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Nicht ohne meine Hebamme

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MIDWIFE
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Als ich vor fast 11 Jahren in die USA gezogen bin, hat mich fast der Schlag getroffen, als ich erfahren habe, dass Hebammen in North Carolina nur unter Aufsicht eines Arztes arbeiten dürfen und dass es im ganzen Staat lediglich zwei Hebammen gab, die Mütter bei einer Hausgeburt betreuen und das im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Zwischendurch sind wir dann von 2007 bis 2010 beruflich wieder zurück nach Deutschland gezogen und ich habe mich , ohne mir viele Gedanken zu machen, im Böblinger Krankenhaus als Doula verwirklicht.

Das Hebammenteam und Dr. Weiss haben mich sofort herzlich aufgenommen und ließen mich autonom oder aber auch im Team mitarbeiten. Das Arbeiten war ein Geben und Nehmen. Ich hatte dort wirklich eine wunderschöne Zeit.

Ende 2010 sind wir dann wieder aus beruflichen Gründen in die USA gezogen. Ich war furchtbar traurig, meine Arbeit aufgeben zu müssen und begann in den USA eine Ausbildung zur Hebamme.

Hebammen haben einen schweren Stand

Nach zwei Semester, bei dem mir alles ziemlich Spanisch vorkam, und sich die Schulrechnungen türmten, haben mein Mann und ich nach vielen Recherchen herausgefunden, dass die Uni noch keine Zulassung für Hebammen hatte und ich bei erfolgreichem Abschluss lediglich Krankenschwester geworden wäre.

Da ich schon ausgebildete Arzthelferin bin und kein Interesse an Pflege hatte, habe ich sofort abgebrochen und mich umorientiert. Heraus kam ein Bachelor of Science in Management, aber das ist eine andere Geschichte.

Mittlerweile höre ich seit Jahren, dass Hebammen in Deutschland einen wirklich schweren Stand haben. Sie werden schlecht bezahlt, sie müssen unheimlich viel Haftpflichtversicherung zahlen, und ausserdem gibt es immer weniger Frauen, die überhaupt Interesse an einer Hebammenausbildung haben. Warum eigentlich?

Tja, es liegt wohl an der Politik, den Arbeitgebern, der Versicherung, und ich glaube auch ein bisschen an einer Hexenjagd! Klingt vertraut? Stimmt ... hatten wir schonmal. Damals im Mittelalter haben sie die Frauen einfach verbrannt oder ertränkt.

Ganzheitliche Geburtsbetreuung

Ich hoffe, keiner kommt auf die Idee, das heute zu wiederholen. Dennoch läuft es in nächster Zukunft darauf hinaus, dass wir die Hebammen, ihr Können, und ihre Fachkompetenz verbrennen und ertränken. Paradox? Das soll einer verstehen.

Erklärung: Versicherungen sind überall gleich. Wenn man viele Beitragszahler für eine bestimmte Versicherung hat, dann geht der Beitrag für alle nach unten. Wenn man wenige Beitragszahler hat, dann geht die Versicherung nach oben.

Bei Hebammen ist es so, wenn von 19.000 Hebammen nur 2500 Hebammen circa 6.000 Euro jährlich einzahlen, die Haftpflichversicherung sich aber in Millionenhöhe befindet, dann erscheint es nicht lukrativ für die Versicherungen.

Es ist doch aber schlicht und ergreifend so, dass wir ohne Hebammen keine ganzheitliche Geburtsbetreuung haben. Moment! Ich erkläre, was ich meine: Eine Frau wird schwanger. Sie geht zum Frauenarzt. Sie oder er betreut sie während der Schwangerschaft mit allen Vorsorgen.

Betreuung durch die Hebamme

Gegen Ende der Schwangerschaft wird der Frau dann auf einmal klar, dass sie Geburtsvorbereitung möchte. Sie braucht dann entweder eine Hebamme, die einen Kurs anbietet, oder eine gute Doula, die ihr individuell hilft. Dann kommt der grosse Tag der Geburt.

Wir nehmen jetzt einfach mal an, alles läuft planmässig und es gibt keine Probleme. Frau kommt auf Station und ein Team von Hebammen nimmt sie auf. Hebammen betreuen mehrere Frauen gleichzeitig, deshalb kann sie auch nicht ununterbrochen bei der Frau bleiben.

Frau hat dann hoffentlich eine Doula und ihren Mann oder eine Vertraute zur Seite. Trotz allem wird die Hebamme sie unterstützen und ihr Kind gebären. Sie wird sie auf der Wochenbettstation betreuen und ihr zur Seite stehen.

Das Krankenhaus kann dann circa 1.400 bis 2.100 Euro dafür abrechnen. Zu Hause hat Frau dann die Option eine freiberufliche Hebamme zur Nachsorge zu bestellen. Das ist eine feine Sache und hilft Müttern äusserst.

Ausgebuchte Hebammen

Stop ... ihr erinnert euch, von 19.000 Hebammen in Deutschland praktizieren im Moment nur etwa 2.500 als freiberufliche Hebamme! Das heißt, eine freiberufliche Hebamme zu finden, die nicht hoffnungslos ausgebucht ist, könnte äusserst spannend werden ... und das in Deutschland! Ich glaub, ich bin im falschen Film.

Ohne Hebammen sieht die Gebursthilfe in Zukunft nämlich so aus: Frau wird schwanger, geht zum Frauenarzt, wird betreut. Frau braucht Geburtsvorbereitung und muss viel Geld bezahlen, weil es keine Hebamme gibt, die auf Kassenleistung abrechnen kann.

Frau geht ins Krankenhaus, weil das Baby kommt, aber es ist nach 17 Uhr und der Kreisssaal ist zu. Sie muss dann unter Umständen viele Kilometer fahren, bis sie versorgt wird. Aus Erfahrung kann ich sagen, Auto fahren und Wehen haben, vertragen sich nicht gut.

Zur Not ist es dann doch einfacher, gleich einen Termin zur Geburt auszumachen. Dann kommt das Kind eben per Kaiserschnitt, denn wer will schon vor geschlossenen Türen stehen? Ja ... das dachte ich mir. Ich nämlich auch nicht.

Aber alle Kinder auf Termin und/oder per Kaiserschnitt? Ja, das scheint im Moment egal zu sein. Eins ist jedoch sicher. Per Kaiserschnitt kostet die Geburt 2.500 bis 5.000 Euro und das ist doch ein super Geschäft für das Krankenhaus.

Macht euch stark.

Eure Hebammen werden es euch danken.

Und die werdenden Mamas auch.

Auf dieser Homepage können Sie helfen.

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