Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Nicola Schmidt Headshot

Schlafen lernen für Eltern

Veröffentlicht: Aktualisiert:
PARENTS BABY SLEEPING FILTER
Thanasis Zovoilis via Getty Images
Drucken

Stellen Sie sich vor, Sie sind in einem Tipi-Lager im Wald. Abends wird es erst dunkel - richtig dunkel! -, dann kalt. Im Wald hört man Tiere rascheln, vielleicht jault in der Ferne ein Wolf, oder es bellt ein Fuchs. Tagsüber haben Sie gesehen, wie Schlangen sich durch das Unterholz schlängeln. Jetzt ist es Abend, die Erwachsenen sitzen ums Feuer herum und reden. Auf Ihrem Arm ist Ihr Baby gerade eingeschlafen. Wo würden Sie es nun hinlegen? Ins Zelt am anderen Ende des Platzes? Auf den Boden, ein paar Meter weiter ins Dunkle?

Gehen wir mit unseren Babys zelten, stellen wir sehr schnell fest, warum sie erwarten können, dass sie nicht allein schlafen müssen: In der Umgebung, in der Menschen in den vergangenen Jahrtausenden gelebt haben, kam und kommt wohl niemand ernsthaft auf die Idee, einen Säugling allein nachts irgendwo abzulegen. Er könnte frieren, hungern, von Insekten oder größeren Tieren behelligt werden oder wegkommen.

Aus dem gleichen Grund wäre es gefährlich, ohne den Schutz eines Erwachsenen einzuschlafen - deswegen suchen die meisten Babys die Nähe ihrer Bezugspersonen, bevor sie ins Land der Träume abdriften. Die Anthropologen bestätigen unser Bauchgefühl vom Campingplatz: Alle in der Natur lebenden Jäger und Sammler schlafen bei ihren Babys, egal, ob sie in der Arktis oder in der heißen Kalahari sind.

Unsere Kultur und unsere Lebensumstände haben sich in den vergangenen 10 000 Jahren zwar dramatisch verändert, aber dass Babys Schutz, Muttermilch und Körperwärme brauchen, ist gleich geblieben.

Alle Eltern haben Erziehungsziele

Das Ziel des Familienbetts ist es, dass Kinder eine gesunde, entspannte Haltung zur Nacht und zum Schlaf entwickeln. Sie sollen Schlafen als kuschelig, angenehm, schön erfahren. Schlafen, Einschlafen und Durchschlafen als Kampf um vermeintliche Selbstständigkeit anzusehen ist eine sehr neue Entwicklung.

Der amerikanische Kinderarzt Dr. William Sears sagt dazu, dass Familienbettkinder zwar später lernen, allein einzuschlafen, und auch später als andere Kinder durchschlafen, sie dürften dafür aber "diese so verletzliche, schutzbedürftige Phase ausleben und müssen sie nicht später mit Ersatz füllen".

Natürlich kann man ein Kind daran gewöhnen, sich mit Kuscheltier und Nuckel zufriedenzugeben. Aber das sind alles Mutterattrappen. Artgerecht für Menschenkinder ist es, für ihr Bedürfnis nach Sicherheit und Kontakt Menschen um sich zu haben, die ihnen vertraut sind - auch nachts.

Babys schlafen anders als Erwachsene

Wir gehen ins Bett, fallen in Tiefschlaf und haben dann einige Schlafzyklen mit sehr tiefem Schlaf und Traumphasen, zwischen denen wir uns umdrehen, die Decke zurechtruckeln und dann weiterschlafen, ohne es zu merken.

Babys schlafen anders - denn sie brauchen nachts Nahrung für ihr schnelles Wachstum, und in zu tiefem Schlaf können sie auf potenziell gefährliche Situationen nicht reagieren (nasse Windel, Kälte, Hitze oder Atemaussetzer).

In den ersten sechs bis neun Wochen beginnt die biologische Uhr von Babys überhaupt erst zu arbeiten. Mit vier bis fünf Monaten läuft sie zwar, aber es dauert unter Umständen bis zum neunten oder zehnten Monat, bis das Baby einen eigenen zirkadianen Rhythmus etabliert hat.

Babys brauchen etwa zwanzig Minuten, bis sie in ihrer ersten Tiefschlafphase angekommen sind

Sie verbringen dort nur vergleichsweise kurze Zeiten, haben daher mehr und kürzere Schlafzyklen und lernen erst von uns, diese einzelnen zu einer dauernden Episode zu verbinden.

Es ist daher normal - und gesund -, dass unsere Babys nicht wie ein kleiner Stein acht Stunden am Stück schlafen. Ebenso sinnvoll ist es, nicht einfach irgendwo einzuschlafen. Manche Kinder lassen sich mit einem Schnuller ablegen und sind weg - was früher gefährlich gewesen wäre, ist heute äußerst praktisch.

Aber viele, viele Babys schlafen nur auf dem Arm oder in der Trage ein, wachen auf, sobald man sie verlässt, und checken nachts immer wieder, ob noch alle da sind. Das ist ein Sicherheitsmechanismus, mit dem die Babys dafür sorgen, dass sie in diesem verletzlichen Zustand - Schlaf - geborgen und geschützt sind.

Je mehr Erfahrung von Geborgenheit ein Baby macht, desto besser lernt es, Schlaf und Nacht als Freund zu betrachten, ebenso wie die Stunden des Tages und des Spiels.

Schlafen lernen für Eltern

Die meisten Tipps zum Thema "Babyschlaf" beschäftigen sich damit, wie wir unseren Babys das Schlafen beibringen: Einschlafen und möglichst durchschlafen. Aber wie kommt es, dass unsere Babys das nicht können? Die Antwort ist: Sie können alles, was sie brauchen. Eigentlich sind wir Eltern es, die wieder "artgerecht" schlafen lernen müssen.

Erste Lektion

Es gibt nicht den Menschenschlaf. Das Konzept, acht Stunden durchzuschlafen und den Rest des Tages zu arbeiten, ist weder natürlich noch normal. Diese klare Trennung zwischen Tag und Nacht ist etwas, was wir uns ausgedacht haben, weil es gut in unsere Industriegesellschaft passt.

Das Jäger-und-Sammler-Volk der !Kung San zum Beispiel schläft völlig anders. Dort schläft man tags und nachts, wann immer man möchte. Nachts einige Stunden am Feuer zu sitzen und zu reden ist ebenso normal, wie tagsüber immer mal wieder für ein paar Minuten oder sogar Stunden wegzudämmern.

Als Forscher versuchten, das "Schlafverhalten" von Naturvölkern zu untersuchen, kamen sie zu dem Schluss, dass Schlaf einfach eine sehr individuelle Sache ist, die von Mensch zu Mensch, von Tag zu Tag und von Lebensphase zu Lebensphase variiert.

Zweite Lektion

"Aufgeweckt werden" und "gut schlafen" sind Konstrukte. Kulturübergreifende Beobachtungen zeigen: In westlichen Kulturen ist die Idee vom "Durchschlafen" weiter verbreitet als in allen anderen. Hier wird auch das Wecken durch das Kind am dramatischsten empfunden. In anderen Kulturen ist das schon deshalb nicht so schlimm, weil man Schlaf ja jederzeit "nachholen" kann.

Schlaf hat viel mit unserer inneren Einstellung zu tun. Wenn man Studenten im Schlaflabor erzählt, sie hätten gut geschlafen, zeigen sie hinterher bessere Ergebnisse in Tests - egal, wie sie tatsächlich geschlafen haben.

Dritte Lektion

Sorgen Sie für eine artgerechte Umgebung. Unsere Tage sind - durch das nicht artgerechte Leben - oft so strukturiert, dass eine Mutter nur schlafen kann, wenn ihr Baby schläft, weil sie wenig bis keine Unterstützung hat.

Wenn sie zudem noch zu den Menschen gehört, die tagsüber nicht schlafen können oder "dürfen", dann wird Nachtschlaf plötzlich zu einer unverhältnismäßig relevanten Größe. Wenn das Baby nicht schläft, "schaffe ich den Haushalt nicht, habe ich keine Zeit für mich, haben wir keine Zeit als Eltern, kann ich nichts für mich tun, kann ich nicht duschen ...".

Vieles von dem, was wir ohne Baby machen wollen oder müssen, muss anfangs während der eigentlich vorgesehenen Schlafenszeit passieren. Schläft das Baby nicht so, wie wir es geplant haben, steigt schnell der Frust. Aber dafür können die Babys nichts. Sie schlafen so, wie sie es seit Jahrtausenden tun.

Betrachten wir nämlich die Welt, in der wir uns entwickelt haben, stellen wir schnell fest, dass wir in unserer angestammten Gruppe aus etwa 25 Mitgliedern mit Großeltern, Geschwistern, Onkeln und Tanten, Nichten und Neffen in früheren Zeiten immer und jederzeit Hilfe hatten, um uns mal eben "aufs Ohr hauen" zu können. Oder zu waschen. Oder nichts zu tun. Wir waren noch nie so allein wie jetzt. Deshalb war Schlaf auch noch nie solch ein Thema wie heute.

Vierte Lektion

Sehen Sie das Schlafthema entspannter. Schauen Sie, wie lange Ihr Baby Sie jetzt noch brauchen wird, und setzen Sie die Prozesse in Perspektive. Holen Sie sich auf jeden Fall Hilfe.

Zeichnet sich ab, dass Sie "unterschlafen" sind, gehen Sie Ein- und Durchschlafen als langfristiges Projekt an, und beginnen Sie damit, lange bevor Sie nur noch die Notbremse ziehen können.

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch artgerecht - Das andere Baby-Buch von Nicola Schmidt.

Hier könnt ihr das Buch kaufen.

2016-07-13-1468421981-6830838-9783466346059.jpg

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Geheimnisse des Gehirns: Schlafen oder aufwachen auf Befehl? Forscher wissen jetzt, wie das geht

Lesenswert: