Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Nora Fieling Headshot

Konflikte als Chance

Veröffentlicht: Aktualisiert:
DEPRESSION KONFLIKTE
GettyImages
Drucken

Wie die meisten Depressiven, verhalte auch ich mich oft sehr angepasst, setze meine Wünsche anderen gegenüber nicht durch und habe Schwierigkeiten damit, "Nein" zu sagen - kurzum: Ich bin konfliktscheu.

Vergangenes Jahr war ich für acht Wochen in der Tagesklinik aufgrund einer erneuten schweren depressiven Episode. Einen Nachmittag saß ich bei der Psychotherapeutin, wusste nicht was ich fühlte, was ich dachte, was ich wollte und fand keinen Sinn in meinem Leben, um weiter leben zu können bzw. zu wollen.

Sie meinte zu mir, dass jeder Mensch wie ein Berg sei, in dessen tiefsten Inneren ein Kristall verborgen ist, der den Sinn, die eigene Aufgabe und Sehnsüchte beinhaltet. Bei mir wäre es so, dass dieser Kristall unter vielen Problemen und Konflikten verschütt gegangen sei. Und erst wenn diese schwere Decke aus Asche abgetragen sei, könne ich zu meinem Innersten, meinen persönlichen Kristall gelangen.

Konflikte mit dem eigenen Ich

Im Verlaufe der weiteren Gespräche zeigte sich, dass in mir viele alte, ungeklärte Konflikte aus meiner Kindheit, Jugend und Gegenwart schlummerten, deren ich mir nicht sonderlich bewusst war. Bewusst in dem Sinne, dass es Konflikte sind.

Allen voran zeigten die Gespräche jedoch auch, dass ich vor allem Konflikte in mir selbst trage, die ich mit mir habe. Ironischerweise oft deshalb, weil ich Konflikten mit anderen und mir aus dem Weg gehe und sie meistens runterschlucke.

Es ist nahezu jedes Mal dasselbe Muster: Jemand sagt oder macht etwas, was mir nicht passt, aber ich sage dazu nichts. Oder aber ich denke „Nein" und sage „Ja". Somit gehe ich zwar einem Konflikt mit meinem Gegenüber aus dem Weg, habe dafür aber mit mir selbst einen.

Allein der Gedanke, jemanden zu sagen, dass mich etwas stört, dass sich was ändern muss oder noch schlimmer, dass er/sie das eigene Verhalten ändern möchte, löst in mir Herzrasen aus und die Gedankenspirale fängst sich an zu drehen:

Wer bin ich, dass ich sagen darf, dass mich ein Verhalten stört? Ich bin nicht soviel wert wie mein Gegenüber, dass ich meine Meinung vertreten darf! Wenn ich sage, was mir nicht passt, dann werde ich abgewertet und weniger gemocht!

Wenn ich sage, dass ich etwas nicht möchte, dann ist mein Gegenüber enttäuscht und sauer. Dann wiederum hat er mich erst Recht weniger lieb, wird sich abwenden und ich bleib alleine. Aber ich wünsche mir doch, dass ich gemocht, akzeptiert und geliebt werde - also sage ich lieber „Ja"!

Jedes "Nein" beinhaltet ein "Ja" (das hat mal irgendjemand schlaues gesagt!)

Ich sage zu meinem Gegenüber also "Ja" obwohl ich "Nein" fühle. In dem Moment sage ich zu mir selbst "Nein" obwohl ich doch eigentlich "Ja" möchte! Das wiederum führt dazu, dass es mir schlecht geht. Und weil ich nicht möchte, dass andere sehen, wenn es mir schlecht geht, spiele ich (fast) allen die lustig-fröhliche Nora vor - schließlich hängen die Leute nicht so gerne mit unlustigen Trauergesellen ab. Damit habe ich einen erneuten Konflikt - mal wieder mit mir, da ich gegen mich handle. Ja, es ist ein Teufelskreis!

Für mich ist meine derzeitige Therapie die Chance, die ganzen Konflikte aufzudecken, wahrzunehmen und zu erkennen. Damit habe ich sie zwar noch nicht gelöst, aber ich kann diese schwarze Asche auf mir etwas klarer sehen, vielleicht sogar etwas differenzieren.

Auch wenn die Konflikte schwer auszuhalten sind und ich diese natürlich nicht wollte, so helfen sie dennoch, mich etwas besser kennenzulernen.

Wenn ich in einer tiefen Depression bin, fühle ich nichts. Da ist einfach nur gähnende Leere - im Kopf und im Herzen. Das Aufdecken meiner Konflikte und das Reden darüber mit meiner Therapeutin, erzeugt Gefühle in mir. Meist sind das erstmal negative Gefühle, wie Trauer und Wut. Oftmals kristallisiert sich dazu aber auch das jeweilige Pendant.

Und das ist gut - im doppelten Sinne! Zum einen, weil ich wieder etwas fühle anstelle der Leere und Taubheit, zum anderen lerne ich mich ein Stück weit mehr kennen. Ich finde auf diese Weise einen Zugang zu mir.

Ich erkenne, was mich ärgert, traurig oder wütend macht und ich nehme wahr, was ich mir wünsche und wonach ich mich sehne! Die ganzen Konflikte und besonders das Angehen derer, führt also dazu, dass ich mich selbst mehr wahrnehme und kennenlerne!

Das Wahrnehmen, Erkennen und Annehmen von Konflikten ist somit eine Chance für einen Weg zu sich selbst.

Ein Weg, sich selbst und seine Bedürfnisse/Wünsche mehr wahrzunehmen, zu erkennen und auch sich selbst mehr anzunehmen.

Es gibt den Satz, dass, wenn man sich selbst nicht liebt, dann kann man auch niemanden anderen lieben. Ich hingegen bin davon überzeugt, dass solange ich mich selbst nicht liebe, ich auch nicht darauf vertrauen kann, dass andere es tun.

Ich weiß, dass ich meinen Freund liebe, doch es fällt mir schwer zu glauben, dass er mich liebt. Das ist schon wieder ein Konflikt in mir, den ich nicht möchte. Schließlich möchte ich mich geliebt fühlen.

Also versuche ich mittels der Therapie die Konflikte in mir anzugehen, sie zu hinterfragen, um mich ein Stück weit näher zu verstehen. Ich nehme Kontakt mit mir auf, lerne mich ein Stück weit neu kennen, finde einen Zugang zu mir. Durch die Therapie versuche ich die Konflikte aufzuarbeiten und zu lösen.

Ich glaube daran, dass ich dann einen Weg zu meinen Bedürfnissen und Wünschen finde, einen Weg zu mir. Dass ich nach der Therapie ... irgendwann ... mit mir mehr im Einklang bin als jetzt. Dass ich mich dann ein wesentliches Stück weit mehr annehmen kann - dass ich mich mag!

Und je mehr ich mich ein Stück mehr annehme, umso mehr kann ich es auch nachvollziehen, dass mein Partner mich so annimmt, wie ich bin.

Das Angehen der Konflikte, die ja so oder so schon da sind und auch andere, die quasi naturgemäß immer mal wieder da sein werden, beinhalten die Chance auf ein sich-besser-kennenlernen, sich-besser-fühlen und somit auch eine Chance, einen Weg aus der Depression zu finden!

Mehr aus meinem Leben mit Depression, Angst und Borderline erfährst Du sowohl auf meinem Blog als auch auf meiner Facebook-Seite Depression, Angst, Borderline - Nora Fieling.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Video:Gesundheit: Diese 4 Fakten über Depression sollten Sie kennen, bevor Sie sich ein Urteil erlauben

Lesenswert: