen müssen, um einem anderen Menschen das Leben zu schenken.

Und nie sind wir empfänglicher für Botschaften über uns selbst als an der Schwelle des Mutterseins: So stark kann ich sein, so schwach darf ich sein - diese Selbsterkenntnisse aus der Zeit der Geburt bestimmen unsere allerersten Gefühle als Mutter, als Frau, die ein Kind geboren hat.

Von Ina May Gaskin, der US-amerikanischen Pionierin einer frauenfreundlichen Geburtshilfe, ist der berühmte Satz überliefert, dass man Qualität in der Geburtshilfe stets daran erkennen kann, ob sich die Gebärende wie eine Göttin fühlt. Tut sie das nicht, wird sie nicht richtig behandelt. Es stellt sich also eine wichtige Frage.

Wie fühlen sich Frauen bei der Geburt?

Hier eine kleine Auswahl an Antworten junger Mütter:

"Ich habe mich stark wie eine Löwin gefühlt, als könnte ich alles schaffen!"

"Ich kam mir vor wie ein dummes Schulmädchen, das ohne Hilfe der Ärzte gar nichts gebacken kriegt."

"Ich habe mich wie eine Kriegerin gefühlt: mutig und zu allem bereit!"

"Ich fühlte mich total elend und alleingelassen, wie ein ausgesetztes Waisenkind."

"Nach meinem Kaiserschnitt fühle ich mich wie eine Versagerin, die nicht einmal geschafft hat, ihr Kind aus eigener Kraft zur Welt zu bringen."

"Ich fühlte mich wie ein Marathonläufer, der kurz vorm Ziel aufgeben will - und es dann mit letzter Kraft doch noch über die Zielgerade schafft!"

Diese Aussagen zeigen: Frauen erleben ihre Geburten nicht nur extrem unterschiedlich - ihr Geburtserleben prägt auch ihr Selbstbild. Empfinden sie sich als Kriegerin, Löwin oder Marathonläuferin, schwingt in diesen Beschreibungen Stärke und Ausdauer, Kraft und Selbstbewusst sein mit.

Erleben sich Frauen hingegen bereits an der Schwelle zum Muttersein als Versagerinnen, empfinden sie die Geburt ihres Kindes als einen Moment der Schwäche und des Scheiterns, der Enttäuschung und des Ausgeliefertseins, so wirken auch diese Erfahrungen in ihnen nach und machen es ihnen schwerer, ihre neue Rolle als Mutter mit einem positiven Selbstbild zu verknüpfen.

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©Kerstin Pukall, in Imlau: Das Geburtsbuch, Beltz 2016

Wünschen wir uns starke, selbstbewusste Mütter, müssen wir also bereits an diesem frühen Punkt ansetzen und die Bedingungen für gute, stärkende Geburten schaffen, aus der Frauen körperlich und seelisch möglichst unverletzt hervorgehen. Denn es ist nicht nur nicht egal, wie wir geboren werden. Es ist auch nicht egal, wie wir gebären. Jede Geburt bringt auch eine veränderte Frau zur Welt.

Eine gute Geburt

Was für eine Geburt wünschen sich Frauen? Verschiedene internationale Studien zeigen: Der Großteil aller Schwangeren wünscht sich eine normale, natürliche Geburt - auch wenn in der medialen Berichterstattung über den Trend zum Wunschkaiserschnitt häufig ein anderes Bild gezeichnet wird. So gaben etwa 96,3 Prozent aller schwangeren Frauen in einer Untersuchung der Universität Osnabrück an, auf eine natürliche Geburt zu hoffen, nur 3,3 Prozent wünschten sich einen Kaiserschnitt.

Das heißt, heutige Schwangere sind sich keineswegs zu fein zum Pressen, wie ihnen immer wieder unterstellt wird, im Gegenteil: Der Wunsch nach einer natürlichen Geburt ist groß - und die Enttäuschung, wenn die Geburt anders lief als erhofft, dementsprechend verbreitet.

Wie soll aber die natürliche Geburt ablaufen, damit sie als gute Geburt erlebt wird? Auch da haben Schwangere klare Vorstellungen: Sie wünschen sich, dass die Geburt nicht allzu schmerzhaft ist und nicht allzu lange dauert. Außerdem wollen sie sich die gesamte Zeit über sicher und gut begleitet fühlen und sich keine Sorgen um ihre eigene Gesundheit oder die ihres Kindes machen müssen.

Fast alle Frauen wünschen sich außerdem, unter der Geburt nicht nur von professionellen Geburtshelfern, sondern auch von mindestens einem vertrauten Menschen begleitet zu werden. Ganz oben auf der Wunschliste dafür steht bei den meisten der eigene Partner, manche wünschen sich aber auch ihre Mutter ihre Schwester, eine enge Freundin oder eine Doula als Geburtsbegleiterin.

Der Wunsch nach liebevoller Begleitung ist es auch, der beide eint, Frauen, die eine natürliche Geburt anstreben, und Frauen, die sich einen Kaiserschnitt wünschen: Sie alle wollen im Moment des Mutterwerdens nicht alleine sein, sondern sich unterstützt und getragen fühlen.

Konkret heißt das: Um eine Geburt als gute Geburt zu erleben, braucht eine werdende Mutter

  • ein Umfeld, das sie dabei unterstützt, ihr Baby so zur Welt zu bringen, wie sie es sich wünscht

  • konkrete Hilfe im Umgang mit den Geburtsschmerzen

  • besondere Unterstützung, wenn die Geburt länger dauert oder kräftezehrender ist als erwartet

  • liebevolle Begleitung durch vertraute Menschen

  • das gute Gefühl, in sicheren Händen zu sein und professionell betreut zu werden

Der Beitrag ist ein Auszug aus Das Geburtsbuch von Nora Imlau.

Hier könnt ihr das Buch kaufen.

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