BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Nicole von Alvensleben Headshot

Wir nähen Mode mit Schneiderinnen aus Syrien und Afghanistan - und werden von Kunden überrannt

Veröffentlicht: Aktualisiert:
STICH BY STICH
stich by stich
Drucken

Es ist schon paradox: Wer als Mode-Designer seine Kollektion in Deutschland produzieren lassen will, läuft sich die Hacken wund, um einen Schneider zu finden.

Meine Geschäftspartnerin Claudia Frick hat ein eigenes Modelabel und wollte hier produzieren, weil sie und ihre Kunden wissen wollten, wer ihre Kleidung näht. Weil sie sich "Made in Germany" als Gütesiegel wünschten.

Das war fast unmöglich. Die Fachkräfte sitzen heute in Asien, das Schneider-Handwerk ist hier fast ausgestorben.

Jetzt haben wir die Chance, das Handwerk wieder aufzubauen: mit der Hilfe von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten und Asien.

Schneiderinnen aus Afghanistan, dem Iran und Syrien


Im Sommer 2016 haben Claudia und ich die Firma "Stitch by Stitch" eröffnet. In unserem Atelier arbeiten heute sieben Schneiderinnen aus Afghanistan, dem Iran und Syrien. Teils haben sie schon in ihrer Heimat ihre eigene Schneiderei gehabt, teils haben sie ihre Ausbildung wegen der Flucht abbrechen müssen und holen sie nun nach.

werkstatt

Das Team in der Werkstatt: Eva Fiedler, Esraa Ali, Reyhane Heidari, Claudia Frick, Nici von Alvensleben, Hakima Rahmani, Mansoureh Kazemi


Claudia hat viele Jahre lang Schneider ausgebildet - da kamen Lehrlinge, die nicht mal einen Knopf annähen konnten. Die Damen, die jetzt bei uns anfangen, haben exzellente handwerkliche Fähigkeiten. Reyhane aus Herat ist Mitte zwanzig und ist mit der Nähmaschine im Familienbetrieb aufgewachsen. Amira ist eine begnadete Stickerin, sie hat schon ein Kleid für die Pop-Sängerin Shakira verziert.

Schneiderinnen aus Afghanistan, dem Iran und Syrien


Auch wir Designerinnen lernen jeden Tag von den Frauen. Wir in Deutschland sind so gepolt, dass wir bei einer neuen Nähmaschine erst mal die offizielle Gebrauchsanweisung studieren. Unsere Frauen sehen sich die Maschine an und probieren einfach aus.

Sie haben unkonventionelle Ideen. Reyhane zum Beispiel hat sich Second Hand einen rosafarbenen Mantel gekauft, lang, ziemlich altmodisch. Sie hat ihn ohne langes Planen rigoros gekürzt, die Taille betont und aus dem restlichen Stoff eine Art Baskenmütze genäht und sie mit Strasssteinen besetzt. Das sieht grandios aus, erinnert an den Stil von Mode-Ikone Twiggy.

twiggy

Das Nähhandwerk ist eine globale Sprache


Als die Frauen kamen, konnten sie nur sehr rudimentäres Deutsch. Aber das Nähhandwerk ist eine globale Sprache.

Wenn wir einen Schnitt auf einen Stoff legen, dann wissen Menschen in Afghanistan genauso wie in Deutschland, was sie damit anstellen müssen. Manchmal haben wir schon Prototypen, manchmal arbeiten die Frauen nach einer Foto-Vorlage, da muss man nicht viel erklären.

Im Atelier soll Deutsch gesprochen werden


Aber wir sind strikt: Im Atelier soll Deutsch gesprochen werden.

Deswegen haben wir Ehrenamtliche, die zweimal in der Woche in der Werkstatt Sprachunterricht geben. Andere erteilen den Frauen Mathe-Nachhilfe oder geben Tipps, wie man Berichte für die Berufsschule schreibt.

pfennig

Blume mit eingenähtem Glückspfennig in der Mitte


Inzwischen haben die Frauen große Fortschritte gemacht. Wenn jetzt eine neue Mitarbeiterin kommt und wenig Deutsch kann, schicken wir sie erst einmal in einen Intensivkurs, damit sie die anderen nicht ausbremst.

Die Frauen sollen unabhängig werden


Wir möchten, dass die Frauen selbstständig und unabhängig werden. Sie sollen richtig ankommen in Deutschland.

Wir zeigen ihnen zum Beispiel, wie sie ein eigenes Konto eröffnen können, damit sie es nicht mir ihrem Mann teilen. Wir haben mit einen Ausflug nach Berlin gemacht - für alle unserer Mitarbeiterinnen war es die erste Reise ohne Familie oder Ehemann.

Manchmal kommt einer ihrer Ehemänner vorbei und bringt Mittagessen


Anfangs waren wir nicht sicher, wie das aufgenommen würde, wie die Familien der Frauen reagieren würden. Aber jetzt ist klar: Sie haben das in ihrer Heimat anders gehandhabt, weil es dort so üblich war. Jetzt sind sie hier und machen es eben so, wie es hier üblich ist. Ganz einfach.

Während die Frauen bei uns arbeiten, haben ihre Männer teils noch keinen Job. Manchmal kommt am Mittag einer dieser Ehemänner vorbei und bringt seiner Frau etwas zum Essen vorbei, weil er gekocht hat.

Schneiderinnen aus Afghanistan, dem Iran und Syrien


Unser Unternehmen ist noch nicht profitabel. Das ist okay, weil wir uns als Sozialunternehmen verstehen und die Stadt Frankfurt uns für die Ausbildungsaktivitäten unseres Unternehmens fördert. Aber als Unternehmerinnen haben wir uns eine Deadline gesetzt: In eineinhalb Jahren wollen wir es in die schwarzen Zahlen geschafft haben.

2017-09-08-1504854297-2100683-CopyofHuffPost.png
Ob Flüchtling, ob Deutscher - wir sind alle nur Menschen. Mit Ideen, Hoffnungen, Meinungen. Darüber könnt ihr euch hier austauschen.


Dazu wollen wir selbst Kleidung und Accessoires entwerfen. Claudia und ich tragen beide gern Schals, das werden wir aufgreifen. Und ein Schal ist auch nicht weit von dem Kopftuch entfernt, das unsere Mitarbeiterinnen tragen.

Lob vom Chef der Mutter


Ich bin mir sicher, dass wir den Schritt zu eigener Mode schaffen. Esraa, die als erste zu uns kam, hat am Ende ihres ersten Lehrjahres ein Kleid aus Karo-Stoff für ihre Mutter entworfen und genäht.

esraa ali

Esraa Ali aus Syrien

Karo sauber zu verarbeiten, ist extrem anspruchsvoll. Das Muster sieht nur gut aus, wenn man das Design genau plant, exakt schneidet und sehr präzise verarbeitet.

Esraas Mutter macht ein Praktikum in einem Pflegeheim und hat das Kleid dort getragen. Der Abteilungsleiter hat sie angesprochen, weil er das Kleid so wunderschön fand. Die Menschen merken, wenn etwas gut gemacht ist!

Keine Blümchen-Stickerei von Oma


Wir wollen zusammen mit unseren Frauen die alten Techniken wieder neu einsetzen. Also nicht die Blümchen-Stickerei von Oma, sondern zum Beispiel von Hand gestickte Slogans zum Frauen-Empowerment, hochwertig gestickte Patches im Comic-Stil etwa.

Uns ist klar, dass wir mit diesem Konzept nicht die Masse erreichen. Handarbeit, wie wir sie liefern, hat ihren Preis.

Aber der Trend in der Mode geht genau wie in der Nahrung zu mehr Nachhaltigkeit. Die Leute wollen wissen, woher der Stoff für ihre Kleidung kommt, wer sie genäht hat. Viele junge Labels in Deutschland setzen auf Bio und Upcycling. Sie wollen individuelle Kleinserien, die man ihnen in den Massen-Nähfabriken nicht macht. Etablierte Mode-Größen wie Lidewij Edelkoort und Vivian Westwood setzen auf Nachhaltigkeit. Das ist schon stark!

Wir werden von Kunden überrannt


Wir werden von Kunden überrannt. Wir haben 20 bis 30 Stammkunden wie Mizaan, Coco Lores, Death by Dress, Solostücke und Isargold, insgesamt gab es 150 Anfragen seither.

Inzwischen wissen wir, dass wir Kleinserien bis etwa 100 Stücke gut machen können. Wir wollen noch etwas mehr schaffen, aber dafür sind wir bislang nicht aufgestellt.

Es gibt auch einen Markt, der in Deutschland noch gar nicht angezapft ist: Es gibt unter den zugewanderten Frauen einen großen Bedarf an Mode, wie sie in ihrem Heimatland getragen wird, Hochzeits- oder Abendgarderobe. Das ist auch eine Chance, falls sich unsere Schneiderinnen einmal selbstständig machen wollen.

So ist den Flüchtlingen geholfen - und uns auch


Pionierarbeit - das ist ein großes Wort. Aber wir glauben, dass das, was wir in der Schneiderei machen, auch in vielen anderen Handwerksberufen möglich ist. Es kommen so viele junge, hochmotivierte Menschen zu uns. Wir haben so viele Ausbildungsplätze, die nicht besetzt sind. Wir müssen diese Chance nutzen. Dann ist nicht nur den Flüchtlingen geholfen. Sondern uns auch.

Der Text wurde von Susanne Klaiber aufgezeichnet. Fotos: "Stitch by Stitch"

2016-10-24-1477314417-8667323-image_1465815956.jpeg

Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der HuffPost zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

Diskutiert mit und schickt uns eure Erlebnisse an Blog@huffingtonpost.de.