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Wir haben 4 syrische Flüchtlinge aufgenommen. Das habe ich von ihnen gelernt

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Das ist mein kleines persönliches Sinnbild für Integration. Ihr seht hier unseren wunderbaren Ibrahim, vorne in orange, den Keeprahim. Er ist einer der vier jungen syrischen Leute, die seit Ende letzten Jahres bei meinen Eltern leben. Da sitzt er, gekleidet in ein Trikot, das meine große Heimatstadt-Gastro-Liebe „Casbah" sponsert.

Der Laden, in dem ich in meinem friedvollen, jungen Leben eine Million unvergessliche Supernächte verbrachte, stattet unter anderem den jungen Mann aus, der nun in meinem ehemaligen Kinderzimmer lebt. Da quietscht mein Herz lauthals und freudig, wenn ich mir das bewusst mache. Mein Vater geht regelmäßig Ibis Spiele schauen, ein weiterer der neuen Mitbewohner schließt sich gerade der Hobbykickermannschaft meines Mannes an, er und Mitbewohner Nummer drei spielen viel Basketball.

Bei gutem Wetter fahren sie mit meiner Schwester ins Freibad. Mindestens einmal in der Woche essen wir alle zusammen. Die große Skepsis, mit der unseren Hunden begegnet wurde, ward schnell überwunden. Wenn Hunde eines können, dann wohl durch unermüdliche Fröhlichkeit Herzen gewinnen, und zwar auch die von Menschen, in deren Heimatland mit diesen Tieren unter einem Dach zu leben als vollkommen abwegig gilt.

Die junge Frau, die als letztes in meinem Elternhaus einzog, ist nun an der Fachhochschule untergebracht, neulich besuchte ich sie bei ihrer ersten Schicht in einem Bonner Kaffeeladen. Sie sah wunderhübsch aus und arbeitete sehr konzentriert. Mittlerweile haben endlich die regulären Deutschkurse angefangen, nachdem ein Freund meiner Eltern, ein Lehrer, - nicht im Ruhestand, sondern einfach engagiert -, die drei Jungs zweimal wöchentlich privat unterrichtete.

Sie teilen ihr Haus und ihr Essen und ihre Liebe und ihre Energie

Eine schier endlose Flut komplizierten Papierkrams, mit planvoller Beharrlichkeit von meinem Vater beackert, scheint nun vorerst erledigt zu sein. Regelmäßig fragte ich mich, wie man das ohne Hilfe schaffen soll. Ich kann ein bisschen deutsch und würde mich nicht dafür verbürgen, diese Passierschein A38-artige Odyssee allein bewältigen zu können. Meine Mutter erkannte sehr schnell den Humor der Jungs und gab ihnen „einfach" (das würde sie sagen, dass das einfach war, nicht ich. ;) )einen Teil ihrer großen, fließenden Liebe ab.

In der ersten Zeit hörte sie ihnen viele lange Nächte zu und weinte mit ihnen. Mittlerweile ist eine Art Alltag eingekehrt, jeder ist über Marotten, Launen, Lieblingsessen, Spleens und haltlose Nervigkeiten der anderen Familienkonstruktmitglieder informiert. Natürlich ist das alles überhaupt nicht immer einfach. Aber oft eben doch. Wir haben leichtfüßige Zeiten geschworen.

Nach wie vor könnte ich meine Eltern dauerhighfiven für ihre Offenheit und ihren Tatendrang. Sie teilen ihr Haus und ihr Essen und ihre Liebe und ihre Energie, damit etwas weniger Leid in der Welt ist. Damit jemandem geholfen ist. Wie geil sind die denn bitte. Und noch immer können wir nicht mehr tun.

Wir haben uns an den Krieg in Syrien gewöhnt.

All das Heimweh, die sehnsuchtsvollen Telefonate, die schmerzhaften Erinnerungen, die stets und immer lauernde, vollkommen angebrachte Angst, es könne jemandem in der Heimat etwas passieren. Dagegen sind wir machtlos. Manchmal kommt es mir so vor, als hätte sich mein Land an diesen Krieg gewöhnt, Syrien halt, alter Hut. Da braucht es die Videoaufnahme eines paralysierten Fünfjährigen voll Staub und Blut, die einen sofort vollkommen fertig macht, um nochmal ein Quäntchen Fassungslosigkeit aus uns heraus zu bügeln.

Meine Freundinnen, die durch Organisationen wie „Start with a friend" oder „Ich lade Dich ein" verschiedenste Neuangekommene kennenlernten, berichten oft, dass viele dieser Menschen bisher keinerlei Kontakt zu Deutschen hatten, außer zu den Amtspersonen, denen sie, in der Hoffnung, alles richtig verstanden zu haben, eines von 163 verschiedenen Formularen herüber reichen.

Teilweise sind sie seit elf Monaten hier und es ist nichts passiert, sie langweilen sich in einem ihnen zugeteilten Zimmerchen mürbe, schauen Nachrichten und latschen ab und an zum Supermarkt. Das jemandem vorzuwerfen oder für dieses Setting einen Schuldigen zu finden, ist vollkommen überflüssig. Jetzt isses so, machste nix mehr. Wasde aber machen kannst, ist Kontakt.

Springt über Eure Schatten! Kontakt ist alles.

Allen, die bis hierher gelesen haben, geht das Thema nicht am Arsch vorbei. Wie schön! Wenn ihr etwas Zeit übrig haben solltet - springt über Eure Schatten! Kontakt ist alles, Sprachkenntnisse sind das andere alles. Jedenfalls nach meinem beschränkten Erfahrungsschatz. Das kostet kein Geld und im Verhältnis auch nicht wahnsinnig viel Zeit.

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Ab und zu ein Stündchen Kaffee trinken, dabei das eigene englisch aufpolieren oder wild den google-translator nerven und schauen, wie weit Kommunikation so funktionieren kann. Langweilig wird das nicht. Garantiert könnt Ihr ein paar bohrende Fragen beantworten oder anders Hilfestellung geben. Weil Ihr Euch hier auskennt und wisst, wie das Deutschlandspiel geht. Jedenfalls kennt Ihr die Regeln besser als Euer Gegenüber.

Ein kleines Stückchen Eurer Energie könnte einem Menschen den Einstieg ins hiesige Leben um ein Vielfaches einfacher machen. Natürlich kann ich nicht versprechen, dass Ihr auf solche Goldschätze treffen werdet wie wir das taten, vielleicht trefft ihr auf Menschen, mit denen sich partout keine Ebene finden lässt. Aber wer weiß, vielleicht findet auch Ihr Freunde fürs Leben. Das klingt sehr kitschig, ist mir vollkommen bewusst und ich meine es exakt so.

Das nämlich ist eines der zahllosen Dinge, die ich von unseren neuen Familienmitgliedern gelernt habe: Die deutsche Angst vor ein bisschen Pathos, vor allem vertreten in meiner Generation, ist auch irgendwie beknackt. Es muss nicht immer alles ironisch sein und nicht so gemeint und sicherheitshalber ein bisschen trashig. So ein echtes, rundes, ernsthaftes eins-zu-eins-Gefühl ist auch mal schön, deshalb wird es nun nochmal bekräftigt: Wir fanden Freunde fürs Leben. Fürwahr.

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Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post spannende Projekte, die ihr direkt unterstützen könnt.

In einem großangelegten Projekt hilft der Verein SyrienHilfe e.V. vor Ort Menschen in Not, die ihre Heimat nicht verlassen können oder wollen. Seit 2012 setzen sich Ärzte, Ingenieure, Archäologen, Lehrer und Künstler in dem Bürgerkriegsland dafür ein, dass die Bevölkerung in ihrem eigenen Land ein würdevolles Leben führen kann.

Der Verein betreut Waisenkinder, organisiert medizinische Versorgung für Behinderte und chronisch Kranke und finanziert Lebensmittel und Unterkünfte.

Unterstütze sie jetzt auf www.zusammen-für-flüchtlinge.de, der zentralen Plattform für Projekte in der Flüchtlingshilfe von betterplace.org.

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