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Wie wir auch mit Angst frei sein können

02/04/2015 16:37 CEST | Aktualisiert 02/06/2015 11:12 CEST
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Unser Leben ist voller Risiken. Der Absturz der Germanwings-Maschine macht uns das auf besonders dramatische Weise bewusst. - Angst haben und sich frei fühlen, eine Utopie?

Wollten wir ständig alles im Blick haben, was unsere materielle Sicherheit oder gar unser Leben bedroht, würden wir dann nicht am besten zu Hause bleiben? Ich denke an den wohlhabenden Besitzer einer Villa. Sein Haus ist voller wertvoller Gemälde. Er hatte zwar eine Alarmanlage installieren lassen. Trotzdem wagt er es nicht, das Haus zu verlassen. Die Alarmanlage hatte er x-mal getestet. Ihr vertraut er. Aber der Handwerker, der sie installiert hatte ... Undifferenziertes Sicherheitsdenken kann zum Gefängnis werden.

Die zwei Seiten von Angst haben und frei sein.

Die Freiheit, trotz Ängsten das zu tun, was ich unternehmen will oder muss.

Das ist die Fähigkeit, sich von Ängsten nicht aufhalten zu lassen. Für seriöse Extremsportler ist dies eine Selbstverständlichkeit. Keine Angst haben, sagte ein Bergsteiger, ist lebensgefährlich. Wer das Risiko, das die Angst signalisiert, ernst nimmt, geht mit entsprechender Vorbereitung und Vorsicht ans Werk. Das gibt ihm die Freiheit, eine riskante Tour zu wagen im Wissen, eine absolute Sicherheit gibt es nicht.

Weil die Sicherheit Grenzen hat, haben wir gelernt, mit Gefahren zu leben, ohne ständig daran denken zu müssen. Wir wagen uns auf die Straße, sei es zu Fuß oder mit einem Fahrzeug. Die Angst hält uns nicht auf, weil wir gelernt haben, die nötige Vorsicht walten zu lassen. Wir schaffen uns Freiheit, indem wir durch geschickten Umgang mit dem Risiko die Angst klein halten, sie meist gar nicht mehr wahrnehmen.

Die Freiheit, zu verzichten, loszulassen, was zu risikoreich erscheint. Die Freiheit, sich auf Neues einzustellen.

Der tragische Absturz der Germanwings-Maschine hat uns einmal mehr brutal vor Augen geführt, wie das Schicksal unser Leben unvermittelt total verändern kann. Auch Nichtbetroffene macht dieses Drama nachdenklich. Es kann Anstoß dazu sein, zu überdenken, wie wir mit der Angst vor grundlegenden schicksalhaften Veränderungen im Leben umgehen. Und das in zweifacher Hinsicht. Nehme ich mir die Freiheit, Dinge zu lassen, von denen ich mich überfordert fühle, die zu sehr Angst machen, egal, was andere davon halten?

Und wie groß ist meine Bereitschaft, auch lieb Gewordenes loszulassen, wenn es sein muss, und mich auf Neues, Ungewohntes einzulassen? Sollte es zutreffen, dass der Co-Pilot aus Angst um seine Pilotenkarriere seine Ängste und Probleme verschwiegen hatte, wäre das ein tragisches Beispiel mehr dafür, wie gefährlich verdrängte Angst sein kann. Nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere.

Nicht loslassen können bedeutet, auch neue Chancen zu verpassen. Manches Schicksal verlangt den Aufbruch ins Unbekannte. So hart das im Moment sein kann, so groß ist auch die Chance, neue Welten zu entdecken.

Vertrauen ist der Gegenspieler von Angst

Wie wir uns Bewegungsfreiheit schaffen und erhalten, können wir in vielen Bereichen selbst beeinflussen. Nicht in unserer Macht steht das Verhalten von anderen, zum Beispiel das von rücksichtslosen Verkehrsteilnehmern, die uns einschränken oder gefährden könnten.

Noch mehr sind wir andern ausgeliefert, beziehungsweise müssen wir uns andern anvertrauen, wenn wir uns in ein Taxi, in einen Zug, in ein Flugzeug setzen. Wir kommen nicht darum herum, uns immer wieder andern anzuvertrauen, wenn wir unseren Lebensraum nicht einengen wollen. Das gilt nicht nur im Bereich der Fortbewegung.

Vertrauen ist auch in vielen anderen Zusammenhängen die Grundlage für ein Leben und Zusammenleben ohne belastende Einengungen. Wir sind auf Vertrauen angewiesen, wenn wir Lebensmittel kaufen, wenn wir einen Arzt brauchen und erst recht, wenn wir einmal Pflege benötigen. Es geht nicht darum, dass wir völlig angstfrei sein müssten. Es geht darum, dass sich Angst und Vertrauen mindestens die Waage zu halten, wenn es einmal kritisch wird. Dazu stehen fünf Hilfen zur Verfügung:

  • Das Erste ist die Entscheidung, ich will mich von Ängsten nicht einsperren lassen.

  • Ich kann lernen, die reale Gefahr eines konkreten Risikos differenziert einzuschätzen. Vieles ist gar nicht so dramatisch, wie es im ersten Moment aussieht.

  • Es ist hilfreich, sich auf seine eigenen Fähigkeiten zu besinnen. In der Regel stehen wenn nötig mehr Ressourcen zur Verfügung, als uns bewusst ist.

  • Die statistische Wahrscheinlichkeit, Opfer einer Katastrophe zu werden, kann die Angst relativieren.

  • Schließlich braucht es Übung im Mut zum dosierten Risiko, denn Vertrauen beruht auf Erfahrung.

Unabhängig von konkreten Angstsituationen ist es sinnvoll, einmal zu überlegen, wie es um unser Vertrauen steht. Vertrauen will erarbeitet werden. Vertrauen lernen verlangt die Bereitschaft, Risiken einzugehen. Risiken eingehen können setzt voraus, ein gewisses Maß an Angst aushalten zu können.

Und es braucht den Willen, mögliche Enttäuschungen zu ertragen und sich nicht von ihnen blockieren zu lassen. Vertrauen will geübt und gepflegt werden. Wenn es zu sehr an Selbst- und Fremdvertrauen fehlt, lohnt es sich, sich helfen zu lassen.


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