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Depression: Jammern ist wichtig!

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DEPRESSION
Jamie Grill via Getty Images
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Früher, als Kind, als Jugendliche und junge Erwachsene habe ich viele Probleme für mich behalten. Ich wollte nicht negativ auffallen, nicht jammern und ja keinem zur Last fallen - bis ich mir selbst immer mehr zur Last fiel.

Alles was ich an Gedanken und Gefühlen verdrängte und runterschluckte, verstärkte meine Depressionen. Das ging soweit, dass ich mich über ein paar Jahre hinweg, oft mehrmals am Tag, selbst verletzte. Irgendwie brauchte ich ein Ventil für meinen inneren Schmerz.

Nun hör doch mal auf zu jammern und blick nach vorn!

Welcher Depressive oder anders psychisch Erkrankte hat das noch nie zu hören bekommen? Selbst gesunden Menschen, die ihr Leid mal klagen müssen, wird dieser Satz oft an den Kopf geworfen. Dabei brauchen wir alle doch mal jemanden, der uns zuhört. Jemandem, den wir vertrauen können.

Jemanden sein Leid klagen oder auch Jammern, sind viel zu negativ besetzte Wörter. Dabei bedeutet es nur eins: Wenn ich gegenüber jemandem jammere, dann vertraue ich mich ihm an. Ich erzähle ihm, was mich bedrückt und belastet. Ich lasse ihn teilhaben an meinen Sorgen, Problemen und Nöten. Ich spreche mich aus und befreie mich etwas davon. Und in dem Moment greift der Satz "geteiltes Leid ist halbes Leid".

Wir alle haben zu Beginn unseres Lebens einen Rucksack bekommen. In diesem sammeln sich all unsere Erfahrungen, schöne wie schlimme. Es sind Erinnerungen, die uns ein Leben lang begleiten. Die schönen Erlebnisse, schenken uns Mut, Hoffnung und Kraft, um mit den negativen Erlebnissen umzugehen.

Von der eigenen Last geschwächt

Die schlimmen Erfahrungen sind wie schwere Ziegelsteine in unserem Lebensrucksack. Sie drücken auf den Rücken, ziehen uns herunter, erschweren uns das weitergehen. Und nicht selten kommt es vor, dass ein Mensch von seiner Last so geschwächt ist, dass er nicht mehr weitergehen, weiterleben kann.

Mit anderen in schönen Erinnerungen zu schwelgen ist einfach, es macht Freude und wir spüren den Sonnenschein in unserem Herzen, mit einem Lächeln auf dem Gesicht.

Doch ich brauche auch jemanden, dem ich meine schweren Steine mal zeigen darf. Ich brauche den Raum und die Zeit, diese Steine aus dem tiefsten Innern meines Rucksacks heraus zu graben. Ich muss auch diese negativen Erlebnisse manchmal angucken, darüber sprechen, mich zumindest für einen Moment von diesen erleichtern.

Was viele Jammern nennen ist nichts anderes, als eine Form der Seelenhygiene!

Über viele Jahre habe ich damals eine Mauer um mich herum gebaut, die niemand überschreiten konnte. Eine Mauer, die mich in mir selbst gefangen hielt. Ich war nicht frei. Diese Mauer wurde aus diesen Steinen in meinem Rucksack gebaut, welche ich jahrelang nicht rausholen konnte.

Etwa vor 1,5 Jahren hat es eine Therapeutin in einer Tagesklinik geschafft, mich selbst über meine Mauer zu führen. Stein für Stein konnte ich nach und nach rausholen. Sie lagen förmlich auf dem Boden vor mir und wir betrachteten sie. Das diese, meine, Steine von ihr akzeptiert worden, dass sie mir auch bestätigte, dass das wahrlich sehr schwere Brocken sind, hat mir geholfen, diese für mich anzunehmen anstatt sie nur wegzustoßen und zu verdrängen.

Selbsthass, Depression, Angst

Wie oft habe ich gedacht, dass das, was ich erlebte, doch alles nicht so schlimm sei. Das ich mich zusammenreißen und doch mal "normal" werden müsste. Dass ich doch nicht so sensibel sein und mich glücklich schätzen sollte für das, was ich habe. So viele sagten, ich müsse von meinen Problemen loslassen, die Ärmel hochkrempeln und nach vorne schauen.

Doch woher weiß ich, wogegen ich zu kämpfen habe, wenn ich nicht in mich hinein höre um zu erfahren, was mich da eigentlich in meinem Leben so hindert? Zudem ist dieses Loslassen und Verdrängen nicht das gleiche. Durch das Verdrängen entstanden neue Steine - Selbsthass, Suizidgedanken, Selbstverletzung, Depression und Angst.

Ich kann Dinge nicht loslassen, wenn sie tief in meinem Rucksack verdrängt sind. Ich kann Dinge nur loslassen, die ich mal in meinen Händen hielt, aus der Hand geben und woanders hinlegen konnte.

Und da kommt meine Therapie ins Spiel - in der wöchentlichen Stunde bei meiner Therapeutin packe ich Stein für Stein aus. Wir betrachten ihn gemeinsam und sehen uns an, was er durch seine Schwere für Wunden in mir hinterlassen hat. Durch das Jammern befreie ich mich, wenn auch oft erstmal nur kurzfristig, von einer Last, die mich bedrückt.

Das Jammern hilft mir, mich, meinen Körper und Geist, etwas zu entspannen, dadurch, dass ich mir etwas von der Seele geredet habe. Und wir überlegen lösungsorientiert, wie ich es schaffe, diesen Stein an einen Platz in meinen Rucksack zu packen, wo er nicht mehr so sehr auf mich drückt.

Sehr oft packe ich meinen Stein am Ende der Stunde wieder in meinen Rucksack - das Loslassen von Steinen ist ein sehr langer und schmerzhafter Prozess, da man Erinnerungen und Wunden auf seiner Seele nicht mal eben loslassen und vergessen kann.

Doch es geht auch nicht ums Vergessen, sondern darum, die Steine anders zu ordnen, so dass sie einen durch ihre Schwere nicht so sehr erdrücken. Immerhin sind meine Steine, meine Erlebnisse und Erfahrungen, ein Teil von mir und meinem Leben.

Ferne Zukunftsmusik

Johann-Wolfgang von Goethe sagte einmal: "Mit Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man was Schönes bauen!" Und genau das mache ich in der Therapie. Aus schweren Erlebnissen etwas schönes zu bauen, ist für mich derzeit noch ziemlich schwer vorstellbar, doch ich glaube daran, dass mich meine Steine auch stärken können. Insofern ist dies etwas schönes ... wenn auch noch etwas ferne Zukunftsmusik.

Es gibt auch Steine, die sehr tief vergraben sind. Es dauert einige Stunden, ehe wir uns soweit durch den Rucksack gebuddelt haben, ehe wir auf den ein oder anderen stießen. Verdeckt war er durch andere Steine. Und oftmals sind es besonders die verdeckten, verdrängten Steine, die besonders spitz und schmerzhaft sind.

Ich möchte sie raus aus meinem Rucksack haben - doch dafür muss ich sie anfassen, sie mit meinen Händen aus meinem Rucksack holen und mich ihnen stellen.

Wenn ich also meine Problemsteine raushole, sie jemand anderem zeige und über sie spreche ... dann ist das jammern ... oder halt ein immenser Vertrauensbeweis an mein Gegenüber!

Jammern ist etwas total wichtiges in der Depression als auch in anderen Krisen

Durch das Jammern erzähle ich, was mich stört. Das mich etwas stört zeigt, dass ich etwas fühle. Und das ich etwas fühle, ist ein kleiner Schritt raus aus der Depression. In der Depression selbst fühle ich so oft nichts außer einer immensen Leere, insofern ist es für mich ein Fortschritt, wenn ich etwas in mir spüre, auch wenn es ein eher negativ-behaftetes Gefühl wie Trauer oder Wut ist.

In dem Moment, wo ich in mir gefangen bin, mich vielleicht kaum regen kann und mich zu nichts aufraffen kann, ist es für mich ein Lichtblick, wenn ich jammere - denn dadurch kommt raus, was mich in mir so bremst. Also jammere ich in der Therapie, muss es sogar, ehe meine Therapeutin und ich uns nach Lösungen umschauen können.

Ähnlich beschreibt es die Mediatorin Christina Wenz in ihrem Beitrag "Jammerfreie Zone? Ich bin dabei, aber ... Vom Jammern und von Bedürfnissen":

"Das Jammern hilft mir dabei zu erspüren, was die Bedürfnisse der Beteiligten sind, was das Problem ist, dass hinter dem ganzen Konflikt steckt. Nur wenn wir das gemeinsam herausgefunden haben, können wir eine Lösung finden, die diese Bedürfnisse auch berücksichtigt - Eine Lösung mit der die Beteiligten dann auch dauerhaft zufrieden sind."

Würden wir Menschen also nicht jammern, kämen all unsere Bedürfnisse und Wünsche gar nicht zu Tage. Na klar erzählt man beim Jammern nur negatives und sicher ist es nicht einfach für den Zuhörer (für den Betroffenen auch nicht!), doch um es noch einmal mit Christina Wenz ihren Worten zu sagen: "Das Jammern, Leidklagen, Meckern usw. ist also ganz wichtig auf dem Weg zu einer Lösung, die zufrieden und glücklich macht - mit der man entspannt leben kann."

Ein bisschen Selbstmitleid ist ok

Also, ne Runde jammern und ein bisschen Selbstmitleid mit mir selbst zu haben, ist völlig okay und vor allem wichtig. Mitgefühl für mich selbst zu entwickeln, mir vielleicht auch sagen zu können, dass es voll oll ist, was mit mir ist und was ich habe - dies hilft mir, die Krankheit anzunehmen, zu akzeptieren, denn auch ich darf mir mal leid tun! Damit reiche ich mir selber die Hand, lerne, mich etwas mehr anzunehmen - eben so wie ich bin.

Jammern - das ist ein Weg, um von dem "ich reiße mich zusammen" wegzukommen!

Zielführend ist das Jammern besonders, wenn ich damit eine Art Bestandsaufnahme meiner Probleme machen kann. Wenn die Zeit und ich soweit sind, dann richte ich den Blick darauf, welche Lösungswege ich angehen kann.

Hilfreich sind für mich dann vor allem meine Freunde und meine Therapeutin, die mich jammern lassen. Die mich in dem Moment so sein lassen, wie ich bin und die mir bedingungslos zuhören. Genauso wichtig ist es für mich, dass diese Menschen mir dadurch helfen, die dahinterliegenden Bedürfnisse und Lösungswege aufzudecken! Denn das ist wieder Sinn einer Therapie - dass ich die Lösungen in mir selbst finde, sobald ich dazu bereit sind.

Lösungen und Genesung - das braucht Zeit und keinen Druck. Also, nehme ich mir die Zeit zu jammern und lerne mich dadurch stückweise näher kennen. Und irgendwann werde ich soweit sein, dass ich nicht nur mich, sondern auch meine Steine mehr akzeptiere und für diese einen Platz in meinem Rucksack finde, an welchem sie nicht mehr so dolle drücken.

Mehr aus meinem Leben mit Depression, Angst und Borderline erfährst Du auf meinem Blog nora-fieling.de als auch auf meiner Facebook-Seite Depression, Angst, Borderline - Nora Fieling.

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