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Zäsur ohne Neuanfang - Chance vertan für die SPD!

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SIGMAR GABRIEL MARTIN SCHULZ
Fabrizio Bensch / Reuters
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Sigmar Gabriel hat am Dienstag über die Zeitschrift "Stern" verkündet, dass er den SPD-Parteivorsitz an seinen Freund Martin Schulz übergeben wird. Schulz soll dann auch Kanzlerkandidat werden und Gabriel Außenminister. Begründet wird dies mit den schlechten Umfrage-Ergebnissen und mit Rücksicht auf Familie und Gesundheit.

Was für eine Farce! Ich bin wirklich stark genervt.

Da kämpft die SPD immer und überall für mehr Gleichberechtigung und fordert neue Beteiligungsformate, aber die Kanzlerkandidatur wird nach Gutsherrenart zwischen zwei alten Männern ausgehandelt.

Ich fühle mich verarscht

Gabriel sichert sich das Außenministerium, damit er im Falle von einer Neuauflage der Großen Koalition gesetzt ist, Schulz kann dann als Job-Garantie die Kombination von Parteivorsitz und Fraktionsvorsitz mitnehmen.

Als Genosse fühle ich mich maximal verarscht, weil zwei Kumpels sich hier gegenseitig mit Posten versorgen und völlig ins Hintertreffen gerät, warum man eigentlich bei einer Bundestagswahl antreten sollte.

Mehr zum Thema: Gabriels schweres Erbe: Warum der Rücktritt des SPD-Chefs einen Scherbenhaufen hinterlässt

Ich höre dann immer: "naja, aber die Frauen wollten wohl nicht." - dazu kann ich nur sagen, dass man eben auch ein Klima schaffen muss, in dem junge Menschen gefördert werden und nicht die Alten an den Posten kleben bleiben bis über die Rente hinaus.

Es ist allerdings genau so schlimm, dass die Generation 30-50 das mit sich machen lässt und den Alten nicht klar macht, dass ihre Zeit vorbei ist.

Die GroKo ist der falsche Weg

Es geht bei der Bundestagswahl um eine Richtungsentscheidung. Ich plädiere für ein fortschrittliches Deutschland, dafür ist meiner Meinung nach eine GroKo der falsche Weg. Aber wenn man gewählt werden will, dann muss man auch Menschen haben, die für einen Neuanfang stehen und sich nicht über einen Kuhhandel die Posten sichern, damit es bis zur Rente reicht.

Martin Schulz hatte als EU-Parlamentspräsident seinen Zenit in Europa erreicht. Bei der Absprache mit EU-Kommissionschef Juncker hatte er sich verzockt und suchte dann eine Anschlussverwendung.

Die hat er jetzt bekommen, als Parteivorsitzender und Kanzlerkandidat der SPD. Auch wenn die Wahl krachend verloren geht, wird er Fraktionsvorsitzender werden und so weiterhin der Politik erhalten bleiben. Gabriel wird mit Rücksicht auf Familie und Gesundheit Außenminister, denn als Außenminister ist er sicherlich kaum gefordert gerade in den turbulenten Zeiten von Brexit und Trump.

Ein schwarzer Tag für die Sozialdemokratie

Schulz und Gabriel haben sich gekonnt die Posten zugeschoben und erwarten nun die geschlossene Unterstützung der Partei, schliesslich ist Wahlkampfjahr. Das ist das falsche Signal. Gabriel hat von Merkel gelernt und so lange alle hingehalten, bis die Partei aus Gründen der Zeitknappheit vor vollendete Tatsachen gesetzt wurde.

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Die SPD hat keine Debatte über Kandidaten und Positionen geführt, sondern bekommt auf den letzten Drücker einen Kandidaten und Parteivorsitzenden präsentiert, der für vieles steht, nicht aber für den dringend nötigen Neuanfang.

In der SPD werden Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur zwischen zwei Kumpels verteilt. Was für eine Niederlage für die innerparteiliche Demokratie und was für ein schlechter Start in das Wahljahr!

Heute wurde eine große Chance für einen Neuanfang vertan. Das war ein schwarzer Tag für die deutsche Sozialdemokratie.

Nico Lumma lebt in Hamburg und bloggt auf lumma.de. Er ist Mitglied der Medien- und netzpolitischen Kommission des SPD-Parteivorstandes und Co-Vorsitzender des Vereins D64 - Zentrum für digitalen Fortschritt.

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