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Flüchtlinge: Wiener Bürger setzen dieses starke Zeichen

07/07/2015 11:19 CEST | Aktualisiert 07/07/2016 11:12 CEST

Bürgerinnen und Bürger Wiens setzten ein Zeichen für mehr Menschlichkeit, Respekt und Würde. Eine Veranstaltung, die die Welt nicht verändert, aber ein Zeichen setzen möchte, dass Flüchtlinge, Menschen in Not, in Wien willkommen sind. Am 30. Juni 2015 luden wir unsere Gäste zum gedeckten Tisch, zur gedeckten Tafel, in einem Flüchtlingshaus im 21. Bezirk in Wien.

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Eine gedeckte Tafel für Menschen in Not. Wahrscheinlich nicht einmal der sprichwörtliche Tropfen auf dem heißen Stein. Aber eine Geste, ein Statement!

Vielleicht geht es vielen Menschen so wie mir, die sich irgendwann ertappen, dass man - vielleicht viel zu lange - weggeschaut hat bei Entwicklungen, die einem Sorgen bereiten (sollten). Doch mit dem aktiven Protest von Sympathisanten der FPÖ - einer rechten Partei in Österreich - gegen die Unterbringung von Flüchtlingen in einem Heim in Wien Erdberg erhielt ich einen Schlag ins Gesicht und erwachte aus meiner Trägheit.

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Was ist in und mit einer Gesellschaft passiert, in der Hass, Hetze, Angstmache gegenüber Menschen anderer Herkunft, gegenüber Hilfsbedürftigen salonfähig wurde?

Was ist in und mit einer Gesellschaft passiert, die aktiv gegen die Aufnahme von Flüchtlingen mobilisiert? Wie schlecht geht es dieser Gesellschaft, um solche Mechanismen in Gang zu bringen?

Und genau an dieser Stelle wurde ich eines Besseren belehrt. Seit einigen Tagen versuche ich mir selbst ein Bild zu machen, besuche die eine oder andere Erstversorgungsunterbringung von Flüchtlingen, versuche herauszufinden, wie und wo man am besten Hilfe leisten kann, telefoniere und spreche mit zahlreichen Menschen, die in den vielen engagierten Organisationen arbeiten und Menschen in Not betreuen, mit Behörden, mit Bekannten usw.

Die Reaktionen sind eigentlich überall gleich: starke und intensive Solidarität mit Menschen auf der Flucht, ein Schulterschluss quer durch die gesellschaftlichen Bereiche mit dem Bedürfnis, den Brandstiftern in dieser Gesellschaft nicht den Platz zu lassen, das Klima zu vergiften.

Neben den zahlreichen tollen und professionellen Einrichtungen und Organisationen, die aktiv Hilfe leisten, gibt es bereits zahlreiche private Initiativen, die ebenfalls einen kleinen Beitrag dazu leisten wollen, Respekt als einen ethischen Grundwert wieder in den Vordergrund zu bringen.

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Gleichzeitig zeigen Kommentare in sozialen Kommunikationsforen, auf Online-Portalen und die kürzlich getätigte Aussage einer FPÖ-Abgeordneten im österreichischen Parlament - Abschiebungen mit einer Militärtransportmaschine durchzuführen, denn dort könnten die Betroffenen so laut schreien, wie sie wollen -, dass die gesellschaftspolitische Situation eine „Schwierige" ist, in der man sich öffentlich und im privaten Bereich zu den fundamentalen Menschenrechten und zum Respekt gegenüber Mitmenschen, egal welcher Herkunft, bekennen muss.

Erlauben wir uns einfach wieder einen Blick auf das Wesentliche und erinnern wir uns, um was, aber vor allem um wen es geht!

„Flüchtling". Ein Wort, das vermehrt versucht wird, durch das Wort „Asylant" zu ersetzen. Tja, in der Tat haben die Begriffe auch ihre rechtliche Bedeutung, doch kennen wir die demagogischen Versuche aus vielen Epochen und gesellschaftspolitischen Bereichen, Terminologien zu ändern, um gezielt Interessen zu verfolgen. So wurde aus dem Menschen auf der Flucht ein Asylant. Ein um Asyl Ansuchender.

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Artikel 1 der Genfer Flüchtlingskonvention (diese wurde noch nicht in „Asylantenkonvention" umbenannt) definiert einen Flüchtling als Person, die sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt oder in dem sie ihren ständigen Wohnsitz hat, und die wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung eine wohlbegründete Furcht vor Verfolgung hat und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Furcht vor Verfolgung nicht dorthin zurückkehren kann.

Furcht vor Verfolgung. Angst vor Verfolgung. Angst.

Kein schöner Gedanke. Ich habe keine Angst. Ich hatte das Glück, in einem Land geboren worden zu sein, in dem die meisten Menschen materiellen Wohlstand genießen und die meisten Menschen in Sicherheit leben. Ich entschied mich 1999 nach München zu gehen, sozusagen ins Ausland, um dort aus beruflichen Gründen eine Organisation aufzubauen. Ich entschied mich 12 Jahre später, wieder zurück nach Österreich zu gehen. Meine Migration war berufsbedingt, ich hatte selbst die Wahl, ich tat, was ich wollte. Und ich denke, es geht hierzulande den meisten Bürgern so.

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„Schutz vor Verfolgung in Anspruch nehmen": ein Menschenrecht!

Wer bin ich, mir anzumaßen, Menschen auf der Flucht, Menschen in Angst, zu sagen, sie sollen nicht kommen. Sie sollen nicht „um Asyl ansuchen", sondern wieder dorthin zurück, wo die Angst ihren Ursprung hat. Oder wer bin ich, darüber zu urteilen, wer berechtigt Angst hat und wer nicht. Ich denke, ein Land wie unseres muss die Mechanismen haben, sämtliche Anstrengungen aufzubieten, um Menschen in Not zu helfen.

Mein laienhafter Einblick sagt mir, dass wir eine Offensive in der Bereitstellung von Psychologen, Dolmetschern und Sozialarbeitern benötigen, um traumatisierten Menschen die notwendige Hilfe zukommen zu lassen. Sachspenden und Gesten sind wichtig, aber eben nicht genug. Es bedarf auch der finanziellen Unterstützung der vielen professionellen und engagiert tätigen Organisationen. Und Unterstützung muss auch von den Entscheidungsträgern kommen, die sich klar zu den Menschenrechten bekennen müssen! Und vieles mehr.

Wir sind längst an dem Punkt angelangt, wo wir uns selbst aus der Lethargie herausreißen müssen, denn die Kaffeehausdiskussionen über gesellschaftlichen Wandel und Probleme sind zu wenig. Ich sehne mich nach der Beweisführung, dass es unsere materielle Wohlstandsgesellschaft doch nicht verabsäumt hat, auch auf humanitärer Ebene eine solche Entwicklung zu erleben.

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Und somit schließe ich meine Gedanken mit den Erinnerungen an diesen großartigen Abend, den wir gemeinsam mit etwa 100 Flüchtlingen aus Syrien, Tschetschenien, China und vielen anderen Ländern verbringen durften. Auch die Heimleitung - eine Frau, die selbst einmal als Flüchtling nach Österreich kam und heute ihre Kraft und Energie für Menschen in Not aufbringt - und Sozialarbeiter des Samariterbundes, alle großartige Menschen, folgten unserer Einladung.

Wir servierten das Essen an die Tafel, um zumindest ein kleines würdevolle Zeichen des Respektes und der Wertschätzung zu setzen. Das Essen wurde von Mitarbeitern der Vinzirast, einem Projekt zur Reintegration von Obdachlosen und sozial schwachen Menschen in Wien, die sich umgehend bereit erklärt haben, die Umsetzung der Aktion IHR SEID UNSERE GÄSTE zu unterstützen, zubereitet. Menschen, die selbst eine Chance und Unterstützung erhielten, Not zu überstehen, helfen Menschen auf der Flucht. Dies zeigt wahre Größe.

Ein wunderschöner, gemütlicher Abend, der durch das einfache Zuhören für mich zu einer unglaublichen Bereicherung wurde. Zuhören und versuchen zu verstehen, das täte uns allen gut.


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