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Warum ich mich selbst verletze, um zu überleben

07/03/2016 11:13 CET | Aktualisiert 08/03/2017 11:12 CET
evgenyatamanenko via Getty Images

Seit meiner Kindheit verletze ich mich selbst. Anfangs war es das absichtliche Verbrennen an der heißen Herdplatte, das Schlagen mit dumpfen Gegenständen auf meine Knochen oder das Aufkratzen von Wunden.

Als Teenager griff ich zu Rasierklingen und schnitt mir nahezu jeden Tag in die Beine oder Arme. Mittlerweile habe ich mein Verhalten mehr unter Kontrolle, und es kommt nur noch ein- bis zweimal im Jahr zum selbstverletzenden Verhalten (SVV).

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Zum SVV kommt es vor allem in Krisen. Wenn ich unglaublich traurig, wütend und verzweifelt bin. In solchen Momenten weiß ich nicht, wohin mit meinen Gefühlen. Ich habe nicht gelernt, sie auf gesunde Art und Weise herauszulassen. Ich durfte es nicht.

Wut und Traurigkeit waren negative Gefühle in meiner Kindheit, die belächelt wurden - genau genommen, ist es heute noch so. „Sei doch nicht so sensibel!" oder „Warum heulst Du schon wieder?", waren Reaktionen meiner Eltern, die mir das Gefühl vermittelten, meine Gefühle seien falsch und dürften nicht sein.

Ich verletze mich, damit ich mich nicht umbringe

Also ließ ich die Gefühle raus, wenn niemand es mitbekam. Ich richtete sie gegen mich selbst und tarnte es als „Unfall", was mir auch abgekauft wurde. Erst als die Narben durch die Selbstverletzungen mit der Rasierklinge nicht mehr zu überspielen waren, erzählte ich meinen Eltern die Wahrheit und erntete damit natürlich Unverständnis.

Für meine Familie und Freunde ist mein Verhalten überhaupt nicht nachvollziehbar. Für mich war und ist das selbstverletzende Verhalten bis heute eine bizarre Überlebensstrategie.

In Phasen tiefer Depression stehe ich oft neben mir. Häufig verschwimmt alles um mich herum, meine Gedanken liegen im Nebel und mein Körper scheint nicht mehr mein Körper zu sein. Ich fühle ihn nicht.

Ich fühle gar nichts - außer einer immensen Leere

Zugleich ist in mir dieser gewaltige Druck, der mich einengt und mir das Atmen erschwert. Dieses Gefühl, die zermürbenden Gedanken - sie rauben mir die Kraft zum Leben, zum Weiterkämpfen und lösen in mir eine Todessehnsucht aus.

Nicht, weil ich sterben möchte, sondern weil ich nicht mehr leben kann.

Diese Suizidgedanken drängen sich mir auf, lassen mich nicht mehr los. Oft sehe ich keinen anderen Ausweg. Ich verfalle in eine geistige Starre. Ich versinke in einem Mix aus Traurigkeit, Leere und Verzweiflung wie in einem Strudel, aus dem ich nicht mehr herauszukommen scheine.

Der Gedanke erfasst mich wie eine zweite Haut, die sich mir wie eine fremde Macht überstülpt

In solchen Momenten nehme ich die Rasierklinge - ich möchte diese zweite Haut nicht, sie schnürt mir die Luft ab und erstickt mich!

Schnitt! Das Gefühl der Befreiung kommt herausgekrochen und solange das Blut fließt, solange fühle ich mich frei und ungezwungen. Ich kann wieder atmen!

Solange, bis kein frisches Blut mehr rauskommt. Solange. Dann hat die Wut über diesen Einbruch ihren großen Auftritt in mir, und die zweite Haut scheint mein Selbst noch fester einzuschnüren ...

Selbstverletzendes Verhalten - ein Teufelskreis

Erst Minuten oder Stunden später setzt der körperliche Schmerz ein, der mich ablenkt von meinen seelischen Schmerzen. Der körperliche Schmerz ist ein Sprachrohr für meine seelischen Schmerzen, ein Ventil. Anders kann ich ihnen keinen Ausdruck verleihen.

Und auch wenn mir das Selbstverletzen natürlich schadet, so bewahrt es mich vor unüberlegten Handlungen, die wesentlich schlimmer ausgehen würden - aus dem Fenster springen, zum Beispiel. Insofern hat es mich oft „beschützt"!

Mit dieser Aussage möchte ich keinesfalls ausdrücken, dass SVV etwas Positives ist. Das ist es nicht. Selbstverletzendes Verhalten hat einen Suchtcharakter, der mich früher immer wieder überfiel, auch wenn ich nicht suizidal war - es erschien mir als Lösungsstrategie für meinen inneren Druck, auch bei kleineren Problemen und allgemeinem Stress.

Und damit geriet ich in diesen Teufelskreis: Aufgebaute Anspannung und innerer Druck führten zu selbstverletzendem Verhalten. Ein Gefühl der Erleichterung breitet sich aus. Doch kurz darauf realisierte ich die Wunden, wodurch Wut und Scham über mein eigenes Verhalten entstand. Dies führte dazu, dass sich erneut Druck und Anspannung in mir aufbauten ...

... und dann reichte nur ein kleiner, falscher Windhauch, der mich ins Wanken brachte, und ich griff erneut zur Rasierklinge ...

Es gibt keine falschen, negativen Gefühle!

Mittlerweile verletze ich mich nicht mehr regelmäßig. Ich bin in Therapie und arbeite dort meine seelischen Schmerzen auf. Zudem lerne ich dort, was ich in meiner Kindheit nicht gelernt habe: Dass ich auch die sogenannten „negativen" Gefühle haben darf.

Ich darf traurig, wütend und neidisch sein. Gefühle sind nicht falsch oder schlecht, sie haben auch immer etwas Positives an sich und wollen uns etwas sagen. Erst wenn wir sie nicht erkennen, rauslassen und verdrängen, werden sie zu einem Knäuel in uns, der uns lähmt - und der auf andere Art und Weise gelöst werden will.

Manch einer entwickelt ein Alkohol- oder Drogenproblem. Andere, wie ich, greifen zur Rasierklinge. Und dann gibt es noch die für mich beeindruckenden Menschen, die auf gesunde Weise lernen, mit ihren Gefühlknäueln umzugehen.

Alternativen, Hoffnung & Ich

Auch habe ich inzwischen Alternativen, sogenannte Skills gefunden, die ich statt des SVV anwenden kann. Diese lösen auch körperliche Reize aus, aber sie schaden mir nicht: Ein paar Minuten ohne Jacke an die kalte Winterluft, Eiswürfel in der Hand halten, auf eine Chili-Schote beißen, ein Haargummi am Handgelenk schnipsen lassen, Altglas mit Karacho in die Tonne werfen oder auch aufschreiben, was mich alles belastet.

Dennoch ist der Druck nach mehr noch oft da. Dieser Druck, mir in die Haut zu schneiden und mich zu zerstören.

Es fühlt sich so ähnlich an, wie wenn man mit dem Rauchen aufgehört hat und stattdessen einen Kaugummi kaut. Dieses Verlangen nach einer Zigarette, das überfällt einen noch einige Zeit. Bei einigen verschwindet es gänzlich, andere müssen lernen, damit zu leben.

Ich hoffe, dass ich mich und meine Handlungen irgendwann mehr unter Kontrolle habe. Mein großes Ziel: im Sommer kurzärmelig durch die Straßen gehen zu können. Denn das ist natürlich der weitere Nachteil - jeder sieht, dass ich mit mir und meinem Leben nicht so zurechtkomme wie andere, und dass ich Verhaltensweisen habe, die krankhaft sind.

Doch auch wenn meine Narben für immer da sind, so hoffe ich, dass „es" irgendwann mal okay ist.

Ich hoffe, dass ich selbst für mich irgendwann mal okay bin!

Mehr aus dem Leben mit Angst, Depression und Borderline erfahrt Ihr auf meinem Blog nora-fieling.de

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