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Der VW-Skandal: Herausforderung an eine Ethik der Mobilität

26/09/2015 13:10 CEST | Aktualisiert 26/09/2016 11:12 CEST
dpa

Der Volkswagenkonzern hat offensichtlich seine Kunden und Behörden betrogen.Ein Aufschrei geht nicht nur durch die USA. Politiker geben sich empört. Dabei ist seit Langem bekannt, dass Messwerte im Labor und die Realität wenig miteinander zu tun haben.

Erstmals aber wurde ein Unternehmen dabei enttarnt, sogar die Software so programmiert zu haben, dass der Ausstoß von Schadstoffen um ein Vielfaches kleiner auf dem Teststand als in Wirklichkeit ist. Doch jeder, der einen Pkw fährt, weiß, dass er selbst die nach dem Neuen Europäischen Fahrzyklus gemessen Normwerte normalerweise nicht erreicht.

Wer klebt schon Lufteinlässe ab, lädt vor dem Start die Batterie auf usw. Autozeitschriften schreiben über diese Tricks. Die zuständigen Behörden und die Politiker wissen darum und haben die Testverfahren erst für die Zukunft und erneut nicht entscheidend geändert: eine Einladung sich immer neue Tricks einfallen zu lassen, um Normverbräuche herunterzurechnen.

Niedrige Verbrauchs- und Schadstoffangaben passen zum Image

Warum aber ist dies so? Es ist im Interesse der meisten Politiker in vielen Staaten, die Autoindustrie und ihre Zulieferer zu „hätscheln", denn diese sichern Arbeitsplätze.

Außerdem fährt man selbst mit PKWs und will doch keine Spritschleuder haben. Aber auch die Medien haben nur ein geringes Interesse. Geben die Automobilhersteller doch allein in Deutschland jährlich rund 2,5 Milliarden Euro für Werbung aus.

Selbst die Autofahrer spielen mit: Nicht wenige möchten doch zumindest nach außen ein umweltfreundliches und sparsames Auto fahren. Da passen niedrige Verbrauchs- und Schadstoffangaben zum Image.

Ein zentraler Vorteil von Elektromobilität wird totgeschwiegen

Es sei nur zusätzlich angemerkt: Auch bei der Debatte um die Elektromobilität wird seit Jahren meist ein zentraler Vorteil dieser Mobilität totgeschwiegen: Schadstoffe werden von Elektroautos nicht freigesetzt.

Stattdessen wird auch hier das Thema verschoben: Man redet kaum über das giftige Gas Kohlenmonoxid, das Benziner und Diesel ausstoßen, ein Gas, das jeden tötet, der den Motor in einem geschlossenen Raum, z. B. einer Garage laufen lässt.

Man redet auch kaum in diesem Zusammenhang über gesundheitsschädliche Stickoxide, sondern fragt nach der Kohlendioxidbilanz, einem Treibhhausgas, das jeder Mensch selbst ausatmet.

Mit Elektromobilität lässt sich weniger Geld verdienen

Auch dies hat seinen guten Grund. Mit Elektromobilität lässt sich weniger Geld verdienen: Die Ölmultis sehen hier die Gefahr einer dezentralen Stromversorgung. Viele Ingenieure vermissen Herausforderungen, da Elektromotoren im Vergleich zu heutigen Benzin- und Dieselmotoren ganz einfach sind. Werkstätten zittern um Einnahmen, denn der Wartungsaufwand ist viel geringer usw. usw.

Wer braucht 500 PS?

Ein verfehlter Weg auf diese Missstände zu reagieren besteht in Vorwürfen und Appellen. Auch eine nicht sinnvoll kontrollierbare, zu legalen Tricksereien einladende Regelung ist Unsinn, also, was bisher in diesem Bereich geschah.

Vielmehr benötigen wir transparente, sachgemäße Regeln, die auch durchgesetzt werden. Doch wie soll dies geschehen, wenn doch die „Regelsetzer", unsere Legislative, aber auch die vierte Gewalt, die Medien, so eng mit der Autoindustrie „verbandelt" sind?

Die Lösung ist einfach: Jetzt im Zeichen des VW-Skandals sollten wir als Bürgerinnen und Bürger auf die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft Druck ausüben, die Regelsetzung zu ändern, denn es geht einerseits um das Menschenrecht auf Gesundheit, aber auch um unsere Um- und Mitwelt:

  1. Testverfahren haben unabhängig und transparent zu erfolgen.
  2. Testverfahren haben realitätsnah zu sein.
  3. Testverfahren sind in sinnvollen Abständen zu wiederholen.

Auch wäre die Politik gefordert, umweltfreundliche Autos (Elektroautos, Wasserstoffautos) zu fördern.

Wer braucht 500 PS? Aber jeder freut sich über eine Reichweite von 500km und eine hinreichende Anzahl von Ladestationen und Wasserstofftankstellen: Warum gelingt es der Politik nicht, einheitliche Stecker vorzuschreiben, obwohl sonst oft bis ins Kleinste hinein normiert wird?

Ein großes europäisches Investitionsprogramm wäre nötig, aber der Druck von uns Wählerinnen und Wählern scheint nicht groß genug zu sein.

Danken wir den amerikanischen Behörden, dass diese wenigstens die schlimmsten Tricksereien aufdecken und bestrafen.

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