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Nach dem Brexit-Votum: Sorgen um die City of London

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FRANKFURT BOERSE
Getty
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Der Himmel verfärbt sich, wird dunkler und dunkler. Innerhalb weniger Minuten verschwindet die City of London am Horizont im Regenschleier, auch das nur wenige Meter entfernte Canary Wharf, das zweite Finanzviertel Londons, bekommt ordentlich was ab. Große Tropfen prasseln an die Scheiben der Hochhaustürme, am Horizont ist kein Sonnenstrahl zu sehen.

Zugegeben, schlechtes Wetter hatten die Briten schon vor dem Brexit. Jetzt aber, nach dem Sieg des Austrittslagers und dem Schock an den Finanzmärkten, wirken die zuckenden Blitze über den Bankentürmen erst recht wie bestellt. Der Finanzplatz London, bislang der wichtigste in ganz Europa, gehört zu den klaren Verlierern des Brexit-Votums.

Wie die Financial Times berichtet, haben die internationalen Banken bereits mit den Planspielen begonnen. Das bestätigte mir am Freitag auch ein Angestellter eines Londoner Investmentfonds: „Das wird jetzt nicht lange dauern, bis die ersten Banker versetzt werden", sagte er und zog ein sorgenvolles Gesicht. „Für die City und die Londoner Finanzindustrie ist das ganz, ganz schlecht."

Aktionismus in den Handelsräumen der City of London

Der Mann gehörte, wie viele andere Finanzleute, zu denen, die vom Ergebnis des EU-Referendums überrascht wurden. Noch am Vorabend, am Donnerstag, hielt er ein Remain-Votum für möglich, richtete aber dennoch - eine reine Vorsichtsmaßnahme, wie er mir erklärte - einige so genannte Backstops ein, die im Falle eines starken Kurssturzes allzu große Verluste verhindern sollten.

Die Backstops griffen in der Nacht zum Freitag, schon kurz nach Mitternacht. Zu dem Zeitpunkt begann der Absturz des Pfund Sterling. In vielen Handelsräumen in der City of London und in Canary Wharf brach aufgeregter Aktionismus aus, als die Händler versuchten, ihre Positionen angesichts des immer wahrscheinlicher werdenden Brexit-Votums in Sicherheit zu bringen.

Ich dagegen hatte das Ergebnis erwartet, vor allem aus Gründen des Selbstschutzes, und war deshalb nicht sonderlich überrascht, als es um viertel vor fünf morgens im Radio hieß, das Brexit-Lager habe voraussichtlich gewonnen. Schon vor zwei Wochen hatte ich entschieden, den Umfragen und den Buchmachern nicht zu glauben und mit dem Brexit zu rechnen.

Die Märkte dagegen waren von einem Remain-Votum ausgegangen und wurden dementsprechend auf dem falschen Fuß erwischt. Erst am Vormittag beruhigte sich die Stimmung in den Handelshäusern ein wenig. Mark Carney, der Chef der Bank of England, hatte 250 Milliarden an zusätzlicher Liquidität zur Verfügung gestellt und den Märkten versichert, dass die Situation unter Kontrolle sei.

Möglicher Verlust der Passporting-Rechte

Papiere im Wert von 127,7 Milliarden Euro wurden nach Angaben von Bats Europe, einer Handelsplattform, am Freitag in Europa gehandelt, ein neuer Rekordwert. Auch der Händler, den ich begleitet hatte, verschob einige seiner Positionen, stieß Anleihen ab, die zu viele Verluste erlitten hatten. Er ist, wie viele in seiner Branche, skeptisch, was den Finanzplatz London angeht. „Vielleicht müssen auch wir umziehen", sagte er, „wer weiß?"

Das dürfte sich auch auf das Wirtschaftswachstum auswirken. Die Bankenbranche ist eine der Stützen der britischen Wirtschaft, sie macht über acht Prozent des BIP aus und beschäftigt mehrere hunderttausend Menschen. Sollten die in Großbritannien angesiedelten Institute ihre so genannten Passporting-Rechte verlieren, mit denen sie bislang in Kontinentaleuropa handeln konnten, so dürfte das zu einer dauerhaften Abwanderung aus London führen. Das wird den Prognosen zufolge zwischen 70.000 und 100.000 Jobs in der britischen Finanzindustrie fordern, bis 2020, heißt es in einer aktuellen PwC-Studie.

Profitieren könnten Frankfurt, Dublin und Paris. Während deutsche Banken eher die Mainstadt vorziehen, haben sich amerikanische Banken in Dublin nach Räumlichkeiten umgesehen. Auch Paris will vom Brexit-Votum profitieren, das Finanzministerium hatte schon vor der historischen Abstimmung in Großbritannien kräftig die Werbetrommel gerührt. Am Samstag warnte der Chef der französischen Zentralbank, britische Banken könnten im Zuge des EU-Austritts den Pass für den Handel auf dem Kontinent verlieren.

Der Finanzsektor ist jedoch nicht der einzige Verlierer des Brexit-Votums. Abgesehen vom Pfund Sterling, das am Freitag über sieben Prozent im Verhältnis zum Dollar verlor, stehen auch der Ruf Großbritanniens als sicherer Hafen, als „safe haven", in dem internationale Investoren bislang gerne einen Teil ihres Vermögens parkten, zur Debatte. Moody's, die Bonitätsagentur, stufte noch am Freitag Abend den Investment-Ausblick für das Vereinigte Königreich von stabil auf negativ zurück, langfristig könnte auch das Aa1-Rating angepasst werden.

Britische Anleger investieren seit dem Referendum in Gold

Simon Wells, der Chefökonom von HSBC, Europas größter Bank, rechnet wegen des Brexit-Votums mit einem starken Rückgang der Investitionen in der zweiten Jahreshälfte. 2016, so die Prognose, soll die in den vergangenen zwei Jahren kräftig gewachsene britische Wirtschaft nur noch um 1.5 Prozent zulegen, 2017 höchstens um 0.7 Prozent. Je länger die Unsicherheit im Nachgang des Referendums, desto größer der wirtschaftliche Schaden, so die Annahme.

Für die Investoren bedeutet das, so erklärte mir der Händler, den ich am Freitag begleitet hatte, eine „flight to safety", eine Flucht in sichere Anlagen. Auch Gold wird für die Briten zunehmend interessant - und dass, obwohl sie, anders als die Deutschen, nie zu denen gehörten, die sich mit Gold gegen etwaige Krisen absicherten. Sharps Pixley, eine Tochterfirma der Degussa, die im Zentrum Londons Goldbarren und Schmuck verkauft, erlebt in diesen Tagen eine Nachfrage wie nie zuvor.

Vor knapp zwei Wochen hatte mir der Leiter der Niederlassung, Ross Norman, noch erzählt, dass er die Brexit-Angst der Briten für „noise", für viel Lärm um nichts halte. „Britische Anleger investieren seit dem Referendum in physisches Gold wie noch nie", sagt nun sein Chef, Wolfgang Wrzesniok-Roßbach, Sprecher der Degussa-Geschäftsführung. „Um die Nachfrage bedienen zu können, musste die Niederlassung in London sogar Gold-Münzen aus Lagerbeständen in Deutschland ordern."

Schon am Montag könnten die Aktienkurse weiter fallen. Es wird nach Einschätzung von Händlern mehrere Tage dauern, bis die Märkte das Brexit-Votum richtig eingepreist haben, dazu kommen neue Unsicherheitsfaktoren wie die spanische Parlamentswahl am Sonntag. Spanische, aber auch italienische Aktien hatten am Freitag heftige Verluste erlitten. Der Trend könnte sich fortsetzen.

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