BLOG

Warum Angst die überfälligen Reformen der katholischen Kirche verhindert

06/08/2015 11:09 CEST | Aktualisiert 06/08/2016 11:12 CEST
dpa

Viele Katholiken erhoffen sich von der Bischofssynode vom kommenden Oktober endlich eine zeitgemäße Einstellung der Kirche zur Ehe- und Sexualproblematik. Die Chancen für grundlegende Reformen sind allerdings gering. Zu viele Ängste stehen echten Reformen im Wege zum Schaden für das Christentum. Aber auch die Gesellschaft würde von einem glaubwürdigen Christentum profitieren.

Viele katholische Gläubige fühlen sich wie Unmündige behandelt, vor allem wenn es um Ehe und Sexualität geht. In Vorschriften und Gesetzen ist festgeschrieben, was eine gültige Ehe ist, was Eheleute zu tun und zu lassen haben, auch im Bereich Sexualität. Die Tatsache, dass rund 40 bis 60 Prozent der Katholiken im deutschsprachigen Raum eine Mischehe eingehen, wird mit speziellen Auflagen notgedrungen in Kauf genommen.

Eheleute, die sich scheiden lassen, sind in den Augen der Kirche schwere Sünder. Das selbst dann, wenn die Trennung das Vernünftigste ist, was die beiden in ihrer Situation tun können. Wer wieder heiratet, gilt lebenslänglich als schwerer Sünder. Er darf, wenn er in der Kirche bleiben will, zwar im Gottesdienst dabei sein, aber er ist von der eucharistischen Gemeinschaft ausgeschlossen. - Alle diese Gesetze wurden von zölibatären Männern gemacht. Die Gläubigen hatten keinerlei Mitspracherecht.

Unbarmherzige Richterin

Obwohl die Gesetze von Menschen gemacht wurden und die Kirche aufgrund eines Jesuswortes das Recht hat, zu binden und zu lösen, zeigt sie sich lieber als unbarmherzige Richterin. Dies im Widerspruch zum biblischen Verbot: „Richtet nicht, damit auch ihr nicht gerichtet werdet."

Die Annulierung einer Ehe ist nur möglich, wenn nach den kirchlichen Gesetzen die Ehe gar nicht gültig war. Selbst in diesem Fall ist die Ungültigerklärung ein langwieriger Prozess, auf den sich die meisten, die dafür gute Gründe anführen könnten, verzichten. Eine echte Ehescheidung wird nicht akzeptiert, unabhängig von der konkreten Situation.

Zu dieser Problematik gehört auch der unverständliche Umgang mit Homosexuellen. Zwar gibt es logischerweise eine erhebliche Anzahl schwuler Priester. Sie dürfen aber nur so lange Priester sein, als sie ihre Veranlagung, die ihnen schließlich die Natur mitgegeben hat, verbergen. Dabei gibt es unter ihnen viele sehr kompetente Seelsorger.

Die Verteidiger der rigorosen Haltung berufen sich besonders gerne auf Aussagen des Alten Testamentes. Sie ignorieren die Tatsache, dass schon im jüdischen Glauben ein Reifeprozess stattgefunden hat. Und sie blenden die scharfe Kritik Jesu am sturen Gesetzesdenken aus.

Werte- statt Gesetzesdenken

Die Kirche müsste vom Gesetzesdenken weg zu einem Wertedenken finden. Darin läge die Chance der Kirche als interessierte, verständnisvolle und liebende Begleiterin der Menschen wahrgenommen zu werden - vielleicht so, wie noch nie in ihrer Geschichte. Dabei würden die zentralen Werte der biblischen Botschaft nicht geschmälert. Im Gegenteil, sie würden in den Mittelpunkt gerückt und auch außerhalb der Kirche an Ausstrahlungskraft gewinnen.

Das Zweite Vatikanische Konzil hat der Ehe als Liebesgemeinschaft einen eigenen Wert zugestanden und damit Hoffnungen auf eine Erneuerung der Ehe- und Sexualmoral der röm.-kath. Kirche geweckt. Die wiederverheirateten Geschiedenen warten seit 50 Jahren darauf, nicht weiter als „permanente Sünder" behandelt zu werden. Diese Hoffnungen wurden enttäuscht.

Das führte zu einer weiteren Entfremdung zwischen einer großen Zahl von Gläubigen und der Kirche. Papst Franziskus hat durch seine Äußerungen zur Ehe- und Familienpastoral die nachkonziliären Hoffnungen neu aufleben lassen. Doch die - zum Teil phobisch anmutenden - Widerstände bei der Kurie und bei vielen Bischöfen lassen wenig Hoffnung auf echte Fortschritte aufkommen.

Es sind weniger ethische Themen als Ängste, viele uneingestandene Ängste, die einem Ausstieg aus veralteten Denkschemen im Wege stehen. Und die Ängste verhindern, dass die Kirche als barmherzige und hilfreiche Begleiterin auch in schwierigen Zeiten einer Ehe erfahren werden kann.

Die Angst vor Machtverlust

Während Jahrhunderten regierten viele Päpste und Fürstbischöfe als weltliche und religiöse Herrscher. Auch manche Pfarrer waren Papst und Kaiser im Dorf. Papst Franziskus lebt zwar zur Zeit etwas anderes vor. Auf blinde und angstbestimmte Autoritätsgläubigkeit können christliche Führer in der Regel heute nicht mehr zählen. - Das ist eine der wichtigsten positiven Entwicklungen des Christentums im letzten Jahrhundert. - Einige in der Kirchenhierarchie haben dies eingesehen.

Aber längst nicht alle sind bereit, ihre Kontrollmacht abzugeben und Gesprächspartner von interessierten, engagierten und selbstbewussten Christen zu sein. Die Chancen, dass die Bischofssynode speziell im Gesetzesdenken eine grundsätzliche Wende vollzieht, sind gering. Die Angst vor Macht- und Kontrollverlust ist wohl zu groß. Aber auch die Versagensangst ist nicht zu unterschätzen.

Erstaunliche Versagensängste

Angst vor Machtverlust ist eine der Ursachen der Reformblockade. Versagensängste haben wahrscheinlich noch größeren Anteil daran. Die uneingestandene aber unnötige Angst der Hierarchie vor dem Untergang der Kirche Christi bleibt ausgeblendet. Es ist nicht nur die Angst vor Macht- und Prestigeverlust, es ist auch die Angst, als Verantwortliche für die Kirche zu versagen.

Vor allem die nicht wahrgenommenen und uneingestandenen Ängste verursachen unverständliches Verhalten und führen immer wieder zu Fehlentscheidungen. „Jeder wäre gut beraten, über die eigene Angst nachzudenken", sagt Gerd Gigerenzer, Psychologe, Entscheidungsforscher und Berater von Entscheidungsträgern.

Auch „gut gemeinte" Angstmache entfremdet

Die Verquickung von Religion und weltlicher Macht hat der gesetzlichen Regelung von Glaube und Glaubensvollzug Vorschub geleistet. Gesetze rufen logischerweise auch nach Kontrolle. Noch Mitte des 20. Jahrhunderts fühlten sich sehr viele Katholiken als streng kontrollierte Untertanen der Kirche. Es gab allerdings immer auch Bischöfe und Pfarrer, die sich bemühten, in ihrem Einflussbereich wohlwollende Hirten zu sein.

Auch gut gemeinter blinder Eifer im Einsatz für die Verbreitung und die Bewahrung des Evangeliums hat zu rigorosen Methoden gegriffen. Was Gläubige zu glauben und tun und zu lassen haben wurde detailliert geregelt und in Gesetze gefasst mit entsprechenden Strafandrohungen.

Strafen im Jenseits haben bei den Gläubigen besonders große Ängste provoziert. Mit Angst kann man Menschen gefügig machen. Ängstliche, angepasste Menschen lassen sich leicht führen und so wird der gewünschten Erfolg vorgetäuscht. Sobald aber Angstmache durchschaut wird, verliert sie ihre Wirkung und die Absetzbewegung setzt ein. Die Mächtigen verlieren ihre Macht.

Die Rolle der Angst in kath. Ehe- und Sexualmoral

Warum die Kirche gerade die Ehe und Sexualität in allen Details gesetzlich geregelt haben musste, hat verschiedene Gründe. Kein anderer Lebensbereich ermöglichte im Zusammenhang mit der Beichte eine so enge Kontrolle über die Gläubigen. Leibfeindlichkeit prägt seit dem 4. Jahrhundert die Sexualmoral des Christentums, die bis heute in der katholischen Kirche nicht wirklich überwunden ist.

Und das, obwohl das Zweite Vatikanische Konzil der Sexualität an sich einen gewissen Wert zugestanden hat. Bei der Ehe- und Sexualmoral geht es nicht primär um Ethik, sondern vor allem um Angst, um die Angst, die Kontrolle zu verlieren und damit am „Sittenzerfall" schuld zu sein. Ausgerechnet diese menschen- und weltfremde Einstellung führte dazu, dass die Kirche weitgehend ihren Einfluss und ihr Mitspracherecht im Bereich der Ehe verloren hat.

Zwar gibt es Bemühungen auch kirchlicherseits, den gesellschaftlichen Wandel und seine Auswirkungen auf Ehe und Familie auszuleuchten und (auch der Hierarchie) verständlich zu machen. Aber jede Initiative für einen angemessenen Umgang der Kirche mit Eheleuten und Paaren, die zur Kirche gehören möchten, aber nicht gesetzeskonform leben (können - z.B in einer Mischehe), stößt sofort auf heftigen, ja fast phobischen Widerstand.

Bei solchen Widerständen bleiben die Hoffnungen auf eine Neuausrichtung in der Ehe- und Sexualmoral gedämpft. Man hat immer wieder den Eindruck, dass dies mit einer generellen Angst vor der Sexualität zu tun hat.

Statt ängstliche Gesetzlichkeit Liebe, Respekt und Verantwortung

Einmal mehr hat sich bewahrheitet: Je rigider die Haltung, desto heftiger der Dammbruch, wenn die Angst nachlässt. Je mehr Gesetze, desto geringer das eigene Verantwortungsbewusstsein. Das ist ein längst bekanntes Phänomen in allen Bereichen des Zusammenlebens. Je mehr Regeln, desto gedankenloser verhalten sich die Menschen. In Glaubenssachen führt das zu einem „Buchhalter-Christentum". Wenn man bestimmte Regeln einhält, ist alles bestens, egal, mit welcher Haltung man das tut. Solches Christsein verliert seine Glaubwürdigkeit.

Egoismus und (Macht-)Missbrauch verursachen viel Leid, nicht nur, aber auch im Bereich Partnerschaft und Sexualität. Gerade heute hätte eine glaubwürdige Kirche, die nicht vorschreibt, sondern Respekt, Rücksichtnahme, Empathie und Hilfsbereitschaft vorlebt und fördert, durchaus eine wichtige Aufgabe. Nach den vielen Missbrauchsfällen muss die Kirche ihre Haltung der Sexualität gegenüber überzeugend verändern, um in dieser Thematik glaubwürdig mitreden zu können.

Im Buch „Eheideal Liebesgemeinschaft" zeigt der Autor Wege auf, wie die Kirche zu einer zeitgemäßen christlichen Ehe- und Sexualethik finden könnte. Er tut dies sowohl aus der Innensicht der Kirche wie aus der Außensicht überzeugter und selbstständig denkender Christen. Die Kirche müsste mit den Menschen in der jeweiligen Lebenswelt auf dem Weg sein und im Gespräch bleiben und gemeinsam die Werte situationsgemäß benennen und pflegen.


Lesen Sie auch:

Sie haben auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn Sie die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollen, schicken Sie Ihre Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Video: Video klärt auf

Die Wahrheit über Sex

Hier geht es zurück zur Startseite

Gesponsert von Knappschaft