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Meine Wohnung war mein Gefängnis: Wie ich meine Panikattacken besiegte

Veröffentlicht: Aktualisiert:
FRAU DEPRESSION KRANKHEIT PSYCHOLOGIE
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"Manchmal fürchtet man sich vor etwas, weil man sich vor etwas anderem fürchtet!", das sagte vor etwa einem Jahr eine Psychologin in einer Gruppentherapie in der Tagesklinik zu uns Patienten.

Im Nachhinein habe ich dadurch verstanden, wie ich einen Weg aus meinen Panikattacken fand. Es ist jetzt etwa fünf Jahre her, dass ich immer mehr Angst und Panik verspürte und Panikattacken hatte.

Ich hatte Angst vorm Bus und S-Bahn-fahren, Angst, alleine einkaufen zu gehen, Angst, mit Freunden im Restaurant zu sitzen, Angst unter großen Menschenmengen wie z. B. im Kino oder auf einem Konzert. Die Angst war so weit ausgeprägt, dass ich immer öfter panisch wurde und die Situationen verlassen musste.

Herzrasen, Hitzewallungen, weiche Knie, Schwindelgefühle, Atemprobleme, Beklemmungsgefühle, Übelkeit und Würgereiz. Viele Betroffene, die ich bis jetzt kennengelernt habe, hatten zudem die Angst, dass sie gleich sterben werden.

Das war in solchen Momenten nicht meine größte Angst - mir war immer so schlecht, dass ich Panik hatte, mich in der Öffentlichkeit übergeben zu müssen. Diese Zustände kamen immer häufiger, ich verließ die jeweiligen Situationen und zog mich immer öfter in meiner Wohnung zurück.

Einigeln in meiner Wohnung - das war meine Komfortzone

Das Ganze ging damals so weit, dass ich angstauslösende Situationen nicht nur weitestgehend vermied, sondern mich auch weniger angstauslösenden Umständen nicht stellte.

Etwa bei einfachen Spaziergängen hatte ich sehr selten eine Panikattacke, doch die Angst, dass mir das dabei auch passieren könnte, war so groß, dass ich auch einen Spaziergang vermied. Es entwickelte sich eine Angst vor der Angst - bzw. eine Angst vor der Panikattacke.

Circa 5 Wochen lang habe ich so gut wie gar nicht meine Wohnung verlassen. Das, was ich noch geschafft habe, war zu meiner Hausärztin zu gehen, die glücklicherweise nur 5 Minuten Fußweg von mir entfernt ihre Praxis hatte.

Zu der Zeit lebte ich in einer WG, sodass die anderen für mich mit einkauften. Es bestand somit auch kein zwingender Druck, dass ich rausgehen muss - es gab ja Menschen, die mir das mitbrachten, was ich brauchte.

Die Wohnung und mein Zimmer waren meine Komfortzone - hier ging es mir gut und ich war frei von Panikattacken. Die einzige Angst die ich hier hatte, war der Gedanke daran, dass ich irgendwann mal wieder raus muss. Raus ins Leben.

Auch wenn ich mich in meiner Wohnung wohl fühlte, so litt ich nach und nach immer mehr darunter, dass ich nicht frei war. Ich war in meiner Angst so dermaßen gefangen, dass ich nicht frei leben konnte. Ich konnte nicht einfach das machen, wozu ich Lust hatte.

Mein Freund war zwar oft bei mir, doch einfach mal mit ihm raus in eine Bar oder ins Kino zu gehen, das war unmöglich.

Meine Komfortzone war zugleich mein Gefängnis - Wo ist der Schlüssel?

Wie geht man seine Angst und Panik an, aber doch raus ins Leben möchte? Sämtliche Internetseiten habe ich durchforstet, fand aber keine Lösung, die ich mir zutraute. Durch Tipps, wie "Stellen Sie sich der angstmachenden Situation" oder "Die Angst ist Ihr Freund - Beobachten und nehmen Sie Ihre Angst an" fühlte ich mich total veräppelt.

Fragen über Fragen kreisten in meinem Kopf herum: Warum habe ich Angst, wenn ich in einer Kaufhalle bin und dort in der Warteschlange an der Kasse stehe? Warum habe ich Angst vorm Busfahren? - Ich fand keine rationalen Gründe dafür, immerhin habe ich weder einen Raubüberfall in einer Kaufhalle noch einen Verkehrsunfall mit Bus oder Bahn erlebt - dass wären Erfahrungen gewesen, wodurch mir meine Panikattacken relativ logisch erschienen wären.

Doch da war nichts und somit verstand ich nicht, warum ich Angst davor hatte. Ich verstand mich und mein Verhalten nicht.

Doch ich musste etwas machen ... irgendwas, da dieses Gefängnis der Angst mich zunehmend depressiver machte. So fiel der Entschluss, mich selbst in eine psychiatrische Klinik einzuweisen. Dieser Entschluss brachte natürlich neue Ängste mit sich - was sagen meine Eltern dazu, was denkt mein Freund über mich bzw. seine Schwiegereltern?

Meine Mitbewohner wussten zwar, dass ich psychische Probleme hatte, aber wie wird unser Zusammenwohnen sein, wenn ich zurück aus der Klinik bin? Halten mich dann alle für komplett irre und unzurechnungsfähig?

"Es war mir nicht egal, was andere über mich dachten, aber diese Angst war nicht so groß wie mein Leidensdruck, in meiner Komfortzone gefangen zu sein."

Wenn ich zurück in ein etwas normaleres Leben finden wollte, musste ich mich der Herausforderung stellen und meine Angst angehen.

Ich war drei Wochen lang in der Klinik, lernte Anspannungskurven kennen und begann mit Unterstützung der Psychotherapeutin eine Konfrontationstherapie - also genau das, was mir ein paar Wochen vorher der Ratgeber im Internet empfahl: Exposition der Ängste - ich setze mich den angstauslösenden Situationen aus und beobachtete mich und meine körperlichen Empfindungen und Gefühle während dieser Situation.

Konkret sah es so aus, dass die Psychotherapeutin mit mir zusammen erst Straßenbahn, dann Bus und später S- bzw. U-Bahn fuhr. Die Reihenfolge der Verkehrsmittel resultierte aus meiner Angst vor ihnen. Aus welchen Gründen auch immer, doch Straßenbahn fahren fand ich nicht annähernd so schlimm wie die Fahrt mit dem Bus.

Während der Fahrt durfte ich mich nicht setzen, mich nirgends festhalten, nichts trinken/essen und mich auch nicht ablenken (z.B. durch ein Buch oder Handy-Spiele). Meine ganze Konzentration sollte auf meinem Körper und meinen Gefühlen liegen. So stand ich in der Bahn mit einem Zettel und einem Stift bewaffnet und notierte mir, wie hoch meine Anspannung war, wie stark der Schwindel, die Übelkeit und meine anderen Symptome waren.

Die Konfrontationstherapie war nicht ganz ineffektiv, jedoch auch nicht das Hilfreichste. Während der Zeit in der Psychiatrie packte ich meine Lebensgeschichte aus und konnte "einfach" mal erzählen. Eine Reihe von inneren Konflikten kamen zu Tage, die mich belasteten. Diese, so wurde mir empfohlen, sollte ich ambulant angehen, sodass eine Überweisung in eine Tagesklinik erfolgte.

Zu dieser bin ich immer noch unter extrem hoher Anspannung gefahren. Zwischenzeitlich nahm ich zwar auch angstlösende Antidepressiva, die jedoch nur semi-optimal wirkten.

Verhaltenstherapie vs. tiefenpsychologisch fundierter Therapie bei einer Angststörung

Zunächst war ich in einer verhaltenstherapeutisch orientierten Tagesklinik und übte mich mit den anderen Betroffenen in der Konfrontation unserer Ängste. Wir fuhren gemeinsam mit dem Bus, der Bahn oder gingen in überfüllte Kaufhäuser.

Doch meine Angst hielt nach fünf Wochen immer noch an und weder ich, noch das Klinikpersonal sahen eine wesentliche Verbesserung. Auf meine teilweise traumatischen Erfahrungen und inneren Konflikte wurde nicht eingegangen - immerhin fand keine tiefenpsychologisch fundierte Therapie statt.

Somit folgte eine Überweisung zu einer anderen Tagesklinik, die trauma- und tiefenpsychologisch orientiert ist. Und das war der richtige Weg!

Während dieser 8 Wochen in der neuen Tagesklinik fand eine Kombination aus Konfrontation und Ursachensuche statt. Ich fing an, meine Vergangenheit aufzuarbeiten und zudem übte ich mit anderen u.a. das Busfahren.

"Je mehr ich mich mit meiner Vergangenheit und meinen Konflikten auseinandersetze, je mehr ich auspackte und über mich und meine Erfahrungen erzählte, desto mehr fand ich einen Weg zu mir."

Dass ich nach den acht Wochen komplett Panikfrei war, kann ich natürlich nicht sagen, aber ein Stückweit besser war es allemal.

Das Ganze ist nun 5 bzw. 3 Jahre her. Ich habe mich seitdem noch zweimal à acht Wochen der Auseinandersetzung mit mir in einer Tagesklinik gestellt. Ich kann mittlerweile wieder alleine einkaufen gehen und alleine mit den Verkehrsmitteln in der Weltgeschichte umherfahren. Selbst auf einem Konzert mit tausenden von Besuchern war ich vor einigen Wochen.

Mehr zum Thema: Wie sich eine Panikattacke wirklich anfühlt.

Ich bin noch nicht so locker unterwegs, wie andere, wie gesunde Menschen. Aber es ist nicht mehr so schlimm, dass ich die jeweiligen Situationen verlassen muss.

"Nach wie vor habe ich Konflikte mit mir und auch meine Ängste - doch ich bin frei von Panikattacken!"

Meine Konflikte und Ängste, die hauptsächlich aus Verlust- und Trennungsängsten bestehen, sind nach wie vor da, doch denen stelle ich mich in der ambulanten Therapie.

Und das ist jedes Mal für mich eine Herausforderung, da eine Therapiestunde kein Kaffeekränzchen ist. Ich stelle mich dort meinen Gefühlen, die oftmals schwer auszuhalten sind. Doch ist dies mein Weg, zurück ins Leben zu finden.

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In der Therapie betrachte ich mich sozusagen mit einer Lupe, ich reflektiere mich und mein Verhalten - und stelle dieses bzw. mich in Frage. Ich habe erfahren, wovor ich wirklich Angst habe und woher diese herrührt.

Ich kann meine Ängste und Sorgen im Gespräch rauslassen - es ist nicht mehr im tiefsten Inneren meiner Seele vergraben. Und das ist der Punkt, woher die Panikattacken von damals kamen. So viele Konflikte waren in mir vergraben und mir gar nicht bewusst.

Wenn die Seele überlastet ist und wir als Menschen das nicht mitbekommen bzw. darauf nicht hören, dann sucht sie sich halt einen anderen Weg. Während die einen deswegen Magengeschwüre oder Migräne bekommen, bekommen andere wie ich Panikattacken.

Komfortzonen sind bequem - engen und grenzen uns jedoch oftmals ein!

Für mich war die Komfortzone damals, als ich mich in der Wohnung verbarrikadierte, nicht nur positiv besetzt - eher im Gegenteil. Es ging so weit, dass ich mich und mein Leben immer sinnloser und wertloser empfand.

Im Nachhinein bin ich froh und erleichtert, dass ich mich aus dieser Komfortzone gekämpft habe, die damit verbundenen Herausforderungen angenommen, angetreten und ein stückweit auch gemeistert habe. Vor allem bin ich aber froh darüber, dass mein Freund mich in diesen Zeiten bis heute unterstützt (hat)!

Das gibt mir sehr viel Kraft, meine anderen mich einschränkenden Komfortzonen anzugehen und mich den damit verbundenen Herausforderungen zu stellen!

Diese Erfahrung und der Umstand, dass ich nun keine Panikattacken mehr habe, der zeigt mir, dass ich es schaffen kann. Es ist ein langer, schwieriger und steiniger Weg - doch es ist (m)ein Weg zurück ins Leben!

Mehr zum Thema Leben mit Depression, Angst und Borderline erfährst Du auf meinem Blog nora-fieling.de als auch auf meiner Facebook-Seite Depression, Angst, Borderline - Nora Fieling.

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