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Our World: Disabled and Displaced

26/05/2016 17:32 CEST | Aktualisiert 27/05/2017 11:12 CEST
Rima Armstrong

Der Krieg in Syrien ist einer der längsten und brutalsten Konflikte unserer Zeit. Er hat bereits Hunderttausenden Syrern das Leben gekostet. Zu viele haben unvorstellbare Grausamkeit erlebt; für die Überlebenden nimmt der Alptraum kein Ende. Die Zahlen sind erschreckend: 11 Millionen Menschen mussten vor der Gewalt in ihrer Heimat fliehen.

Rund 1,4 Millionen Syrer haben im benachbarten Jordanien Zuflucht gefunden. Davon ist rund ein Drittel behindert oder schwer krank. Eine gewaltige Zahl, in vielerlei Hinsicht jedoch nicht verwunderlich. Der Krieg hinterlässt seine Spuren. Das Land wird den Flüchtlingen nicht mehr Herr. Die jordanische Regierung räumt ein, dass nicht allen geholfen werden kann. Einfach gesagt, um besonders pflegebedürftige Flüchtlinge umfassend versorgen zu können, braucht Jordanien mehr Geld.

Vor unserem Our World-Film für BBC World News konnte ich nicht begreifen, wie es für einen behinderten Menschen möglich ist, aus seiner Heimat zu fliehen. Und wenn doch, was geschieht, wenn dieser Mensch unverzichtbare Reha-Maßnahmen oder eine Langzeitbehandlung braucht , um zumindest noch ein Stück weit unabhängig zu bleiben? Beinprothesen kosten viel Geld, Physiotherapie ist für viele Luxus und Medikamente sind teuer. Rollstühle gehen kaputt, und die Reparatur kostet Geld.

 

Für mich als körperlich Behinderte waren die Dreharbeiten eine große Herausforderung. Ein Produzent hat die gesamte Reise für mich geplant und mir einen Kleinbus für alle Fahrten organisiert, und ich hatte einen wunderbaren Fahrer, der den Wagen an leicht zugänglichen Plätzen parkte. Er war so stark, dass er mich und mein Elektromobil mehrmals am Tag aus dem Bus und wieder hinein hieven konnte. Selbst mit Zugang zu einer Rampe und einem Rollstuhl gab es immer noch Orte und Menschen, die für mich unerreichbar blieben. Die Menschen, denen ich begegnet bin, haben keine solche Hilfe, doch das macht sie nur umso stärker und abgehärteter. Viele wissen um ihre Stärken und wollen der Welt zeigen, dass sie trotz ihrer schrecklichen Lage alles schaffen können.

Gemeinsam mit Handicap International, einer der größten Hilfsorganisationen vor Ort, besuchten wir die beiden syrischen Flüchtlingslager Jordaniens - Za'atari und Azrac. Za'atari liegt mitten in der Wüste, nur wenige Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. In dem Lager, so groß wie eine Stadt, leben fast 80.000 Menschen. An einem der festen Zentren der Organisation sah ich so viele Amputierte wie noch nie in meinem Leben. Es sind Menschen, die mit den Folgen des Krieges leben müssen, doch zumindest werden sie hier von ausgebildeten und engagierten Ärzten medizinisch versorgt. 

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Ich traf Männer, die beide Beine verloren hatten und am Balken wieder ihre ersten Gehversuche wagten - etwas, das die meisten Menschen mit körperlichen Behinderungen kennen. Ein großartiges Training. Mohammed ist cerebral gelähmt. Er verbesserte seine Stabilität beim Spielen. Ragda trainierte ihre Armmuskeln - von der Stiftung hat sie einen Rollstuhl bekommen, dafür braucht sie Kraft. Zuhause in Syrien hatte sie keinen. Die Menschen werden auch psychologisch unterstützt, was die meisten, die ihre Heimat, Freunde und Familie verlassen mussten, unbedingt brauchen.

Vor Za'atari hatte ich noch nie ein Flüchtlingslager besucht. Aus Nachrichten und Online-Artikeln hatte ich ein bestimmtes Bild vor Augen. Aus dem Lager kommt man nicht mehr heraus. Ein Leben als Flüchtling ist hart, für viele zu hart, um es überhaupt zu begreifen. Das, was für uns selbstverständlich ist, gibt es hier nicht, und für Behinderte ist der Alltag fast unmöglich zu bewältigen. Worauf ich nicht vorbereitet war, war die Stärke und die positive Einstellung der Menschen im Lager, deren Leben sich in einem Schwebezustand befindet. Menschen mit Behinderungen wollen von anderen nicht bemitleidet werden, sie wollen einfach nur ihr Leben leben. So war es jedenfalls bei den vielen behinderten Syrern, die wir kennengelernt haben. Trotz ihrer misslichen Lage können sie immer noch lachen. Sie haben vergnügt mit uns zu Mittag gegessen, geraucht und Witze erzählt. Und noch nie wurde ich so oft gefragt, ob ich bei Facebook bin.

Doch nicht alle syrischen Flüchtlinge sind in Lagern untergebracht. Rund 80% aller Flüchtlinge in Jordanien leben in oder nahe der Hauptstädte, so auch Abd Al Aseem und sein Bruder. Abd hatte einen Schlaganfall und konnte monatelang nicht laufen oder sich bewegen. Er braucht teure Medikamente, die sich seine Familie nicht leisten kann. Sie haben Schulden. Und obwohl es ihm langsam besser geht, dank der unermüdlichen Unterstützung seiner Familie und einer Stiftung, muss er noch immer aus dem dritten Stock heruntergetragen werden, wenn er seine Wohnung verlassen will. Für behinderte Flüchtlinge sind die Mietpreise für Wohnungen wie die von Abd ein großes Problem: Je weiter oben, desto günstiger wird es.

Abd kann noch immer nicht sprechen. Von seinem Bruder aber weiß ich, dass er ein netter, großzügiger Mann gewesen sei, der sein Familienunternehmen führte und für jeden, der ihn brauchte, Zeit hatte. Er hatte ein schönes Leben, er konnte für seine Frau und seine Kinder sorgen. Nun ist seine Situation aussichtslos. Das Leben hat ihm übel mitgespielt. Die Familie, die wohl nie mehr nach Syrien zurückkehren wird, hangelt sich von Tag zu Tag.

Ein junger Mann will jedoch unbedingt nach Hause zurück: Den charismatischen Moead habe ich in einem Krankenhaus für rekonstruktive Chirurgie kennengelernt, das von Ärzte ohne Grenzen in der jordanischen Hauptstadt Amman geführt wird. Bei einer Explosion in Syrien hat er ein Bein verloren. Wir haben uns auf Anhieb verstanden. Ihm gefiel mein Elektromobil. Ich sagte ihm, es würde ihn faul machen. Danach nannte er mich nur noch lazy girl, faules Mädchen. Ich hatte das Gefühl, er wollte mit mir Flirten - vielleicht aber auch nicht.

Während unserer Dreharbeiten für Our World: Displaced & Disabled für BBC World News haben wir so viele unglaubliche Menschen kennengelernt. Trotz großer Unterschiede hatten sie eines gemeinsam: ihre beängstigende totale Abhängigkeit von einer Hilfsorganisation. Wir alle meinen, unser Leben selbst zu kontrollieren. Diese Menschen tun es nicht.

Our World: Disabled & Displaced auf BBC World News:

Freitag, 27. Mai um 1.30 Uhr

Samstag, 28. Mai um 13.30 Uhr

Sonntag, 29. Mai um 6.30 und 19.30 Uhr

Freitag, 3. Juni um 11.30 Uhr


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