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„Herr der Ringe" vs. „Game of Thrones" - der ultimative Vergleich

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Sie haben gemeinsam nicht nur mehr Initialen als alle anderen Fantasy-Autoren zusammen, J. R. R. Tolkien und G. R. R. Martin haben beide auch Millionen treuer Fans, die Stein und Bein schwören, dass ihr jeweiliger Favorit der bessere von beiden ist. Ich bin Fan beider großartiger Autoren, glaube jedoch, dass Mittelerde noch lange als Paradebeispiel für Fantasy (und Literatur im Allgemeinen) genannt werden wird, wenn Westeros längst untergegangen ist (bitte sagt das dem Typ nicht, der ganz King's Landing aus Minecraft-Blöcken gebaut hat). Zu Ehren von Tolkiens 122. Geburtstag habe ich einen Vergleich der fantastischen Schöpfungen „Herr der Ringe" und „Game of Thrones" (oder auch LOTR und GOT) von J. R. R. und G. R. R. angestellt, alles IMHO natürlich...

Die Drachen: Smaug vs. Daenerys Babydrachen

Es ist nicht zu leugnen, dass die frischgeschlüpften Babydrachen super süß sind, aber Smaug gehört einfach zu den schrecklichsten Monstern der gesamten Literaturgeschichte. Er ist hinterhältig und schlau und könnte das geflügelte Trio der Khaleesi wie Ü-Eier zerquetschen. Doch selbst er ist nur ein Halbstarker im Vergleich zu dem fürchterlichen Monster, das ihm im Silmarillion vorausging: der magiebegabte und bösartige Glaurung. Er war der General einer Orkarmee, verfügte über Feueratem und konnte andere mit Vergessensflüchen belegen. Das ist mal ein richtiger Drache!

Punkt geht an: J. R. R. Tolkien

Witze über kleine Leute: Hobbit-Humor vs. Tyrion Lannisters Witz

Wie soll ich das nur sagen? Die Hobbits aus Tolkiens Büchern sind nicht so witzig, wie wir es gerne glauben wollen. Klar, sie sind sympathisch, verspielt und klug, aber ich möchte den Tolkien-Fan sehen, der ein geistreiches Zitat von einem Hobbit vorbringen kann, das nicht mit Gartenarbeit oder Pfeifenkraut zutun hat. Tyrion Lannister ist da ein ganz anderes Kaliber. Er ist geistreich, dreist und verfügt über so viel Galgenhumor, dass er für ein ganzes, wenn auch dünnes, Buch mit dem Titel „The Wit and Wisdom of Tyrion Lannister" ausreicht. Ich würde trotzdem lieber eine Kneipentour mit Merry und Pippin durch die Pubs des Auenlandes machen - Tyrion würde doch nur dafür sorgen, dass ich in eine Schlägerei verwickelt werde und mit einem Messer im Bauch ende.

Punkt geht an: G. R. R. Martin

Der doppelte Bean: Boromir vs. Ned Stark

Sean Bean stellt die offensichtlichste Verbindung zwischen den filmischen Adaptionen von Tolkiens und Martins Werken dar. Seine Verkörperung des Boromir in Peter Jacksons „Herr der Ringe" verlieh dem tapferen und doch zwiegespaltenen Charakter die nötige Tiefe. Und sein tapferer und doch zwiegespaltener Ned Stark ist unter Serienjunkies zu einem Kultcharakter avanciert, obwohl er genauso aussah wie Boromir, nur in einem dickeren, felligeren Umhang. Das Internet beschäftigt sich seitdem mit der Frage: Wie lange wird es in diesem oder jenem Film dauern bis Sean Beans Charakter stirbt? Meiner Meinung nach immer zu früh, denn ich würde gerne viel mehr von seinen tapferen, doch zwiegespaltenen Charakteren sehen. Ach ja, ich kann mich nicht zwischen Boromir und Ned Stark entscheiden, weil sie beinahe identisch sind.

Punkt geht an: Gleichstand!

Zum Ende kommen oder nicht: Eine Geschichte mit Ende vs. Eine unendliche Geschichte

Game of Thrones ist auf sieben Bücher ausgelegt. Ich bin jedoch nicht sicher, dass es am Ende zu einer befriedigenden Auflösung aller Handlungsstränge kommen wird. Vielleicht bin ich altmodisch, doch Herr der Ringe ist gerade aufgrund der relativ kurzen Zeitspanne in der die Handlung spielt und dem passenden Ende (das auch noch ein Happy End ist) ein Klassiker geworden. Tolkien lebte nach der Veröffentlichung von LOTR lange genug, um mit dem Gedanken zu spielen eine Fortsetzung zu schreiben. Diese hätte in Minas Tirith gespielt, wo es nach den glorreichen Tagen der Herrschaft von König Elessar (also Aragorn) bergab ging und in dem Rebellen und Satansanbeter ein- und ausgingen. Im Endeffekt fand er diesen Gedanken aber zu deprimierend und unheimlich - erinnert mich an GOT...

Punkt geht an: J. R. R. Tolkien

Liebe und Lust: Viktorianische Sittsamkeit vs. Masters and Johnson

Sehen wir der Wahrheit ins Gesicht: Tolkien war das Produkt der viktorianischen Zeit. In der erotischsten Szene im LOTR wird Éowyn auf den Stufen der Häuser der Heilung von Faramir keusch auf die Stirn geküsst (und das ist keine Umschreibung für etwas Schmutzigeres). Arwen und Aragorn können auf die längste Verlobung der Literaturgeschichte zurückblicken: er verliebt sich mit 20 in sie und heiratet sie 67 (in Worten: siebenundsechzig!) Jahre später. Martin hingegen scheut nicht vor den unterschiedlichsten Facetten der menschlichen Sexualität zurück: Inzest, ungezügelte Leidenschaft, Homosexualität, Prostitution, Zwergen-Sutra, Eunuchen und es gibt sogar Sex zwischen Targaryens und Dothrakis! Rein auf den Lust-Faktor bezogen, gewinnt GOT mit Abstand. Werden Beispiele für ewige Liebe gesucht, ist eindeutig Tolkien der Gewinner. (Außerdem kann man GOT nicht seinen Kindern vorlesen.)

Punkt geht an: Gleichstand!

Herr der Karten: Mittelerde vs. Westeros

Tolkiens Beschreibungen der Landschaft von Mittelerde sind so detailreich, dass ein Leser, würde er durch ein magisches Tor ins Auenland treten, ohne Probleme den Weg nach Bruchtal finden könnte - ganz ohne Karte, denn er könnte einfach den Orientierungspunkten folgen - oder der riesigen Straße, die genau dorthin führt. Auch Martins Welt verfügt über eine detaillierte Topografie, aber viele ihrer Eigenschaften erscheinen einfach zu cool oder effektheischend. Ich denke da an eine 100 Wegstunden lange und 700 Fuß hohe Mauer aus massivem Eis, welche Eiskreaturen von den südlicheren Ländern fernhalten soll. Gucken die Weißen Wanderer sich nicht diese Wand aus Schnee an und denken: „Hey, guckt mal - eine Eiswand! Wir lieben Eis!" und klettern dann einfach darüber? Wenn ich schon dabei bin: Sollten die Männer der Nachtwache nicht besser weiß anstatt schwarz tragen? Lieber Lord-Kommandant, schon mal was von Tarnung gehört?

Punkt geht an: J. R. R. Tolkien

Fantastische Frauen: Tolkiens Damen vs. Martins Frauen

Sowohl LOTR als auch GOT sind gut mit Damen ausgestattet: Frau Galadriel, Lady Catelyn, Frau Éowyn, Lady Jeyne, Frau Arwen und wie sie nicht alle heißen. In Tolkiens Geschichten dominieren jedoch die Männer das Geschehen und die Frauen haben, mit Ausnahme der Schildmaid Éowyn, nur am Rande der Geschichte Platz. In Martins Welt hingegen sind die Frauen völlig gleichberechtigt an der Handlung beteiligt. Sie sind genauso heldenhaft, durchtrieben, machthungrig, skrupellos, visionär und faszinierend wie ihre männlichen Pendants. Selbst kleine Mädchen wie Arya Stark sind voll ausgearbeitete Charaktere. „Der Hobbit" ist übrigens einer der wenigen Klassiker, in denen kein einziger weiblicher Charakter (weder humanoid noch tierisch) vorkommt. Hätte Peter Jackson sich für den Film nicht einen besseren weiblichen Charakter ausdenken können als Tauriel, eine Zwerge anschmachtende Elbin? Er wäre besser beraten gewesen, Martin hierfür zu Rate zu ziehen.

Punkt geht an: G. R. R. Martin

Ilúvatar sei Dank: Mythopoesie vs. Mythologie für Anfänger

Die Erschaffung von Mythen wird Mythopoesie genannt und Tolkien war ein außerordentlicher Mythenschöpfer. Sein posthum veröffentlichtes Silmarillion beschreibt die Ursprünge seiner Fantasiewelt in allen brillanten Einzelheiten, beginnend mit der grauen Vorzeit als Mittelerde vom Gott Ilúvatar und seinen Ainur singend erschaffen wurde. Danach werden Tausende von Jahren der Geschichte behandelt, bis zu dem Zeitpunkt an dem der „Hobbit" einsetzt. Wer war Sauron? Woher kamen die Orks? Wer waren Galadriels Vorfahren? Wann wurde Minas Tirith gegründet? All diese Fragen werden beantwortet - entweder im Silmarillion, den Nachrichten aus Mittelerde, dem LOTR oder seinen Anhängen. Ebenso gibt es Erklärungen für nahezu jede Person, jeden Ort und jedes Ding in Tolkiens Geschichten. Die Geschichte von Westeros hingegen wird nur oberflächlich angekratzt und Martins Welt fühlt sich daher nicht wie ein wirklicher Ort an, sondern wie eine seltsame alternative Realität des mittelalterlichen Englands mit Zombies und Babydrachen. Wird Westeros wirklich so viel fremdartiger dadurch, dass die hohen Herren mit „Ser" statt „Sir" angeredet werden? Und was ist eigentlich mit diesen Weißen Wanderern? Woher kommen sie? Und wodurch wurde die Lange Nacht verursacht? Mir deucht Ser Martin hat dies alles bloß erdacht!

Punkt geht an: J. R. R. Tolkien

Das Böse mit den tausend Gesichtern: Hoffnung vs. Nihilismus

Im Endeffekt läuft alles darauf hinaus, welche Art Geschichte vorgezogen wird. Martin wird als einer der grausamsten Autoren der Geschichte bezeichnet, der ein gerissener Ränkeschmieder ist und mit den Gefühlen seiner armen Leser spielt. Noch nie zuvor sind so viele Lieblingscharaktere dem Sensenmann zum Opfer gefallen oder wurden so brutal gefoltert. In GOT sind so wenige von den Guten über, dass man tatsächlich anfängt zu den Lieblingsbösewichten zu halten (an dieser Stelle möchte ich auf Jaime Lannister verweisen). Martin schlachtet Lady Catelyn ab und die bedauernswerte Kreatur darf nicht einmal ihre Totenruhe genießen. Stattdessen ersteht sie als widerwärtige, wandelnde Leiche auf, die erbarmungslos tötet. Tolkien weist hier größeres Mitleid mit seinen Charakteren und Lesern auf. Seine Helden erleiden große Qualen während ihrer Abenteuer auf dem Weg den Einen Ring zu zerstören, doch am Ende haben sie zwar die Hölle durchgemacht, sind daran aber gewachsen. Außerdem hatte Tolkien wenn er einen geliebten Charakter tötete - wie Gandalf in den Minen von Moria - wenigstens den Anstand, ihn im nächsten Buch ordentlich wiederauferstehen zu lassen.

Punkt geht an: J. R. R. Tolkien

Gesamtpunktzahl: J. R. R. Tolkien (5) G. R. R. Martin (2) Gleichstand (2)

Der Herr dieses Spiels ist John Ronald Reuel Tolkien!

Übersetzt aus der Huffington Post USA. Hier geht's zum Original.

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