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Iceberg, der weiße Orca

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ICEBERG
Ferop
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Inmitten schwarzer Finnen ragt, wie ein Schwert, eine mächtige schneeweiße Rückenflosse in die Höhe. Sie gehört einem männlichen Schwertwal, auch Orca genannt, dem Wissenschaftler den Namen „Iceberg" gegeben haben.

Erstmals wurde er im Sommer 2010 in russischen Gewässern vor Kamtschatka gesichtet und die Veröffentlichung seines Fotos versetzte die Weltöffentlichkeit in Staunen. Die erneute Sichtung des adulten, jetzt geschätzte 22 Jahre alten Orcas sorgt erneut für intensive Reaktionen, denn sie geht mit der Identifikation von weiteren vier bis sieben völlig weißen Orcas einher. Es handelt sich damit um die höchste bekannte Dichte albinotischer oder leuzistischer Meeressäuger.

Iceberg gehört vermutlich zu den ortstreu lebenden Orcas, die sich von Fisch ernähren, während sogenannte „transiente" Gruppen auch Jagd auf andere Meeressäuger machen, wie man es aus Dokumentationen der Jagd auf Robben an der Halbinsel Valdez in Argentinien kennt.

Am Ende der Nahrungskette

Die am Ende der marinen Nahrungskette stehende größte Delfinart wird auch als Schwert- oder Killerwal bezeichnet, hat aber noch eine weitere Bezeichnung, die aus der Mythologie indigener Völker entlehnt wurde: Blackfish.

Blackfish war auch der Titel eines Dokumentarfilms, der im Jahr 2013 erschien und anhand des Schicksals des männlichen Orcas „Tilikum" die Tragödie der Gefangenschaftshaltung verdeutlicht. Tilikum wurde im Jahr 1983 in isländischen Gewässern gefangen, seither in mehreren Vergnügungsparks gehalten und tötete 2010 die Trainerin Dawn Brancheau bei Sea World in Orlando, Florida.

In freier Wildbahn ist kein einziger derartiger Vorfall mit einem Schwertwal bekannt, während sich in Gefangenschaft über die Jahre Zwischenfälle auch mit tödlichem Ausgang häuften. Der Dokumentarfilm Blackfish ließ ehemalige Trainer und Experten zu Wort kommen, die ein unrühmliches Bild des Vergnügungsparkgiganten zeigten und die Haltung dieser hochentwickelten Meeressäuger an sich in Frage stellten.

Die direkte Trainer-Tier-Interaktion wurde beendet, der Aktienkurs des Unternehmens brach ein und letztendlich verkündete Sea World die Einstellung der Zucht von Orcas, womit das Ende der Haltung von Orcas in Gefangenschaft eingeleitet ist.

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Ein Trend, mitverursacht durch den Wandel der öffentlichen Meinung in Europa und den USA, der sich in anderen Teilen der Welt noch nicht abzeichnet. Während die Delfinarien in Westeuropa und den USA weniger werden, sprießen diese in Asien und auf der arabischen Halbinsel aus dem Boden. Damit verbunden ist auch der Fang der Meeressäuger aus der freien Wildbahn.

Vergnügungsparkbetreiber tun sich vor allem bei der Anschaffung von Orcas schwer, da sämtliche Länder, in denen Orcas bisher gefangen wurden, den Fang entweder verboten haben oder keine Genehmigungen mehr erteilen. Dazu zählen Argentinien, Island, Kanada und die USA. Selbst in Japan wurden seit zwei Jahrzehnten keine Orcas mehr gefangen, was jedoch auch daran liegt, dass diese in japanischen Gewässern aufgrund jahrelanger Jagd kaum mehr vorkommen.

Der Wildfang hat bedrohliche Auswirkungen

Doch wegen des hohen Marktwertes der Tiere fand sich für die lukrative Showindustrie eine neue Jagdregion: die Gewässer im Osten Russlands. Icebergs Heimat. Seit 2012 wurden in dieser Region mindestens 16 Orcas gefangen und ihren Familienverbänden entrissen.

Ein Team junger, engagierter russischer Wissenschaftler des Projekts FEROP präsentierte in den vergangenen Jahren mehrfach wissenschaftliche Daten, die die negativen Auswirkungen des Wildfangs dokumentieren, woraus sich die Forderung nach einem sofortigen Fangverbot ergibt.

Dann tauchte Iceberg wieder auf. Der weiße Riese, der auf Grund seiner seltenen Erscheinung eine zusätzliche Faszination auf uns Menschen ausübt. Manch Vergnügungsparkbetreiber mag vom Kassenmagneten „Iceberg" träumen, der in einem kleinen Becken seine Runden dreht und auf Kommando seinen Körper in die Höhe wuchtet, um das kreischende Publikum nass zu spritzen.

Doch der eingeleitete Wandel der öffentlichen Meinung und die Erkenntnisse der Wissenschaft sind nicht mehr zu stoppen. Iceberg ist der weiße Blackfish. Ob es ihm selbst etwas hilft, bleibt offen.

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