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Brexit-Votum: Wie ein Chaos an den Märkten verhindert werden soll

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BREXIT
Bloomberg via Getty Images
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Heute ist der große Tag. Großbritannien stimmt über den Verbleib in der EU ab. Nach ihrem Kaufverhalten in den vergangenen Tagen zu urteilen, sind die Händler, Banker und Makler alle ziemlich nervös.

Während es in der vergangenen Woche einen heftigen Abverkauf gab, kauften die Investoren in den letzten Tagen vor dem Referendum stark zurück. Um ganze 800 Punkte ging der FTSE 100, der führende Londoner Aktienindex, runter und wieder hoch, ein Zeichen für die hohe Volatilität an den Märkten.

Milliarden sind seit Beginn des Wahlkampfes aus britischen Fonds abgezogen worden. Banken, vor allem Barclays, aber auch andere Branchen gelten als besonders gefährdet, sollte es ein Brexit-Votum geben.

Absturz des Pfund Sterling vorhergesagt

Für einige Händler waren die Verluste der vergangenen Wochen ein Vorzeichen dessen, was ihnen im Falle des Leave-Votums bevorstehen könnte. Obwohl die Umfragen das Austritts-Lager inzwischen nicht mehr so deutlich vorne sehen und die Buchmacher einen Sieg der Verbleib-Befürworter erwarten, sorgen sich viele Entscheidungsträger in der City of London, dem führenden Finanzplatz Europas, vor den Folgen einer bösen Überraschung.

Finanzexperten sagen im Falle eines Brexit-Votums einen Absturz des Pfund Sterling um zehn, manche gar um zwanzig Prozent voraus, eine Abwärtsbewegung, die auch den Euro in Mitleidenschaft ziehen könnte. Britische als auch kontinentaleuropäische Aktien werden ebenfalls, so die Prognose, um etwa zwanzig Prozent einbrechen, sollten die Briten für einen Austritt aus der EU stimmen.

Die Bank of England hat die britische Bankenindustrie bereits zwei Mal mit zusätzlicher Liquidität versorgt, am 28. Juni gibt es nochmal einen Nachschlag. Zentralbankchef Mark Carney, ein Kanadier, soll den Berichten nach willens sein, die Leitzinsen vom historischen Tiefstand von 0,5 Prozent weiter zu senken.

Darüber hinaus könnte die Bank of England die derzeitigen Anleihekäufe ankurbeln und sich mit anderen Zentralbanken abstimmen, um etwaige Schäden für das Finanzsystem abzuwenden. Erst am Dienstag hatte sich der Vorstand der EZB getroffen, um die möglichen Folgen des Referendums durchzuspielen.

Notfallpläne sind erarbeitet

Dank einer Reihe von so genannten Swap-Lines, mit denen sich die Zentralbanken untereinander mit Devisen versorgen können, glauben sich die Verantwortlichen gut vorbereitet. Ähnliches ist bei der European Banking Authority zu hören, der Behörde, die in London für die europäische Bankenaufsicht zuständig ist.

Wie mir Vorstand Andrea Enria im Interview für die WELT am Sonntag erklärte, haben die Regulierungsbehörden sicher gestellt, dass Europas Banken für das Schlimmste gewappnet sind. Je nachdem, wie schwer sie von einem möglichen Brexit-Votum getroffen wären, haben sie sich abgesichert, risikoreiche Anlagen verkauft und Notfallpläne erarbeitet.

Einigen gehen diese Vorsichtsmaßnahmen jedoch nicht genug. George Soros, der Investor, der 1992 erfolgreich gegen das Pfund Sterling wettete, warnte Anfang der Woche vor einem „Schwarzen Freitag", sollten die Briten für den Austritt stimmen.

Anders als 1992, als Großbritannien aus dem Europäischen Wechselkursmechanismus aussteigen musste, gibt es heute nicht viel Spielraum für eine Senkung der Leitzinsen. Wenn die Bank of England nicht wie die EZB anfangen will, mit negativen Leitzinsen zu experimentieren, hat sie nicht viele Möglichkeiten, schließlich liegt die „base rate" seit Jahren bei 0,5 Prozent.

Der Durchschnittsbürger würde ärmer

An dem Punkt wären nicht mehr nur länger Aktien und der Devisenhandel betroffen. Auch der Durchschnittsbürger würde aufgrund der Abwertung des Pfundes automatisch ärmer. „Viel zu viele glauben, dass ein Austritts-Votum keinen Effekt auf ihre persönliche finanzielle Situation hätte", sagte Soros. „Das ist Wunschdenken.

Sollte Großbritannien die EU verlassen, würde das jeden Haushalt betreffen: Der Wert des Pfundes würde deutlich zurückgehen. Ein Votum für den Austritt aus der EU würde daneben sofort dramatische Folgen für die Finanzmärkte, Investitionen, Preise und Jobs haben", sagte Soros.

Erwartet uns also am Freitag das kalte Grauen? Die ersten Ergebnisse sollen um drei Uhr morgens britischer Zeit vorliegen. Das könnte der Zeitpunkt sein, wenn das Chaos beginnt, an den asiatischen Börsen. Für die WELT am Sonntag werde ich mir das genauer anschauen: Am Freitag begleite ich einen Händler in der City of London und schaue mir an, wie er auf das Ergebnis reagiert. Mal sehen, wer von uns beiden nervöser ist.

Nina Trentmann ist seit 2013 Wirtschaftskorrespondentin der WELT N24-Gruppe in London. Weitere Informationen über ihre Arbeit sind unter ninatrentmann.de und bei Twitter unter @Nina_Trentmann zu finden.

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Mehr zum Thema Brexit findet ihr hier.

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