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Borderline, Beziehung & ich

Veröffentlicht: Aktualisiert:
SAD WOMAN MAN
Noel Hendrickson via Getty Images
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Betroffenen von Borderline wird öfter nachgesagt, sie seien so gut wie gar nicht beziehungsfähig. Sie, die Borderliner, wären nicht nur in ihren Emotionen instabil, sondern auch in ihren Beziehungen, welche zwar sehr intensiv, aber nur von kurzer Dauer sind. Wohlgemerkt, dass ist ein Kriterium bei der Diagnose von Borderline, die bestehen kann, jedoch nicht muss!

Einige Freunde in meinem Umfeld, die auch eine emotional-instabile Persönlichkeitsstörung Typ Borderline diagnostiziert bekommen haben, leiden wirklich unter diesem Beziehungsmuster - falls man das "Beziehungsmuster" nennen kann. Sie halten oftmals die Nähe ihres Partners nicht aus, beenden Hals über Kopf die Beziehung und tauchen für ein paar Tage oder Wochen unter.

Ich war oftmals erleichtert, dass das ein Symptom von Borderline ist, mit dem ich nicht zu kämpfen habe und dass ich eine gute Beziehung führen kann. Dachte ich zumindest - immerhin habe ich noch nie impulsiv Schluss gemacht, oder bin einfach abgehauen.

Bei mir ist das ein wenig anders, jedoch für meinen Partner und mich nicht weniger schwer!

Wie viele andere Borderliner, Depressive oder Ängstler habe auch ich große Verlustängste. Im Großen und Ganzen betreffen diese hauptsächlich meine Haustiere. Manchmal jedoch auch meinen Partner.

Ich habe Angst, dass ihm das mit mir alles zuviel wird, er die Koffer packt und sich eine pflegeleichtere Frau sucht! Hierfür gibt es von außen betrachtet, und vor allem der Meinung meines Partners nach, keinen Grund. Meiner Angst ist die Abwesenheit von Gründen egal - sie ist da!

Das paradoxe ist, dass ich trotz all dieser Befürchtungen ihm manchmal "vorschlage", sich von mir zu trennen. Obwohl ich das natürlich nicht möchte!

Obendrauf knalle ich ihm das nicht während eines Streites an den Kopf, wenn ich total wütend auf ihn bin! Auch nicht, wenn es mir mal super geht. Nein, ich sage das dann, wenn es mir richtig oll geht und ich emotional am Boden bin.

Auch wenn es unlogisch erscheint - für mich ist mein Verhalten total nachvollziehbar

Ich kann mir nicht vorstellen, dass es jemand mit mir aushält, wo ich es doch in dem Moment selber nicht mit mir aushalte. Wenn mir alles mit mir zuviel wird, wie kann es anderen, also ihm, nicht zuviel werden? Wenn ich mich selbst nicht liebe, so fällt es mir verdammt schwer zu glauben, dass er das tut.

Darüber hinaus weiß ich aus eigener Erfahrung wie es ist, wenn einem belastende Gespräche zuviel werden, man aber nicht "Stopp" sagt.

Über ein paar Jahre hinweg war ich in dieser Situation gefangen, dass sich bei mir ausgeweint wurde. Ich fühlte mich hilflos und grenzenlos überfordert mit all den Sorgen, Problemen und Suizid-Gedanken des anderen.

Ich habe geduldig zugehört, verständnisvoll getröstet und versucht zu helfen - dabei habe ich viel zu spät verstanden, dass dies zu viel für mich ist und dass mich diese Gespräche von innen auffressen. Zumal ich meinem Gegenüber in seiner Hoffnungslosigkeit überhaupt nicht helfen konnte.

Der wesentliche Unterschied zwischen meiner Situation von damals und der jetzigen meines Freundes ist der, dass ich damals ein Kind beziehungsweise später Teenager war und er heute ein erwachsener Mann ist!

Ich habe damals eine Aufgabe, eine gefühlte Verantwortung erst für meinen Vater, später für meine Mutter übernommen beziehungsweise mir aufzwängen lassen, die zu groß für mich war - die für jedes kleine Kind oder jeden stimmungsschwankenden Jugendlichen zu groß gewesen wäre!

Und diese Erfahrung beeinflusst mein heutiges Handeln immer noch

Ich möchte keinem zur Last fallen, nicht einen mit meinen Problemen überfordern, niemanden so behandeln, wie ich behandelt wurde. Ich möchte keinen kaputt machen, so wie ich damals ein Stück kaputt gemacht wurde.

Nun bin ich zwar erwachsen, komme aber nicht aus dem Verantwortung-für-andere-Gefühl heraus. (Zumindest jetzt noch nicht!)

Im Gespräch mit meiner Therapeutin habe ich zwar kognitiv verstanden, dass ich nicht für die Gefühle anderer verantwortlich bin - aber bei meinem Gefühl ist es noch nicht angekommen.

Vom Kopf her weiß ich, dass mein Freund für sich sprechen kann, für sich verantwortlich ist und "Stopp" sagen kann - doch ein Gefühl in mir sagt trocken "Nöö, glaub ick Dir nich!"

Und so nerve ich ihn ziemlich oft mit meiner Frage, ob ihm das, was ich gerade so über mich erzähle zuviel ist beziehungsweise ob ich ihn damit nerve. Die Frage an sich nervt ihn, weil ich ihn das schon 100.000 mal gefragt habe - mein Reden über mich nervt ihn jedoch gar nicht. Im Gegenteil, er wünscht sich, dass ich mit ihm rede.

Ich rede auch gerne mit ihm, doch ist diese Fragerei zwischendurch wie ein Zwang - ich kenne die Antwort, meine Frage ist relativ sinnlos, doch wenn ich nicht frage, ob es ihn nervt, macht mich das so unruhig, dass ich die halbe Nacht wachliege. Also frage ich!

Für mich ist das total logisch: Ich rückversichere mich, dass es ihm nicht zuviel wird, weil ich mir wünschte, dass meine Eltern früher mehr Rücksicht auf mich genommen hätten. Ich möchte ihn vor einer Überforderung durch meine Probleme beschützen, weil ich mir wünschte, meine Eltern hätten mich besser geschützt.

Ich behandele ihn so, wie ich mir wünschte, dass meine Eltern mich behandelt hätten

Was ich hierbei außer Acht lasse, ist wieder der Umstand, dass er ein erwachsener Mann ist, der für sich selbst reden kann!

Dass Fass meiner Sorge um ihn läuft halt manchmal über. Dann, wenn ich an einem totalen Tiefpunkt bin, mitten in einer Depression, und sehe, wie schlecht es ihm geht, dadurch, dass es mir schlecht geht. Die Angst um ihn und seine psychische Verfassung überrollt mich. Angst, dass ich ihn mit meinen Problemen kaputt mache!

Dann ist nicht der Zwang da zu fragen, ob ich ihn nerve oder ihn das Ganze belastet - dass ich ihn belaste sehe ich ja - sondern dann ist da der Drang, ihm eine Trennung vorzuschlagen. Nicht, weil ich das möchte, sonder weil ich der Überzeugung bin, dass es ihm ohne mich viel besser geht.

Dass ich in dem Moment voll der Arsch bin und ihn mit meinem "Vorschlag" verletze, lasse ich außen vor. Dass kommt mir erst hinterher in den Sinn, wenn sich bei mir alles etwas beruhigt hat.

Dieses ganze Zickzack in meinem Kopf und meinen Gefühlen mündet irgendwie mal wieder in meinem Hauptthema "Abgrenzung". Nur in diesem Beziehungsfall nicht in dem Sinne, dass ich anderen keine Grenzen setze, sondern darin, dass ich aufgrund meiner eigenen Erfahrung meinem Partner nicht zutraue, auf seine Grenzen achtgeben zu können.

Was das jetzt alles über meine Beziehungsfähigkeit aussagt, weiß ich allerdings auch noch nicht so genau ...

Mehr aus dem Leben mit Depression, Angst und Borderline erfährst Du auf meinem Blog nora-fieling.de als auch meiner Facebookseite Depression, Angst, Borderline - Nora Fieling

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