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Warum es beim britischen EU-Referendum nicht um die Wirtschaft geht

Veröffentlicht: Aktualisiert:
BREXIT
Neil Hall / Reuters
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  • Beide Lager argumentieren in der Brexit-Debatte vorwiegend wirtschaftlich
  • F√ľr die britischen B√ľrger geht es am Donnerstag aber vor allem um ein anderes Thema: Zuwanderung
  • Nina Trentmann berichtet aus London

No, it's not the economy, stupid! Auch wenn es Premier David Cameron, Finanzminister George Osborne und viele internationale √Ėkonomen gerne h√§tten: Beim EU-Referendum am Donnerstag geht es den Briten nicht um die Wirtschaft.

Es geht, viel banaler, um Zuwanderung und die Frage, ob das Vereinigte Königreich seit langem viel zu viel davon hat, vor allem zu viel aus osteuropäischen Ländern wie Polen, der Slowakei und Ungarn.

Cameron machte ein fatales Versprechen

2010, nach dem Amtsantritt der konservativ-liberalen Koalition, hatte Premier Cameron versprochen, die Netto-Zuwanderung nach Großbritannien auf wenige Zehntausend pro Jahr zu reduzieren, ein fatales Versprechen.

Wie aktuelle Zahlen des Nationalen Statistik-Amtes ONS zeigen, ist ihm dies nicht gelungen. 2015 kamen 333.000 Menschen neu auf die Insel, der zweith√∂chste Wert seit Beginn der Aufzeichnungen. 184.000 davon sind Europ√§er, die dank des Rechts auf Arbeitnehmerfreiz√ľgigkeit nach Gro√übritannien zogen.

Brexit-Bef√ľrworter wollen Verringerung der Zuwanderung

F√ľr die Bef√ľrworter des Brexit sind Zahlen wie diese ein gefundenes Fressen. Sowohl Londons Ex-B√ľrgermeister Boris Johnson als auch Michael Gove, bis 2014 Bildungsminister, fordern eine Verringerung der Zuwanderung nach Gro√übritannien. Das, so argumentieren beide, erlaube es dem Land, in Zukunft nur noch hochqualifizierte, hochbezahlte Ausl√§nder reinzulassen.

√Ėkonomen lassen sich davon jedoch nicht beeindrucken. "Mit dem aktuellen System bekommt Gro√übritannien in den meisten F√§llen die Zuwanderer, die es braucht", hei√üt es in einer aktuellen Studie der Berenberg Bank in London.

Experten widerlegen Argumente

Ein an das australische Punkte-System angelehntes Modell dagegen sei auf die Intervention der Regierung oder die einer anderen zentralen Stelle angewiesen, um Arbeitskräftemangel zu erkennen und ausländische Arbeitnehmer passend zuzuteilen - und das auf eine bessere Art und Weise als das bisherige, marktbasierte System.

"Es macht wenig Sinn, ein Regierungsversagen zu riskieren, wenn es kein Marktversagen gibt", schlussfolgern die Analysten der Berenberg Bank.

Johnson und Gove behaupten dennoch, hier ein Problem erkannt zu haben. Oberflächlich betrachtet, könnte man argumentieren, dass viele Europäer in Großbritannien in schlecht bezahlten Jobs mit niedrigem Anforderungsprofil landen.

Viele Betriebe brauchen Arbeitskräfte

Wie das Migration Observatory, ein Forschungsinstitut der Universit√§t Oxford, herausgefunden hat, w√ľrde eine gro√üe Mehrheit der derzeit in Gro√übritannien arbeitenden Europ√§er die Anforderungen des so genannten Tier Zwei-Visums nicht erf√ľllen, m√ľssten sie sich f√ľr eine Arbeitsgenehmigung bewerben. F√ľr das Visum braucht es unter anderem einen Hochschulabschluss als auch ein Jahresgehalt von mindestens 20.000 Pfund.

Das √ľberrascht jedoch nicht, wenn man sich anschaut, in welchen Industrien viele europ√§ische Arbeitnehmer, vor allem jene aus Osteuropa, t√§tig sind. Landwirtschaftliche Betriebe, Baufirmen, Klempnereien und die Lebensmittelverarbeitung brauchen dringend Arbeitskr√§fte, egal, wo sie herkommen.

"British jobs for British people?"

F√ľr viele Osteurop√§er ist es aufgrund der besseren Bezahlung attraktiv, in Gro√übritannien zu arbeiten statt in ihrem Heimatland. Dazu kommt, dass britische Firmen ihre Stellen in vielen F√§llen nicht mit lokalen Kr√§ften besetzen k√∂nnen. Wie die Deutschen, so wollen auch die Briten nicht als Erntehelfer, Kellner oder Klempner arbeiten.

Trotzdem glauben die Anh√§nger von Vote Leave, die Austrittsbef√ľrworter, dass Polen, Bulgaren und andere EU-Ausl√§nder nicht hierher kommen sollen, um zu arbeiten. British jobs for British people, so das Argument.

"Brexit wäre ein totales Desaster"

Eine sehr einseitige Sichtweise, sowohl mit Blick auf die britische Wirtschaft als auch die deutsche, wo das Argument ebenfalls immer wieder zu h√∂ren ist. Was tun, wenn es keine lokalen Bewerber f√ľr offene Stellen gibt? Nicht nur die Bauindustrie, sondern auch die Lebensmittelverarbeitung, die Hotelindustrie und sogar Tech-Firmen sorgen sich ob der Vorstellung, dass sie schon bald keine EU-Ausl√§nder mehr anstellen d√ľrfen k√∂nnten. Das ist schlecht f√ľrs Gesch√§ft, keine Frage.

"Ein Brexit w√§re ein totales Desaster f√ľr die Tech-Szene", erkl√§rte mir vor Kurzem Taavet Hinrikus, Mitgr√ľnder von TransferWise, einem der am schnellsten wachsenden Start-Ups in der britischen Hauptstadt. Das Unternehmen, das mit mehr als einer Milliarde Pfund bewertet wird und damit ein "Unicorn" ist, k√∂nnte im Falle eines britischen EU-Austritts ein B√ľro in Deutschland er√∂ffnen, vielleicht in Berlin.

Drittel der Arbeiter bei Transferwise kommt aus dem europäischen Ausland

"Wenn die Arbeitnehmerfreiz√ľgigkeit eingeschr√§nkt wird, m√ľssen wir uns anpassen", sagte Hinrikus. Damit meinte er nicht nur sein Unternehmen, sondern auch sich selbst. "Ich wei√ü nicht, ob ich in diesem Fall noch hier leben wollte", sagt er.

Hinrikus ist EU-Ausl√§nder, wie ich. Er kommt aus Estland, lebt aber seit vielen Jahren in Gro√übritannien. Eine Beschr√§nkung der europ√§ischen Arbeitnehmerfreiz√ľgigkeit w√ľrde nicht nur bei Transferwise den Alltag erschweren, ein Drittel der Mitarbeiter hier in London kommt aus dem europ√§ischen Ausland. Sie w√ľrde auch eine zus√§tzliche emotionale Barriere schaffen zwischen uns europ√§ischen Ausl√§ndern und den Briten, eine Bef√ľrchtung, die ich teile.

Menschen wollen auch beim Brexit bleiben

Damit sind Hinrikus und ich nicht allein. 40 Prozent der EU-Ausl√§nder, die in Gro√übritannien arbeiten, haben einer aktuellen Studie des Jobportals Totaljobs eine schlechtere Meinung gegen√ľber Gro√übritannien, seitdem die Referendumskampagne begonnen hat. 87 Prozent der Europ√§er, die in Gro√übritannien leben, haben Angst vor den potenziellen Folgen eines Brexit.

Trotzdem hoffen 76 Prozent, im Falle eines britischen EU-Austritts bleiben zu k√∂nnen. "Vielleicht gehen sogar die Briten", scherzte Hinrikus, als wir uns √ľber die Folgen des m√∂glichen Brexit unterhielten. ‚ÄěMal ehrlich, wer will denn in Gro√übritannien arbeiten, wenn es hier eine heftige Wirtschaftskrise gibt?"

Zuwanderungsdebatte ist paradox

Mich verwundert die Anti-Zuwanderungsdebatte hier in Großbritannien ziemlich, schließlich sind die Briten noch heute stolz darauf, einst eines der größten Reiche der Welt regiert zu haben. Viele Bewohner der Kolonien kamen nach der Befreiung nach Großbritannien. Europäische Einwanderung hingegen macht den Zahlen des Migration Observatory zufolge seit 1991 nur ein Viertel der Netto-Zuwanderung aus, ein kleiner Teil also.

Die Anh√§nger des Brexit geben sich hier allerdings noch nicht geschlagen. Sie haben noch weitere Argumente auf Lager, unter anderem, dass die europ√§ische Zuwanderung eine schwere B√ľrde f√ľr den √∂ffentlichen Dienst und den Wohnungsmarkt bedeute.

Diesen Punkt weisen die Berenberg-√Ėkonomen jedoch scharf zur√ľck. Weder im Bereich der √∂ffentlichen Schulen als auch auf dem Immobilienmarkt treffe er zu. Gro√übritannien habe dank der Zuwanderung ein h√∂heres Steueraufkommen und habe ergo mehr Geld, nicht weniger, f√ľr √∂ffentliche Dienstleistungen.

Brauche ich also bald ein Visum?

Dasselbe gilt f√ľr den Wohnungsmarkt: "Der britische Immobilienmarkt leidet vor allem unter dem mangelnden Angebot, nicht unter der zu hohen Nachfrage", hei√üt es in einer aktuellen Studie der Bank. "Weniger als zehn Prozent des Landes sind verst√§dtert, es geht nicht um zu wenig Platz."

Als jemand, der aus Deutschland kommt, einem Land, in dem große Teile ziemlich zersiedelt sind, kann ich diese Beobachtung nur bestätigen. "Es braucht bessere Besiedlungskonzepte und bessere Planungs-Verfahren, um das Angebot zu steigern", schlussfolgern die Autoren.

Warten wir also ab, was der 23. Juni bringt. Ich hoffe, dass ich mich nicht auch bald f√ľr ein Visum bewerben muss.

Nina Trentmann ist seit 2013 Wirtschaftskorrespondentin der WELT N24-Gruppe in London. Weitere Informationen √ľber ihre Arbeit sind unter ninatrentmann.de und bei Twitter unter @Nina_Trentmann zu finden.

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