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Der Albtraum eines Au-Pair aus Stuttgart

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KINDERGARTEN
MachineHeadz via Getty Images
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Seit fast einem Jahr war die Reise von Andrea nach Deutschland und das Jahr als Au Pair bei einer deutschen Familie aus Stuttgart geplant. Es gab viel vorab zu besprechen und noch mehr Papierkram zu erledigen. Aber es wurde mit Freude getan, denn nach 12 Jahren Schule wurde dieses Abenteuer sehnlichst erwartet.

Andrea wurde zwar in Amerika geboren, war aber oft zu Besuch in der Stuttgarter Gegend, weil ihr Vater viele Jahre Soldat bei der U.S. Army in Böblingen war. Sie freute sich auf die Gastfamilie, besonders auf die Kinder und die Möglichkeit Deutschunterricht zu besuchen.

Leider war nach knapp 4 Wochen schon Schluss!

Die Gastmutter konnte Andrea von Anfang an nicht besonders gut leiden. Der Gastvater war das komplette Gegenteil - zuvorkommend, verständnisvoll und liebenswürdig. Die Kinder brauchten ein paar Tage, um sich an Andreas Anwesenheit zu gewöhnen, aber schon am ersten Wochenende, als sie ihre deutsche Familie besuchen ging, fragten die Kinder: "Du kommst aber wieder?"

In der zweiten Woche musste Andrea anstatt 30 Stunden, fast 60 Stunden aushelfen. Sie durfte nur einen Abend freinehmen und als sie nach dem Deutschunterricht fragte, wurde sie von der Gastmutter schroff abgewiesen. Andrea ließ sich nicht verunsichern und gab ihr Bestes - es war nie gut genug.

Sie hatte die Erlaubnis

Die dritte Woche startete schleppend und erst als Andreas Mutter aus den USA zusagte den Deutschunterricht zu bezahlen, ging es voran mit der Anmeldung. Donnerstags wurde Andrea gebeten für die Familie einzukaufen, was sie freudig tat. Sie fragte den Gastvater, ob sie sich auch ein paar Lebensmittel aussuchen dürfe, was er bejahte.

Wieder zu Hause angekommen, wurde der Kassenzettel auf das genauste überprüft und festgestellt, dass Andrea 18 Euro für Essen ausgegeben hatte. Die Gastmutter wurde bitterböse, und fragte, was Andrea einfiel mit ihrem Geld so achtlos umzugehen.

Andrea verstand nicht, was los war und versuchte zu erklären, dass der Gastvater ihr erlaubt hatte, Lebensmittel die sie mag, einzukaufen. Die Gastmutter blieb dabei, dass Andrea die 18 Euro ohne zu fragen ausgegeben hatte und nannte Andrea eine Diebin.

Andrea war traurig. Sie wusste sich nicht zu helfen und bat darum, das Geld vom nächsten Gehalt zurückzubezahlen. Die Gastmutter ließ sich nicht darauf ein. Dem Gastvater wurde erzählt, dass Andrea Geld gestohlen habe und daraufhin war auch er sauer. Er fragte aber nie nach, was wirklich passiert sei.

Fristlose Kündigung

Am Wochenende fuhr Andrea wieder zu ihrer Familie. Auf dem Weg dorthin musste sie sich übergeben und lag das ganze Wochenende krank im Bett. Sonntag abends brachte ihr Onkel sie wieder nach Stuttgart und wurde äußerst unfreundlich empfangen.

Der Onkel musste Andrea wieder mitnehmen, weil die Gastmutter nicht wollte, dass ihre Kinder auch noch krank werden. Sie verblieben, dass Andrea dienstags zurückkomme, wenn es ihr besser gehe.

Dazu kam es nie, denn am Montagabend um 21.16 Uhr kam eine whatsapp-Nachricht, in der stand, dass Andrea bitte ihre Email prüfen solle. Es kamen drei Emails, die sich alle widersprachen, aber die fristlose Kündigung wegen Diebstahls aussprachen.

Die Au Pair-Agentur in Stuttgart wurde umgehend angerufen. Insgesamt wurden vier Sprachnachrichten und drei Emails geschickt. Dienstags gab es aber keine Sprechzeiten und am SOS-Telefon konnte man Andrea nicht helfen, weil sie dafür keine Lösung hatten. So wurde es Mittwoch bevor sich überhaupt jemand von der Agentur gemeldet hatte.

Androhung der Polizei

Dienstags wurde auch versucht, die Kleidung, Schmuck und Pass bei der Gastfamilie abzuholen, was aber von der Gastmutter verboten wurde. Erst nach Androhung der Polizei war es möglich, die Sachen am Mittwochabend zurückzubekommen.

Bei der Begegnung war die Gastmutter unfreundlich und gemein. Der Gastvater entschuldigte sich insgesamt vier Mal für seine Frau und die Kinder weinten sehr, dass Andrea wieder ging.

Andrea muss nun innerhalb einer Woche eine neue Familie finden, sonst muss sie umgehend das Land verlassen. Ohne ihre Tante und Onkel in Deutschland wäre sie völlig hilflos gewesen.

Und das kann doch nicht sein!

Es gibt so viele Mädchen, die aus den unterschiedlichsten Ländern nach Deutschland kommen, um eine Erfahrung zu machen, um Deutsch zu lernen, und wenn sie solche Zustände erwarten, wie soll man da als Mutter eine ruhige Minute haben?

Tatenlosigkeit der Agentur

Wer würde sich wünschen, dass sein Kind mit 18 Jahren so eine Erfahrung machen muss?

Warum hat die Agentur nicht sofort beide Seiten angehört?

Für was gibt es eine Au Pair Agentur, wenn sie nicht behilflich ist?

Wer besucht die Gastfamilie und vergewissert sich, dass alles in Ordnung ist? Die Antwort auf diese Frage ist: Niemand hat sich vergewissert.

Diese Geschichte ist sicher nicht zum ersten Mal passiert und das ist traurig.

Wer ein Au Pair kennt, das Hilfe braucht oder unter schlechten Verhältnissen lebt, muss sich umgehend an die Polizei wenden. Die Polizei in Deutschland bringt die Mädchen in einem Hotel unter und schickt der Gastfamilie die Rechnung. Die Polizei kümmert sich auch, dass die Kleidung, der Pass und Schmuck zurückgegeben wird.

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Andrea sitzt nun in Stuttgart und hat durch einen Facebookaufruf eine Familie gefunden, die von jetzt auf gleich bereit war, sie aufzunehmen und mit ihr die Behördengänge zu tätigen. Wenn was schief geht hat sie eine Woche Zeit um auszureisen.

Wieder nach Hause zu kommen wäre nicht schlimm - aber unendlich schade. Denn es würde einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Einen Geschmack, der ihr Deutschlandbild sicherlich trübt.

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