Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Nicolas Stuhlfauth Headshot

Ein offener Brief an Pegida

Veröffentlicht: Aktualisiert:
PEGIDA
dpa
Drucken

Dieser Text ist ein offener Brief an die Organisator*innen und Demonstrierende der "Pegida" und ihrer Ableger. Mit ausdrücklicher Empfehlung an die Menschen, die es für notwendig erachten mit Verständnis oder Sympathie zu reagieren.

Mit freundlichen Grüßen auch nach Sachsen, wo die CDU jetzt plötzlich eine Verschärfung der Asylpolitik und eventuelle Fehler in der Vergangenheit prüfen will.

2014-12-29-noPegida1.png


Hallo ihr "Pegida"-Demonstrierende,

mit diesen Zeilen widme ich mich dem Quark, den ihr so von euch gebt. Ihr mögt mich dafür hassen oder für einen durch die "Lügenpresse" verblendeten Vollidioten halten, aber ich möchte euch gern die Illusion der von euch propagierten Singularität nehmen. Ihr seid nur der winzige Bruchteil einer Stecknadel im Heuhaufen.

Ihr seid nicht "das Volk"!

Aber was seid ihr dann? Nicht so einfach zu beantworten, aber auf jeden Fall kein homogenes Grüppchen, das gerade mal in die "Nazi-Kiste" gesteckt werden kann. Deckel drauf und zu? So leicht ist es nicht. Sicher: Unter euch sind einige Nazis, aber auch "Wutbürger". Unter euch sind Neurechte. Unter euch sind clevere Leute, z.B. solche, denen es egal ist, ob es den Holocaust gegeben hat.

Unter euch sind Menschen, die offenbar die Religion des Islam als solches ablehnen, zum Beispiel auch eure Organisator*innen bei Facebook (die den Beitrag kurz darauf wieder löschen). Unter euch sind Menschen, die Weihnachtslieder singen, aber keine Refugees haben wollen. Unter euch sind auch Menschen, die vom "christlich-jüdischen Abendland" brabbeln, aber das Verbrennen der Israel-Flagge fordern.

Kurzum: Ihr seid eine Gruppe, die nicht nur viele Widersprüche, sondern in ihrer Gesamtheit auch Angst, Hass und Ablehnung auf die Straßen trägt. Das macht euch gefährlich. Dass ihr da mitmacht -- dafür seid ihr alle gleichermaßen zu kritisieren. Da habe ich mit niemandem Verständnis!

Eure Bewegung, die gibt es nur, weil ihr gemerkt habt, dass ihr nicht alleine, sondern viele seid. Weil ihr mit der Zeit so wütend wurdet, dass das Fass überlief.

Die "Mitte der Gesellschaft" ist empfänglich für eure Botschaften. Ihr sagt ja schließlich, dass ihr keine Nazis seid.

Ihr, wer ihr auch sein mögt, solidarisiert euch durch eure Teilnahme an den Demos mit Personen, die absolut unsolidarischen und undemokratischen Mist verbreiten möchten. Ihr macht da mit! (Ihr wollt das nicht? Dann geht einfach nicht hin!) Flüchtende werden stigmatisiert zur Verbreitung von Hass und Angst gegen alles Fremde.

Menschenverachtende Positionen finden durch euch einen Platz in der scheinbaren "Mitte" der Gesellschaft. Wer sich diesen Protesten anschließt und 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges dadurch Stimmung gegen eine Religion und Flüchtende macht oder fördert, muss sich darüber im Klaren sein, dass dies auf Unverständnis stößt.

Ich habe kein Verständnis für "Pegida". Ich habe kein Verständnis dafür, wenn Rechte sich Sündenböcke suchen und im Namen des Volkes ihren Mist propagieren. Erst recht habe ich keine Sympathie für euch. Nein, das ist aus ganzem Herzen zu verachten.

Denn wer euch Verständnis entgegenbringt, macht eure Bewegung salonfähig.

Es gibt Menschen, die haben große Angst vor euch. Menschen, die von Euch als Schuldige oder als Verbrecher*innen stigmatisiert werden.

Auf eurer Facebook-Seite habt ihr die Frage gestellt, ob der Islam in unsere Zeit gehört. Inzwischen habt ihr den Beitrag gelöscht.

2014-12-30-20141229pegidaCopy.png

Der Post WAR (vor der Löschung) hier abrufbar

Aha. Ich verstehe die Frage als eine rhetorische, die ihr scheinbar mit "Nein" beantworten möchtet. Es geht nicht um Islamismus, sondern um die Ablehnung des Islam. Ich möchte daran erinnern, dass Religionsfreiheit im Grundgesetz garantiert ist. Und das ist gut und richtig so!

Ich sehe erschreckende Parallelen zu einer Zeit in Deutschland, die schlussendlich zur NS-Terrorherrschaft führte. Eine Terrorherrschaft, die 13 Millionen Todesopfer forderte. In der Jüd*innen millionenfach und systematisch verfolgt, gefoltert und ermordet wurden.

Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich diese Zeit (wie vermutlich auch die meisten von euch) nicht miterlebt habe. Weder ihr noch ich tragen an dem, was passierte eine Schuld. Ich möchte euch keinesfalls unterstellen, dass ihr Geschichte wiederholen möchtet.

Was jedoch verglichen werden kann, ist die gesellschaftliche Situation zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit der heutigen. Damals gab es eine steigende Arbeitslosigkeit, heute nach offiziellen Statistiken nicht. Was beide Zeiten eint, ist dennoch die steigende Existenzangst.

Heute wird die ausgelöst durch billige Arbeit, eine immer weiter auseinanderklaffende Verteilung des privaten Vermögens und unterfinanzierte Staatskassen mit riesigen Investitionsstaus.

Durch sinkende Renten. Angst vor Altersarmut. Damals wie heute gehen Menschen auf die Straße, um ihre Unzufriedenheit mit den "herrschenden Verhältnissen" auszudrücken. Damals wie heute werden Feindbilder erzeugt, um die eigenen Positionen zu bekräftigen. Damals Jüd*innen, heute Muslim*innen und Flüchtende. Zu beiden Zeiten "die Politiker" und die "Lügenpresse".

Wenn es euch scheiße geht, dann sagt das, ohne die Falschen als Schuldige zu bezeichnen.

Es ist Mist, dass ihr Feindbilder erzeugt. Wer dermaßen stigmatisiert und Menschen nach Herkunft, Religion, Aussehen, wirtschaftlichen "Werts" fürs System oder was auch immer in ihrer Wertigkeit beurteilt und klassifiziert, wer die Welt durch eine rosarote Brille des Nationalstolzes oder durch Mauern im Kopf betrachtet, erntet von mir vieles. Aber gewiss kein Verständnis.

Deutschland ist ein buntes Land mit vielfältigen Menschen. Und das soll gefälligst auch so bleiben!

Ich werde meine Meinung nicht überdenken, nur weil ihr versucht, Druck auf Politik und Gesellschaft auszuüben. Und ich hoffe, dass mir dies alle so nachmachen. Rassismus ist und bleibt Mist!

Ihr seid nicht das Volk! Ihr vertretet keine schweigenden Massen. Als Teil dieses Volkes stelle ich mich gegen euren Spuk. Ich sage: Nicht in meinem Namen!

Proteste, Gegendemos und Widerspruch sind angebracht. Auf der Straße wie im Netz. Ich rufe alle Menschen auf, sich dem anzuschließen!

Grüße von eurem größten Fan


1 Mio. Unterschriften gegen Pegida - #nopegida
Auch empfehlenswert! Bitte unterschreiben!
www.change.org


Schnelle Nachrichten, spannende Meinungen: Kennen Sie schon die App der Huffington Post?

Sie können sie rechts kostenlos herunterladen.

Get it on Google Play


Video: Unterhaltsam und aufschlussreich: Diese Grafiken lassen Pegida ziemlich blöd aussehen